Thorsten Zacharias ist seit 2011 Leiter des DHB-Schiedsrichter-Beobachtungswesens (Foto: DHB).
Auf der Suche nach dem Rhythmus
Während der eine Schiedsrichter zwei Spiele an einem Wochenende pfeift, leitet der andere Referee zwei Spiele in einem Monat – und manch einer übernimmt „nur“ zwei Spiele in der Halbserie: An der Basis unterscheiden sich die Einsatzzahlen der Schiedsrichter*innen stark. Dass dennoch jeder einzelne Unparteiische gebraucht wird, weiß auch Thorsten Zacharias.
„Wir haben einen Schiedsrichtermangel und viele Landes- und Kreisverbände müssen kämpfen, um alle Spiele zu besetzen“, so der ehemalige Spitzen-Schiedsrichter. „Das oberste Ziel ist es, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten – die Spiele adäquat zu besetzen, ist hingegen leider nicht immer möglich.“
Eine „adäquate Besetzung“ wäre für Zacharias eine leistungsgerechte Ansetzung – sprich: Der Schiedsrichterwart überlegt genau, welches Spiel zu welchem Schiedsrichter-Team und dessen Entwicklungsstand passt. „Diese Möglichkeit besteht oft nicht“, bedauert Zacharias. „Oft müssen Lücken gefüllt werden, um sicherzustellen, dass das Spiel überhaupt stattfindet.“
Einen Spielrhythmus, wie ihn die Gespanne des Deutschen Handballbundes mit durchschnittlich zwei bis vier Spielen pro Monat haben, kann daher an der Basis keine Rede sein. „Unsere Schiedsrichter-Teams sind insgesamt sehr regelmäßig unterwegs“, beschreibt Zacharias die Situation im Leistungsbereich. „Einigen ist das zu wenig, sie würden gerne im Drei- bis Vier-Tages-Rhythmus pfeifen; andere freuen sich, auch mal zwei Wochen Pause zu haben, weil sie beruflich stark eingebunden sind.“
Die Bedürfnisse und Möglichkeiten sind also (ebenso wie an der Basis) durchaus unterschiedlich. „Es ist anders als vor 20 bis 30 Jahren: Heute wird viel individueller auf die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter eingegangen“, sagt Zacharias. „Wann es zu viel wird, ist auf jeder Ebene eine individuelle Frage. Entsprechend wichtig ist die Kommunikation.“
Basierend auf seinen eigenen Erfahrungen als Schiedsrichter und den Eindrücken aus seiner Tätigkeit als Funktionär sieht Zacharias durchaus Gemeinsamkeiten. „Sowohl in unseren Kadern als auch in der Breite ist eine gewisse Kontinuität empfehlenswert“, sagt er. „Natürlich sind zwei oder drei Wochen Leerlauf nicht schädlich, aber erst eine mehrwöchige Pause zu machen und dann gleich zwei Einsätze innerhalb einer Woche zu absolvierten, ist nicht förderlich.“
Daher würde Zacharias auch für die Schiedsrichter im Amateurbereich regelmäßige Einsätze ans Herz legen - vor allem für den Nachwuchs. „Ein junger Schiedsrichter muss pfeifen, pfeifen, pfeifen, um eine Routine zu bekommen“, betont er. „Ein Mittfünfziger, der seit 30 Jahren pfeift, kann sich auf seine Erfahrung verlassen – je jünger der Schiedsrichter ist, desto kürzer sollte während einer Saison der Leerlauf sein.“
Denn für die Weiterentwicklung ist jeder Einsatz bedeutsam. „Wenn ein junger Schiedsrichter nach einem Einsatz Feedback bekommt, muss er möglichst schnell wieder auf die Platte, um die Lösungsmöglichkeiten umzusetzen und das Erlernte zu festigen“, unterstreicht Zacharias. „Liegen zwischen den Einsätzen vier oder fünf Wochen, verfliegt der Input oft.“
Er nimmt an dieser Stelle auch die Schiedsrichterwarte und Ansetzer in die Pflicht. „Wenn ich ein junges Schiedsrichter-Team habe, das lernen und besser werden will, sollte es bevorzugt Woche für Woche angesetzt werden, wenn es dazu bereit ist“, sagt Zacharias. „Denn nur durch die Praxis entwickelt man sich weiter.“
Die älteren Schiedsrichter-Kollegen würden eine Woche Pause durch die Routine besser verkraften – oder könnten an ansetzungsfreien Wochenende als Mentoren bzw. Paten für den Nachwuchs eingesetzt werden. „Das wäre natürlich der Idealfall“, schränkt Zacharias ein. „Oft wird jeder Schiedsrichter aktiv auf dem Feld gebraucht, dessen sind wir uns natürlich bewusst.“
Sollte ein (junges) Gespann dennoch einen längeren Leerlauf in seinem Ansetzungskalender haben - oder aufgrund einer Verletzung nicht aktiv im Einsatz sein - muss die Weiterentwicklung nicht stagnieren. „Bevor man sich drei, vier Wochen gar nicht mit Handball beschäftigt, ist es sinnvoll, sich ein Spiel anzugucken, das man selbst hätte pfeifen können“, rät er. „Es ist dafür sinnvoller, sich an dem Stand zu orientieren, auf dem man ist statt 1. Bundesliga oder Champions League zu schauen.“
Außerdem sei es sinnvoll, das betont Zacharias nachdrücklich, das Spiel gemeinsam mit seinem Gespannpartner anzugucken. „Dann haben beide den gleichen Wissensstand“, erklärt er. „Man kann beim Zuschauen viel lernen, sich über den eigenen Stil verständigen und eine gemeinsame Spielauffassung entwicklen. Wenn hingegen nur einer alleine diese Erkenntnisse gewinnt, hilft das für die Teamentwicklung nicht viel. Zusammen lernt man hingegen das Gleiche – und das bringt einen für den nächsten eigenen Einsatz weiter.“