Quelle: HVSH

Aus der Praxis: Eine Online-Fortbildung zur Reaktivierung von Schiedsrichterlizenzen

Der Schiedsrichter-Mangel ist in Deutschland allgegenwärtig. Über verschiedene Projekte zur Neuausbildung versuchen Kreis-, Bezirks- und Landesverbände immer wieder, Handballer*innen, Nachwuchsspieler*innen und Eltern davon zu überzeugen, zur Pfeife zu greifen. Im HV Schleswig-Holstein spricht man auch eine andere Gruppe gezielt an: Ehemaligen Schiedsrichter*innen, deren Schiedsrichterschein ausgelaufen ist. Malte Butzlaff, zuständig für das Schiedsrichterwesen im nördlichsten Landesverband, stellt das Projekt zur Reaktivierung der Schiedsrichterlizenz vor.

Malte Butzlaff (Quelle: HVSH)

Der Grundgedanke ist einfach: Um ehemalige Schiedsrichter*innen zurück an die Pfeife zu holen, soll der Einstieg so einfach wie möglich sein. Statt der aus mehreren Online- und Präsenzphase bestehenden Neuausbildung können die früheren Unparteiischen ihre Lizenz mit einer einzigen Online-Fortbildung reaktivieren.

„Es gibt überall zu wenig Schiedsrichter, um den Spielbetrieb zu sichern, aber es gibt auch extrem viele ehemalige Schiedsrichter in der Handball-Familie“, fasst Butzlaff zusammen. „Sie haben vielleicht irgendwann aus beruflichen, familiären oder zeitlichen Gründen aufgehört und wenn die Umstände sich ändern, schreckt der Gedanke an eine komplette Ausbildung ab. Diese Hürde wollen wir durch eine solch niedrigschwellige Maßnahme reduzieren.“ 

Obwohl für die (Neu-)Ausbildung eigentlich die Kreishandballverbände in Schleswig-Holstein zuständig sind, wird die Online-Fortbildung zur Reaktivierung vom Landesverband organisiert und durchgeführt. „Die Ressourcen der ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Kreishandballverbänden sind endlich“, weiß Butzlaff. „Außerdem hat jeder Kreishandballverband vielleicht nur zwei oder drei Ehemalige pro Jahr, die wieder anfangen wollen, aber für so wenig Personen ist der Aufwand für einen eigenen Lehrgang zu groß. Deshalb bündeln wir die Kräfte und übernehmen das als Landesverband mit einer Online-Veranstaltung.“

Anmelden können sich alle interessierten ehemaligen Schiedsrichter*innen, die wieder einsteigen wollen. Ob die Lizenz erst ein Jahr, fünf Jahre oder acht Jahre ausgelaufen ist, spielt keine Rolle. Die Inhalte haben Butzlaff und Referent Patrick Setter, Leiter Organisation Schiedsrichterwesen im HVSH, entsprechend ausgerichtet.

„Wir wissen, dass alle Teilnehmer schon einmal die Grundregeln gelernt haben. Daher konzentrieren wir uns in der Reaktivierung auf die Regeländerungen von 2016 und 2022 und stellen zudem die Anpassungen und Schwerpunkte der aktuellen Spielzeit vor, die wir auch auf den regulären Fortbildungen vor Saisonbeginn gelehrt haben“, fasst Butzlaff zusammen.

Zum Ende der vierstündigen Online-Fortbildung wird über das Schiedsrichterportal der Regeltest absolviert, der Voraussetzung ist, um pfeifen zu dürfen. Eine Fitnessüberprüfung ist für den Einsatz auf Kreisebene nicht vorgeschrieben. 

„Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, die Reaktivierung für alle ehemaligen Schiedsrichter anzubieten und keine zeitliche Begrenzung zu setzen“, fügt Butzlaff hinzu. „Die Not ist zu groß, um dort eine Einschränkung zu machen und über den Regeltest stellen wir ja auch sicher, das ein gewisses Verständnis vorhanden ist.“

Die erste Auflage des Angebots führte der HVSH bereits im Sommer durch und reaktivierte 22 ehemalige Schiedsrichter*innen zwischen 18 und 48 Jahren, die bereits auf Kreisebene zum Einsatz kommen. „Wir haben im Nachgang die Lizenz ausgestellt und die Kreishandballverbände informiert“, berichtet Butzlaff. „So gab es eine ordentliche ‚Übergabe‘ der reaktivierten Schiedsrichter an ihre Kreishandballverbände und keiner geht verloren, weil der heimatliche Ansetzer nicht informiert ist.“

Das Feedback aus den Kreishandballverbänden war „sehr positiv“, berichtet Butzlaff. „Sie waren dankbar für die Unterstützung bzw. Entlastung.“ Der zweite Reaktivierungskurs findet am Sonntag, 14. Januar 2024 von 10 bis ca. 14 Uhr statt; die Anmeldung ist online möglich. „Wenn es Interessenten aus anderen Landesverbänden gibt, nehmen wir sie auch gerne auf“, sagt Butzlaff. „Ob es online zehn Teilnehmer mehr oder weniger sind, ist kein Problem – es kann uns also jeder gerne seine interessierten ehemaligen Schiedsrichter schicken.“

Butzlaff ist seit August 2021 beim HVSH für das Schiedsrichterwesen zuständig und weiß um die Not in seinem Landesverband. Die Zahlen hat er sofort parat: Von 2.874 Schiedsrichtern im Jahr 2004 sank die Zahl über 2.199 (2010) und 2.162 (2019) auf mittlerweile 1.602 (2023). „Da hat Corona noch einmal eine große Rolle gespielt“, weiß Butzlaff. 

Die Reaktivierung ehemaliger Schiedsrichter ist ein Baustein, um den Trend zu stoppen und im Idealfall vielleicht sogar umzukehren. „Wir haben dieses Jahr 350 neue Schiedsrichter ausgebildet, das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr“, freut sich Butzlaff. „So muss es weitergehen.“

Allerdings sei es nicht nur entscheidend, neue Schiedsrichter zu gewinnen. „Wir müssen es schaffen, die Drop-Out-Quote zu reduzieren“, betont Butzlaff. „Es ist zwar bekannt, dass viele in den ersten ein, zwei Jahren verloren gehen, aber wenn in einem Kreishandballverband von 60 Neulingen nach wenigen Monaten schon wieder zehn aufgehört haben, ist das trotzdem erschreckend.“ Aber wer weiß? Vielleicht greift der ein oder andere in einem oder zwei Jahren ja doch wieder zu Pfeife – und reaktiviert seine Lizenz über die Online-Fortbildung …