Anwurfausführung und mögliche Probleme
Für die regeltechnische Bewertung spielt es zunächst keine Rolle, ob der Spieler die Behinderung bewusst herbeiführt oder lediglich unaufmerksam ist. Entscheidend ist, ob durch das Betreten oder Kreuzen des Anwurfkorridors, das Blockieren des Balles oder eine andere aktive Behinderung der regelkonforme Ablauf des Anwurfs verhindert wird.
Es gibt jedoch auch Situationen, die auf den ersten Blick wie eine Störaktion aussehen, bei denen die eigentliche Intention des Spielers eine andere ist.
Was passiert im Video?
Mannschaft ROT ist im Angriff und erzielt nach einem Durchbruch durch die Mitte das Tor zum 22:23.
Der Torwart von Mannschaft SCHWARZ holt den Ball schnell aus dem Tor und spielt ihn in Richtung Mitte. Dabei trifft der Ball einen Abwehrspieler von Mannschaft ROT. Dieser befindet sich nach dem Torerfolg noch im Anwurfkorridor, dort in der gelben Zone.
Die Schiedsrichter entscheiden nach Time-out auf Hinausstellung gegen den Torwart von Mannschaft SCHWARZ.
Regeltechnische Einordnung
Um eine schnelle Ausführung des Anwurfs sicherzustellen, wurde von der IHF ein Korridor mit drei unterschiedlichen Zonen festgelegt:
- rote Zone: Anwurfzone
- orange Zone: 3-Meter-Zone um die Anwurfzone
- gelbe Zone: Bereich außerhalb der 3-Meter-Zone bis zur Torraumlinie
Diese Zonen sind auf dem Spielfeld nicht markiert.
Für die Beurteilung einer möglichen Störaktion ist insbesondere zu unterscheiden, ob sich der Abwehrspieler nach dem Torerfolg beim Zurücklaufen bereits innerhalb des Korridors befindet. Ebenso wichtig ist, ob er in den Korridor hineinläuft bzw. ihn kreuzt.
Dabei ist grundsätzlich wichtig: Der Abwehrspieler trägt die Verantwortung dafür, dem Ball nicht in den Weg zu laufen.
1. Abwehrspieler läuft innerhalb des Korridors
Läuft der Abwehrspieler nach dem Torerfolg – also als vorheriger Angreifer – zurück in seine Spielfeldhälfte und wird dabei durch den Pass zum Anwurfausführenden vom Ball getroffen, gilt folgende Auslegung:
- rote Zone: direkte Hinausstellung
- orange Zone: direkte Hinausstellung
- gelbe Zone: keine Bestrafung
Befindet sich der Abwehrspieler in der gelben Zone und stört die Ausführung des Anwurfs aktiv, ist er ebenfalls mit einer direkten Hinausstellung zu bestrafen.
2. Abwehrspieler läuft in den Korridor hinein
Läuft der Abwehrspieler nach dem Torerfolg zurück und dabei in den Korridor hinein bzw. kreuzt diesen, trägt er die Verantwortung für seine Position. Wird er anschließend durch den Pass zum Anwurfausführenden getroffen, gilt:
- rote Zone: direkte Hinausstellung
- orange Zone: direkte Hinausstellung
- gelbe Zone: direkte Hinausstellung
Regeltechnische Bewertung der Situation im Video
Der Spieler von Mannschaft ROT befindet sich nach dem Torerfolg bereits innerhalb des Korridors in der gelben Zone. Allein die Tatsache, dass er dort durch den vom Torwart gespielten Ball getroffen wird, führt deshalb nicht zu einer Bestrafung des Abwehrspielers.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie der Torwart den Ball spielt und welche Absicht hinter dieser Aktion steht.
Unterstellen wir zunächst, dass der Torwart den Ball tatsächlich zu einem Mitspieler in Richtung Anwurfzone spielen möchte und dabei den zurücklaufenden Spieler trifft. Dann wäre keine Bestrafung des Abwehrspielers erforderlich. Er befindet sich innerhalb der gelben Zone und hat den Ball nicht aktiv blockiert oder die Ausführung des Anwurfs anderweitig gestört.
Bei genauer Betrachtung der Videosituation ist jedoch zu erkennen, dass der Torwart den zurücklaufenden Spieler gezielt mit dem Ball trifft. Der Pass ist ungewöhnlich tief angesetzt und führt genau in den Laufweg des Spielers.
Hinzu kommt: Der zurücklaufende Spieler blickt nicht in Richtung Torwart oder Ball und verändert seinen Laufweg nicht, um den Ball abzufangen oder den Anwurf zu verhindern.
Die Frage lautet daher nicht, ob der Abwehrspieler wegen seiner Position in der gelben Zone bestraft werden muss. Vielmehr stellt sich die Frage, ob der Torwart den Ball bewusst gegen den Spieler spielt, um dessen Rückweg bzw. die schnelle Ausführung des Anwurfs zu verhindern.
Werten die Schiedsrichter diese Aktion als bewusstes Treffen des Gegenspielers und damit als unsportliches Verhalten, ist die ausgesprochene direkte Hinausstellung gegen den Torwart regeltechnisch korrekt.
Fazit
Nicht jeder Treffer eines zurücklaufenden Abwehrspielers durch den Ball ist automatisch eine Störaktion.
Die Position des Abwehrspielers, sein Laufweg und insbesondere die Intention des Anwurfausführenden sind für die Bewertung entscheidend.
Gerade bei solchen Situationen müssen die Schiedsrichter deshalb nicht nur die Position des getroffenen Spielers, sondern auch die Art und Weise der Ballabgabe sowie das Verhalten beider Spieler beurteilen.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.