Quelle: DHB

Anwurf nach einem Tor – Aufmerksamkeit ist geboten!

Der Anwurf zu Beginn jeder Halbzeit ist eher unspektakulär. Konsequentes Tempospiel mit dem sogenannten "schnellen" Anwurf nach einem Gegentor jedoch stellt an die Schiedsrichter hohe Anforderungen. Was dabei passieren kann, zeigt das heutige Videobeispiel.

Was im Video geschieht

Mannschaft SCHWARZ befindet sich im Angriff und spielt aufgrund einer Hinausstellung ohne Torwart, das Tor ist leer. SCHWARZ 34 erzielt ein Tor. Der Torwart von Mannschaft ROT holt den Ball schnell aus dem Tor und passt ihn zu ROT 21, der den Ball vor der Anwurfzone annimmt. ROT 21 läuft in die Anwurfzone und der Schiedsrichter pfeift den Anwurf an. Da das Tor von Mannschaft SCHWARZ trotz Wechsel noch leer ist, wirft ROT 21 auf das leere Tor. SCHWARZ 2 blockt den Ball noch innerhalb der Anwurfzone. Die Schiedsrichter entscheiden auf 7-Meter-Wurf und Hinausstellung gegen SCHWARZ 2 (der die Entscheidung der Schiedsrichter nicht verstehen will). 

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen

Wichtig für die Beurteilung eines korrekt ausgeführten Anwurfs sind die zwei Phasen. Phase 1 beschreibt die Voraussetzungen, wann der Schiedsrichter den Anwurf anpfeifen darf, und Phase 2 beinhaltet die weiteren Bedingungen, wann der Anwurf regelgerecht ausgeführt ist.  

Phase 1

An dieser Stelle wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Anpfiff durch die Schiedsrichter erst erfolgen kann, wenn sich der Ball innerhalb der Anwurfzone befindet und der Werfer mindestens einen Fuß (komplett) innerhalb der Anwurfzone hat.

Eine weitere Bedingung zum Anpfiff ist allerdings auch zu erfüllen und durch die Schiedsrichter zu kontrollieren. Denn bevor der Anpfiff erfolgen kann, muss nicht nur der Werfer eine korrekte Anfangsposition eingenommen haben, sondern auch alle seine Mitspieler, die in der eigenen Hälfte (auch die Außenspieler) sein müssen, außer sie befinden sich auch in der Anwurfzone.

Wenn die vorgenannten Bedingungen bzw. Voraussetzungen erfüllt sind, kann der Schiedsrichter den Anwurf anpfeifen.

Phase 2

Die Mitspieler des Werfers dürfen die Mittellinie jetzt überqueren bzw. die Anwurfzone in Richtung gegnerische Hälfte verlassen.

Der Anwurf ist innerhalb von drei Sekunden nach Anpfiff von der Anwurfzone aus in beliebiger Richtung auszuführen. 

Dies bedeutet, dass sich neben dem Ball (schon als Voraussetzung für Anpfiff) auch der ganze Körper (komplett) inkl. Füße/ Hände bei der Ausführung in der Anwurfzone befinden muss.

Des Weiteren darf der Werfer die Anwurfzonenlinie auch mit keinem Körperteil überschreiten, bevor der Wurf als ausgeführt gilt. Er darf sich innerhalb der Anwurfzone bewegen, den Ball jedoch nach dem Anpfiff nicht mehr prellen. Er kann den Anwurf auch im Laufen ausführen, darf aber dabei nicht springen.

Der Anwurf gilt als ausgeführt, wenn

  • der Ball zunächst die Hand des Werfers verlassen und anschließend die Anwurfzonenlinie vollständig überquert hat oder
  • der Ball gepasst und von einem Mitspieler berührt oder kontrolliert wurde, obwohl dies innerhalb der Anwurfzone erfolgt ist.

Neben der Beobachtung, ob der Ausführende und seine Mitspieler sich korrekt verhalten, müssen die Schiedsrichter ebenso auf die Aufstellung der Gegenspieler achten:

Beim Anwurf zu Spielbeginn bzw. zu Beginn der 2. Halbzeit müssen sie sich in der eigenen Spielfeldhälfte befinden (10:4). Beachte: Beim Anwurf nach einem Tor dürfen sie in beiden Hälften agieren!

Des Weiteren müssen sich die Gegenspieler außerhalb der Anwurfzone befinden und dürfen Ball oder Gegenspieler innerhalb der Anwurfzone nicht berühren, bis der Wurf als ausgeführt gilt (Regel 15:4, 8:7c, 8:8f).

Sie dürfen sich aber direkt außerhalb der Anwurfzone aufhalten.

In diesem Beispiel wurden die Bedingungen für den Anpfiff und die Ausführung korrekt erfüllt. An der Ausführung ist daher nichts zu beanstanden.

Nach Regel 14:1 handelt es sich auch um eine „klare Torgelegenheit“, wenn ein Torwart seinen Torraum verlassen hat und ein Gegenspieler mit Ball- und Körperkontrolle eine klare und ungehinderte Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor hat (Erl. 6c). Die klare Torgelegenheit hat hier ROT 21 definitiv. 

Die in Erläuterung 6c beschriebene Definition einer klaren Torchance bei einer klaren und ungehinderten Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor setzt voraus, dass der Spieler in Ballbesitz ist und klar versucht, direkt auf das leere Tor zu werfen. Diese Definition einer klaren Torchance gilt ungeachtet der Art des Vergehens und unabhängig davon, ob der Ball im Spiel war oder nicht. Bei der Ausführung jedes Wurfs müssen sich Werfer und Mitspieler in einer korrekten Position befinden.

Auch diese Bedingungen werden durch ROT erfüllt.

Während der Ausführung befindet sich aber der Gegenspieler SCHWARZ 2 innerhalb der Anwurfzone und verhindert aktiv die Ausführung. 

Abwehrspieler, die die Wurfausführung stören, indem sie z. B. eine nicht korrekte Position einnehmen oder diese vor der Wurfausführung verlassen, sind mit Ausnahme der Fälle der Regeln 14:8, 14:9, 15:4 Absatz 2 und 15:5 Absatz 3 zu bestrafen.

Und aktives Verhindern der Wurfausführung der gegnerischen Mannschaft und Nichteinhalten des 3-m-Abstands und/oder andere Regelverstöße, die die Ausführung des Wurfs verhindern, sind als unsportliches Verhalten direkt mit einer Hinausstellung zu ahnden (8:8f).

Daher ist die Entscheidung auf 7-Meter-Wurf für Mannschaft ROT und die direkte Hinausstellung gegen SCHWARZ 2 vollkommen korrekt und sehr gut von den Schiedsrichtern erkannt, gleichwohl SCHWARZ 2 nicht der Meinung ist. 

Fazit

Anwurf bei leerem Tor – hier ist seitens der Schiedsrichter höchste Aufmerksamkeit gefordert!