Kay Holm im Austausch (Bild: IMAGO/wolf-sportfoto)

„Alles, was uns ablenkt, führt zu Fehlern“

Ein inhaltlicher Schwerpunkt der Schiedsrichter*innen in den Bundesligen ist das Bankverhalten. Kay Holm, Leiter Lehre im Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes, erklärt, warum das auch für den Amateurhandball wichtig ist und worauf es in diesem Punkt an der Basis ankommt …

Julia Nikoleit: Kay, in den Bundesligen ist das Bankverhalten ein großer Schwerpunkt für diese Saison. Warum ist das so ein wichtiges Thema?

Kay Holm: Die Bundesliga, ihre Spieler und Mannschaften stehen im Fokus der Öffentlichkeit - und was dort im Profisport passiert, wird sich aus dem Amateurbereich angeguckt. Dem dortigen Vorbild - ob gut oder schlecht - wird nachgeeifert, die Verhaltensmuster werde sich abgeguckt. Und wenn im Profibereich gewisse Grenzen überschritten werden, warum soll ein Jugend- oder Basishandballer denken, das sei bei ihm nicht erlaubt? Das ist ein ganz wichtiger Punkt! 

 

Für den Bundesligabereich gibt es nun die klare Regelung, dass im laufenden Spiel nicht mehr mit den Bänken kommuniziert werden soll. Inwiefern ist das für die Basis sinnvoll? 

Das ist aus meiner Sicht für jede Liga sinnvoll. Jede Form der Ablenkung während des laufenden Spiels führt dazu, dass ein Schiedsrichter nicht die volle Aufmerksamkeit auf seine Kernaufgabe richten kann, die er zu bewältigen hat. Das gilt umso mehr, wenn an der Basis ein Schiedsrichter pfeift, der vielleicht nicht so regelmäßig auf dem Feld steht oder ein Jung-Schiedsrichter, der noch nicht so lange dabei ist. 

 

Inwiefern?

Wenn die Routine fehlt, ist jede Ablenkung, die den Fokus vom Pfeifen nimmt, eine Fehlerquelle. Ein erfahrener Schiedsrichter kann das über seine Routine vielleicht besser kompensieren, aber letztendlich gilt es auch für ihn. Alles, was uns ablenkt, führt dazu, dass wir Fehler machen könnten, weil wir nicht so konzentriert sind und etwas übersehen oder überhören. Das kennt jeder aus dem Alltag; das ist wie zum Beispiel im Straßenverkehr.

 

Für die Mannschaften ist es ein Problem, wenn ein Schiedsrichter es so handhabt und der nächste anders…

Wenn ich unterbrechen darf: Genau deswegen kommunizieren wir Schwerpunkte und Änderungen - im Bezug auf die Profikader - auf den Lehrgängen, um eine einheitliche Vorgehensweise in den Kadern zu haben. Wir haben es nicht nur dem Elite- und Eliteanschlusskader, sowie dem Bundesliga- und Nachwuchskader vermittelt, sondern auch auf dem Perspektivkaderlehrgang angesprochen, denn in der Jugendbundesliga läuft ja der potenzielle Nachwuchs auf Spieler- und Schiedsrichterseite auf und so erfahren sie es früh.

 

An der Basis wisst ihr es jedoch nicht, denn dort werden die Lehrgänge von den Landes- und Kreisverbänden durchgeführt. 

Das stimmt zum Teil. Daher ist es umso wichtiger, dass wir es in der Öffentlichkeit transportieren - einerseits in so Beiträgen wie jetzt, und wir sprechen auch mit Trainern und Medienvertretern darüber, was die Schwerpunkte sind. Außerdem sind nahezu alle Schiedsrichter unserer Kader in den Landesverbänden unterwegs, sie werden angefragt für Vorträge und Schulungen oder nehmen an Basis trifft Spitze teil. So informieren wir stetig. 

 

Was wäre deine Empfehlung an einen Schiedsrichter der Basis, der sich nicht sicher ist, ob er sein Verhalten in der Kommunikation mit der Bank anpassen soll? 

Ich würde die Thematisierung beim zuständigen Schiedsrichterwart oder Schiedsrichterlehrwart empfehlen. Generell würde ich in dem Zusammenhang jedoch immer dafür plädieren, in der unmittelbaren (Spiel-)Situation nicht zu kommunizieren, sondern das Gespräch während einer Spielunterbrechung zu suchen - wenn gewischt wird, eine Verletzungspause ist oder der Ball im Seitenaus ist. 

 

Allerdings haben die Basis-Schiedsrichter im Vergleich zu den Bundesligareferees einen Nachteil: Sie haben keinen Delegierten am Tisch und eventuell nicht einmal einen Gespannpartner an ihrer Seite. Beide Trainer laden also ihren Unmut nur bei einer Person ab … 

Es ist wichtig, Grenzen zu setzen und sich selbst zu regulieren. Der Fokus muss auf der Partie legen, man darf sich bei allen Emotionen nicht ablenken lassen. Es hilft, wenn man eine Vertrauensperson hat, die dabei ist und einem in der Halbzeit eventuell entsprechendes Feedback geben kann - oder eben der eigene Schiedsrichterpartner, wenn man im Team pfeift. Wenn man nicht über Headset verbunden ist, kann man das bei einem Team-Timeout der Mannschaften machen oder beim Zusammenkommen bei einem Siebenmeter machen. Es ist Teamarbeit, sich gegenseitig in den Fokus zurückzuholen, damit man die gemeinsame Aufgabe bestmöglich bewältigen kann.

 

Inwiefern gehört es auch dazu, Spieler, Trainer und Zuschauer in die Pflicht zu nehmen, damit es eben gar nicht so weit kommt, dass der Schiedsrichter abgelenkt ist? 

Absolut, wir brauchen die Verhaltsveränderungen auf allen Seiten. Bei den Zuschauern geht das allerdings nur über Ordner oder sportliche Appelle der Vereine, respektvoll zu agieren. Da sind die Vereine und Ausrichter des Spielbetriebs in der Pflicht. Das kann nicht Aufgabe der Schiedsrichter sein, ggf. Zuschauer zu bändigen.

 

Aber bei Trainern und Spielern ...

Bei den Offiziellen haben die Schiedsrichter selbst die Verantwortung, in Maßen durchzugreifen und Grenzen zu setzen. Man sollte es nicht übertreiben. Ich kann nicht beim ersten Widerwort des Trainers mit einer Strafe herumwedeln - er kann ja durch eine andere Perspektive durchaus anderer Meinung sein. Es geht um das allgemeine Verhalten - wie kommuniziert der Trainer? Stellte er eine Nachfrage, schreit er die ganze Zeit oder beschimpft er einen gar? 

 

Magst du das erläutern? 

Wenn der Trainer eine Nachfrage stellt, kann ich als Schiedsrichter auf jeden Fall weiterhin die Möglichkeit nutzen, im Vorbeilaufen einen kurzen Hinweis zu geben. „Das war Stürmerfoul oder der Außen ist auf die Linie getreten“, beispielsweise. Diese kurzen Worte sind auch eine Kommunikation, aber die ist natürlich nicht „verboten“. Es geht bei der neuen Vorgabe vielmehr darum, zu vermeiden, dass man durch wirkliche Wortwechsel oder sogar Gespräche den Fokus verliert. Und wenn der Trainer es mit respektlosem Verhalten übertreibt, muss ich als Schiedsrichter erst ermahnen und dann zu Strafmaßnahmen greifen - in der Hoffnung, dass Einsicht entsteht …

 

Welchen Ratschlag hast du für die Basis-Schiedsrichter darüber hinaus im Umgang mit der Bank?

Es ist ganz wichtig, dass man sich klar über die Rolle ist: Im Normalfall ist man eben nicht als Mensch gemeint, wenn einem Fehler vorgeworfen werden, sondern man steckt in der Rolle des Schiedsrichters. Dennoch finde ich es wichtig, nach dem Spiel durchaus auch das Gespräch mit den Offiziellen zu suchen und die eigene Sichtweise darzulegen.

 

Mit welchem Ziel?

Es geht dabei nicht um Rechtfertigung der eigenen Entscheidung, sondern um einen Austausch auf Augenhöhe. Ich kann zeigen, dass ich willens bin, Feedback anzunehmen und auch aus Fehlern zu lernen, aber zugleich auch meine Grenzen zeigen. Dann können beide Seiten voneinander lernen. 

 

Die Grenzen zeigen? 

Wenn der Trainer gewisse Grenzen im Spiel immer wieder übertritt, hat man als Schiedsrichter hoffentlich eingegriffen - auch durch Strafen. Aber es gibt ja auch ein Verhalten, was an der Grenze ist, in einer Grauzone. Und da kann ich dem Trainer durchaus eine Rückmeldung geben, wie ich ihn wahrgenommen habe. Wichtig ist, dass es möglich unemotional geschieht und man die Wirkung auf einen selbst transportiert.  

Es geht nicht darum, Vorwürfe zu machen, sondern Ich-Botschaften zu senden. „Ich habe wahrgenommen, dass du dich über meine Entscheidungen aufgeregt hast. Es ist auch okay, dass du wütend bist, aber die Art und Weise, wie du mit mir umgegangen bist, geht für mich nicht.“ Denn, auch das darf man nicht vergessen: Man trifft sich immer wieder und da muss man neutral starten können. Und das geht oft besser, wenn man miteinander gesprochen hat. 

 

Gibt es abschließend noch etwas, was du gerne loswerden möchtest? 

Ich glaube, es sollten sich alle besinnen, dass der Sport ein Hobby ist, dass wir uns in unserer Freizeit ausüben. Wir wollen uns für unsere Gesundheit bewegen und das Ganze soll Spaß machen - und zwar allen Beteiligten. Und wenn ein Schiedsrichter 60 Minuten drangsaliert wird, sollte sich jeder die Frage stellen, ob das noch Spaß machen kann.