Quelle: Julia Nikoleit
Aus der Praxis: Wie funktioniert ein gutes Schiedsrichter-Coaching im Rahmen eines Turniers?
Nach ihrem letzten Einsatz an einem intensiven Wochenende sitzen Dominik und Nils Zahs vor der Leinwand im Besprechungsraum in Fredenbeck. In zwei Tagen haben die Brüder aus dem HV Niederrhein bei dem Vorbereitungsturnier der weiblichen A-Jugend sieben Spiele geleitet, zum Abschluss das Halbfinale zwischen dem Buxtehuder SV und der SG Hamburg-Nord. Gemeinsam mit Bundesliga-Schiedsrichter Sebastian Klinke arbeitet das junge Gespann nun seine Leistung auf.
Es ist die große Besonderheit beim Mohr Sports Cup in Fredenbeck, die den Reiz für die jungen Schiedsrichter*innen ausmacht: In den beiden Elitekader-Referees Jannik Otto und Raphael Piper sowie den erfahrenen Bundesligaschiedsrichtern Matthias und Sebastian Klinke lernen die drei Nachwuchs-Teams von ihren Vorbildern. Einer der vier Coaches sitzt bei jedem Spiel in Fredenbeck als Delegierter am Tisch und führt anschließend ein videogestütztes Coaching durch. Das Bildmaterial des Spiels wird von den Turnierveranstaltern sofort nach dem Abpfiff zur Verfügung gestellt.
Das von Zahs/Zahs geleitete Halbfinale geht am Ende deutlich aus, doch Gesprächsstoff gibt es für die Nachwuchs-Referees und ihren Coach trotzdem genug. „Es gibt nichts schlimmeres als ein Spiel, das mit 10, 15 Toren Unterschied ausgeht und ich stehe danach als Schiedsrichter dar und frage mich: Was habe ich jetzt eigentlich für meine Entwicklung mitnehmen können?“, sagt Klinke.
Der Bundesliga-Schiedsrichter hat sich auf seinem Tablet mehrere Szenen notiert, die das Trio nun durchgeht. Klinke geht es dabei nicht um einzelne Richtig-oder-Falsch-Entscheidungen, sondern um die übergreifende Linie. „Es geht nicht um Schuld oder Nicht-Schuld“, wird er sagen, als sich einer der Brüder für einen falschen Pfiff entschuldigt.
Klinke spielt daher nacheinander verschiedene Siebenmeter-Situationen ab und arbeitet mit Zahs/Zahs heraus, welcher Strafwurf stimmig ist und welcher nicht passt - und warum. Das Spielverständnis nimmt dabei viel Raum ein. „Was soll die Abwehr in der Situation anders machen?“, will Klinke wissen. Aber auch kleine praktische Tipps hat er parat. „Nie mit dem Rücken zum Spielfeld stehen“, rät er in einer Szene, als sich der Torschiedsrichter zu einem Einwurf abwendet und auf einmal das Ballfangnetz vor sich hat.
Drei Stunden später wird Klinke in seinem nächsten – und letzten – Coaching an diesem Wochenende noch einmal ähnliche Punkte ansprechen. „Ich habe es den Jungs vorhin auch gesagt: Dreht dem Spielfeld nie den Rücken zu, denn eine Situation ist nie gleich beendet“, sagt er im Gespräch mit Kimberly und Janica Büschgens, die kurz zuvor das Finale des Turniers geleitet haben. „Es geht nicht um Rechtfertigung“, betont er kurz darauf nach der Diskussion über eine andere Szene.
Doch Verbesserungsvorschläge und konstruktive Kritik sind nur ein Teil der Coachings – mindestens ebenso wichtig ist für Klinke, über positive Szenen zu sprechen. „Ihr habt es gut gemacht und in den entscheidenden Momenten nicht reingepfiffen“, lobt er die Schwestern nach dem Finale. Am Vortag eröffnete er ein Coaching der Zahs-Brüder mit der Videoaufnahme eines gelungenen Vorteils und klopfte ihnen auf die Schulter: „Geil gemacht, das könnt ihr euch einrahmen!“
Bei den jungen Schiedsrichtern kamen das Coaching nach jedem Einsatz gut an. „Unfassbar hilfreich und lehrreich“ sei das Wochenende gewesen, bilanziert Kimberly Büschgens. Auch Dominik Zahs war begeistert. „Persönlich hat uns das enorm weitergeholfen“, sagt er und hob die Atmosphäre hervor: „Wir haben uns extrem wohlgefühlt und der Umgang mit den Coaches war sehr angenehm, sodass wir ohne Druck wirklich konstruktiv an uns arbeiten konnten.“
Bausteine für eine erfolgreiche Coaching-Maßnahme
Die gute Atmosphäre bei dem familiären Turnier ist sicherlich einer von mehreren Bausteinen für die gelungene Fördermaßnahme in Fredenbeck. Den Kern stellt jedoch die Möglichkeit der sofortigen (gemeinsamen) Videoanalyse dar – und die Begleitung bei jeder einzelnen Partie durch die Coaches, die erst als Delegierte am Tisch unterstützten und anschließend in die Analyse gingen.
„Da wir die Szenen bildlich gezeigt bekommen haben, wusste man sofort, um welche Szene es genau geht und konnte sachlich anhand des Bildmaterials diskutieren, wie man zum Beispiel die Entscheidung vielleicht besser hätte verkaufen können“, beschreibt Zahs. „Und da man in jedem Spiel einen Coach hatte, der für einen zuständig war, hat man sich jederzeit gut betreut gefühlt - und es hat den Ehrgeiz geweckt, die Fehler des Spiels davor direkt abzulegen.“
Das ist ein Punkt, den auch Büschgens hervorhebt. „Wir konnten sofort anwenden, was besprochen wurde - selbst, wenn man etwas dann nur ausgetestet hat und es für einen nicht funktioniert“, hält sie fest. „Das gibt einem die Möglichkeit, in kurzer Zeit an so viel zu arbeiten, wenn man es nur zulässt.“ Gerade in Punkto Persönlichkeitsentwicklung sei eine solche Coachingsmaßnahme viel wert, denn „ab einer gewissen Liga kommt es immer mehr darauf an, wie man die die Spielsituationen verkauft und angeht.“
Hinzu kommt in Fredenbeck der Austausch untereinander. Der Besprechungsraum mit Beamer und Leinwand zugleich der Aufenthaltsraum für die Schiedsrichterteams, die nicht im Einsatz sind - dass diese so bei den Coachings der anderen Gespanne zuhören können, um nebenbei Anregungen mitzunehmen, ist sogar gewünscht. Einzelne Spiele wurden zudem von den Coaches selbst gepfiffen. Zahs: „So konnten wir uns anschauen, wie sie das eigentlich machen.“
Worauf kommt es inhaltlich an?
Der Schwerpunkt für die vier Coaches war jedoch natürlich die Arbeit mit den jungen Gespannen, damit diese möglichst viel für sich mitnehmen können. „Die entscheidende Frage in einem Coaching ist für mich: Wie kann ich dir bzw. euch helfen?“, beschreibt Klinke. „Man muss als Coach gucken, wo der Schiedsrichter steht und dann individuell eine Hilfestellung geben.“
Jeder Schiedsrichter sei im Ligaalltag schon einmal einem Coach begegnet, „der viel von früher erzählt und immer von seinem Standpunkt aus auf ein Spiel guckt“, beschreibt er. „Aus meiner Sicht bringt es bei einer Coachingmaßnahme oft mehr, sich gemeinsam anzugucken, was die Schiedsrichter auf dem Feld gemacht und was ihnen helfen kann, um das nächste Mal noch besser durch das Spiel zu kommen.“
Für eine (mehrtägige) Coachingmaßnahme, die sich in erster Linie um die Weiterentwicklung dreht, rät Klinke daher von Punktzahlen oder den offiziellen Coachingbögen ab. „Es reicht, sich auf einer Kladde zu notieren, was gut war und welche Szenen man nach dem Spiel besprechen will“, sagt er. „Jedes Mal das ganze Spiel im Detail durchzugehen oder sein Coaching zu überladen, bringt nichts - gerade bei mehreren Spielen am Tag nicht.“
Es gehe vielmehr darum, den ‚Werkzeugkoffer‘ eines Schiedsrichters zu vergrößern. „Mein Ziel als Coach ist es, dass der Schiedsrichter ein, zwei Dinge für sich mitnehmen kann“, fasst Klinke zusammen. „Wenn das gelingt, haben wir gewonnen.“ Dabei sei es jedoch wichtig, keine Vorgaben, sondern ein Angebot zu formulieren. „Ein Coach muss Input und Ideen geben“, betont Klinke. „Er muss sagen: Guck doch mal, ob du das gebrauchen kannst - und dann müssen die Schiedsrichter selbst entscheiden, was sie annehmen wollen.“
Das zieht sich durch seine Coachings an diesem Wochenende. „Wenn es hektisch wird, lege ich dem Spieler gerne die Hand auf die Schulter, aber das passt nicht für jeden“, erklärt er. Er fordert die jungen Schiedsrichter daher auch gerne auf, selbst Schwerpunkte festzulegen. „Ich habe sie hin und wieder vor dem Spiel gefragt, was wir uns danach angucken wollen und worauf ich achten soll.“
Generell sei es wichtig, den zweiten nicht vor dem ersten Schritt zu machen. „Es ist nicht sinnvoll, immer in die Bundesliga zu gucken – das Coaching muss dem Stand des Schiedsrichters entsprechen“, so Klinke. „Das Fundament muss stimmen - sprich: Ein Schiedsrichter muss Entscheidungen sehen und selbstbewusst genug sein, diese Entscheidungen auch umzusetzen. Und nur, wenn man soweit ist, um sicher durch jedes Spiel kommen kann, kann man nach und nach seine Stärken entwickeln.“
So ging es auch in Fredenbeck hin und wieder zurück an die Basics - und Klinke forderte ein Gespann in einem Spiel auf, versuchsweise dass für ihre Liga bereits übliche Headset wieder abzulegen. „Eure Kommunikation mit den Spielerinnen war gleich viel besser“, lobte er anschließend. Die positive Bestätigung ist für ihn ein Schlüssel: „Gerade jungen Schiedsrichtern ist es noch oft unangenehm, wenn sie einen Fehler machen und man im Coaching darüber spricht. Viele sind dann beschämt oder traurig – dabei ist das nicht notwendig, denn sie haben ja ihr Bestes gegeben.“