Die gewählte Position von Lars Geipel ist vorbildlich: Er bildet ein offenes V mit seinem Gesprächspartner. – Verbesserungspotenzial bietet die nonverbale Kommunikation mit beiden Händen. Belehrende Zeigefinger werden besser vermieden (Foto: imago/Jan Huebner).
Die Grundvoraussetzungen, also das Fundament, für einen akzeptierten Referee sind schnell beschrieben: Neben körperlicher Fitness zählt, dass er gute Regelkenntnisse besitzt und auch bereit ist, diese in der Spielleitung jederzeit in erforderliche Entscheidungen umzusetzen. Dabei agiert er nicht als Regelpolizist, sondern nutzt das Regelwerk, um seiner Aufgabe als Gamemanager gerecht zu werden. Einem guten Schiedsrichter gelingt es, bei seinen Entscheidungen mit Fingerspitzengefühl zu agieren, wenn es die Spielsituation erfordert, dabei aber keinesfalls die Regelbestimmungen aus den Augen zu verlieren. Schlussendlich gehört auch ein wenig psychologisches Geschick sowie ein pädagogisches „Händchen“ zu seinem Rüstzeug, damit er seine Entscheidungen den Spielern oder Offiziellen situationsbezogen vermitteln kann.
Dennoch ist es so, dass ein Schiedsrichter immer Teil der im Spiel auftretenden Interessenkonflikte zwischen den verschiedenen Parteien ist. Er kann sich dabei schnell aufreiben und seine Akzeptanz, so sie denn bestanden hat, schnell wieder verlieren. Vielfach kommt erschwerend hinzu, dass er auch im Konflikt mit sich selbst ist. „Kann, soll oder muss ich jetzt entscheiden? Was sind die Folgen?“: Dies sind für Schiedsrichter durchaus übliche Fragestellungen. Gewinnen die Bedenken zu viel Raum, verflüchtigt sich die Akzeptanz in gleichem Maße.
In derartigen Gemengelagen wäre es noch problematischer, wenn sich der Schiedsrichter zudem im Konflikt mit seinen Helfern am Kampfgericht und einem eventuell anwesenden Technischen Delegierten befinden würde. Auch diese Sportkameraden sollten im „Spielleiter“ einen akzeptierten Kollegen sehen, den sie durch ihr Handeln mit Freude und Vertrauen unterstützen.
Gleichwohl können in derartigen Situationen Konfliktlösungen meist schnell gefunden werden. Immerhin sind alle bis jetzt genannten handelnden Personen mit einer nahezu gleichen Zielsetzung unterwegs: Sie wollen das Handballspiel regelkonform und ohne Bevor- oder Benachteiligungen einer der beteiligten Mannschaften über die Bühne bringen.
Im Auftreten von Spielern und Mannschaftsoffiziellen gegenüber den Referees und in ihrer Kommunikation mit ihnen steckt wiederum sehr viel mehr Konfliktpotenzial – hier sind die Trainer an erster Stelle zu nennen. Sie sind vielfach bereit, entstehende Konflikte mit dem Schiedsrichter eskalieren zu lassen. In ihrem Bestreben, das Spiel für sich zu entscheiden, versuchen Spieler und Trainer jeden redlichen, aber auch unredlichen Vorteil für sich zu nutzen. Regeltechnische Grauzonen werden dabei ohne Rücksicht auf die Aufgabe des Schiedsrichters ausgenutzt. Bewusst oder unbewusst wird direkt oder indirekt Druck gegenüber dem Schiedsrichter aufgebaut. Dieser Druck steigt, je mehr für die genannten Beteiligten auf dem Spiel steht, und es eskaliert dann oft in unpassendem verbalem oder nonverbalem Verhalten, das nicht im Verhältnis zur Situation steht.
Die Frage, wie man es als Schiedsrichter schaffen kann, diesem Druck standzuhalten, ist nicht einfach zu beantworten. Akzeptanz ist eben nicht nur eine Frage der Regelsicherheit und der Entscheidungsfreude. Akzeptanz ist ein sehr vielschichtiges Phänomen!
Ein Schiedsrichter hinterlässt schon bei seiner Ankunft außerhalb der Halle, spätestens aber bei deren Betreten den ersten Eindruck. Daher sollte er von Beginn an freundlich und selbstsicher auftreten, sich den übrigen Beteiligten zugewandt zeigen. Noch bevor ein Wort gewechselt ist, wird man durch die Körperhaltung wahrgenommen. Auch die Kleidung hat einen großen Einfluss auf die Außenwahrnehmung. Der bekannte Spruch „Kleider machen Leute“ ist hier durchaus auch zutreffend. Insofern könnte eine einheitliche oder zumindest gleichartige Kleidung dazu beitragen, unmittelbar als Schiedsrichter erkannt und akzeptiert zu werden.
Neben diesen nonverbalen Botschaften sollten auch die verbalen stimmen. Der ordentlichen Begrüßung der am Spiel beteiligten Personen kommt dabei eine große Bedeutung zu. Dessen muss sich jeder Schiedsrichter bewusst sein. Mängel in diesem Bereich werden vom Gegenüber unweigerlich registriert und als störend empfunden. Der Akzeptanz wird dabei oft schon ein wesentliches Fundament entzogen.
Wer als Schiedsrichter kurz vor knapp, quasi mit der Pfeife im Mund, zur Spielleitung erscheint, kann von seinem Umfeld keine große Akzeptanz erwarten. Jeder, der abgehetzt zu einem Spiel kommt, wird auch so wahrgenommen. Als Schiedsrichter sollte man rechtzeitig, fit und bereit für das jeweilige Spiel vor Ort erscheinen und allen Beteiligten zeigen, dass man Interesse an genau diesem Spiel hat – egal, wer dort spielt und in welcher Liga es stattfindet.
Entscheidungen sollten im Spiel klar und deutlich, begleitet von einer eindeutigen und regelkonformen Zeichengebung getroffen werden. Hinzu kommt selbstverständlich auch ein einheitlicher Umgang mit den Regeln. Die viel zitierte Linie ist bei einem akzeptierten Schiedsrichter nicht nur phasenweise oder über ein einziges komplettes Spiel hinweg erkennbar. Nein, die Entscheidungslinie ist ja deshalb berühmt, weil sie bereits im Voraus durch etliche Spielleitungen bekannt ist.
Ein kooperativer Umgang mit den am Spiel Beteiligten fördert die Akzeptanz des Schiedsrichters ebenfalls. Dabei muss man sich bewusst machen, dass Trainer und Schiedsrichter unterschiedliche Ansichten über das Spiel bzw. die einzelne Entscheidung haben können. Das widerspricht aber nicht dem Vorsatz, sich kooperativ zu verhalten. Der Erfolgsdruck, dem ein Trainer ausgesetzt ist, beeinflusst dessen Sicht auf die Dinge. Ein guter Schiedsrichter weiß dies zu würdigen, bleibt weiterhin neutral und lässt sich in der Spielleitung nicht beeinflussen. Dieses Verhalten fördert dann auch seine Akzeptanz.
Bei den genannten Aspekten des akzeptanzfördernden Schiedsrichterverhaltens liegen vielfach Ressourcen brach, die gefördert werden könnten, um so die Leistungen zu verbessern.
Dass Schiedsrichter häufig Ziel verbaler Attacken sind, ist nichts Neues. Bei genauerer Betrachtung sind viele dieser Angriffe im Ton zwar völlig daneben, aber lediglich auf das Amt des Schiedsrichters bezogen und nicht auf seine Person. In diesen Fällen sollten die Spielleiter ruhig und gelassen bleiben. Dies trägt genauso zur Akzeptanzsteigerung bei, wie der unmissverständliche, mit klarer Körpersprache und bestimmender Wortwahl geäußerte Widerspruch auf persönliche Angriffe. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Angriffe unter die besagte Gürtellinie gehen. Es geht darum, einer erkennbar fehlbaren Person klare Grenzen aufzuzeigen – nicht pauschal einer Gruppe oder einer ganzen Mannschaft. Je nach Schwere des persönlichen Angriffs kann eine progressive Bestrafung in Frage kommen. Der Katalog reicht dabei von der im Regelwerk nicht erwähnten, aber dennoch möglichen Ermahnung über die Beispiele der Regel 8:7a und die schwereren Fälle der Regel 8:8a bis hin zur Regel 8:10a, bei der gegen den fehlbaren Mitwirkenden eine Disqualifikation mit schriftlichem Bericht auszusprechen ist.
Den Schiedsrichtern ist in diesen Fällen zu raten, einerseits nicht überzogen auf kleinste Dinge zu reagieren, anderseits aber auch nicht alles zu schlucken. Es erfordert Mumm, sich ohne Angst vor den Folgen nicht alles bieten zu lassen. Ein akzeptierter Schiedsrichter hat es nicht nötig, verbale „Ausrutscher“, die durchaus auch in Form von Gestiken daherkommen können, hinzunehmen!
Zur angemessenen Kommunikation gehört es ebenso, bei Bedarf eine Entscheidung zu erläutern. Ist der Hintergrund einer Entscheidung allen Beteiligten klar, kann sie auch akzeptiert werden.
Auch ein Schiedsrichter ist nicht fehlerfrei. Einem akzeptierten Schiedsrichter fällt kein Zacken aus der Krone, wenn er einen Fehler zugibt. Wenn der Schiedsrichter quasi als Regelpolizist auf seinen Entscheidungen beharrt, keine differenzierte Selbstwahrnehmung hat und nicht in der Lage ist, seine Entscheidungen auch mal auf den Prüfstand zu stellen, macht ihn das insgesamt unglaubwürdig. Das muss nicht sein! Im Gegenteil: Ein Schiedsrichter, der sich als Gamemanager versteht, wird damit problemlos umgehen können. Er wird das Regelwerk im Rahmen der zulässigen Auslegungsmöglichkeiten immer situationsbezogen anwenden und jeden denkbaren Pfiff auf seine Notwendigkeit hin prüfen. Wenn in diesem Zusammenhang davon gesprochen wird, mit „Fingerspitzengefühl“ zu entscheiden oder auch mal „fünfe gerade sein“ zu lassen, darf dahinter zwar nicht der Gedanke stehen, das Regelwerk könne bei Bedarf nach eigenem Gusto ausgelegt werden, aber im Rahmen der regelgerechten Möglichkeiten kennzeichnet es auch den akzeptierten Gamemanager.
Aufgrund der Vielfältigkeit jedes einzelnen Schiedsrichters gibt es unterschiedlichste Ausgangssituationen und damit ebenso viele individuelle Entwicklungswege. Dennoch kann man vor dem Hintergrund der gemeinsamen Aufgabenstellung und des gleichen Ziels einige Merksätze formulieren, die gleichermaßen auf eine akzeptierte Schiedsrichterpersönlichkeit zutreffen dürften. Insgesamt zehn davon werden hier genannt, wobei individuelle Ergänzungen selbstverständlich möglich und auch gewünscht sind.
Als Schiedsrichter sollte man immer beherzigen, dass jeder Spieltag ein besonderer Tag ist. Genau wie die beteiligten Mannschaften muss man bereit sein, sich so gut wie möglich auf das Spiel vorzubereiten. Dem Schiedsrichter muss bewusst sein, dass er mit seinem Auftreten und mit seinen Entscheidungen das Klima vor, während und nach dem Spiel entscheidend beeinflusst.
Sich einen guten Namen respektive eine Akzeptanz bei allen Beteiligten zu erarbeiten, ist kein einfaches und schon gar kein schnelles Unterfangen. In aller Regel wird viel Zeit verstreichen und es wird eine Vielzahl berechenbarer und guter Spielleitungen nötig sein, bevor es respektvoll heißt: „Gut, dass der heute kommt!“. Bevor nun Resignation ob des aufgezeigten steinigen Wegs hin zu einer akzeptierten Schiedsrichterpersönlichkeit alle Bemühungen im Keim erstickt, sei klar gesagt:
Jeder Schiedsrichter kann das Beschriebene lernen, wenn er es nur möchte. Ihr werdet es dann einfacher haben und von allen Beteiligen akzeptiert.