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Ahndung auf passives Spiel

In Erläuterung 4 werden umfassende Beobachtungskriterien genannt, mit deren Hilfe Schiedsrichter passive Spielweisen erkennen können.

Im heutigen Pfiff der Woche geht es um besondere Situationen, in denen sofort auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft zu entscheiden ist, wenn nach Anzeige des Vorwarnzeichens noch keine sechs Pässe (zukünftig 4) gespielt oder das Vorwarnzeichen noch gar nicht durch die Schiedsrichter angezeigt wurde. Hierzu einige Beispiele ...

Konstellationen für eine Ahndung auf passives Spiel ohne vorheriges Vorwarnzeichen

Zur Erinnerung wird an dieser Stelle auf Regel 7:12 Abs. 3 hingewiesen, in der es heißt, dass in besonderen Situationen die Schiedsrichter auch ohne vorheriges Vorwarnzeichen auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft entscheiden können/müssen.

1. Fall: Bewusstes Auslassen einer klaren Torgelegenheit

Klare Torgelegenheiten wird (fast) niemand freiwillig auslassen. Trotzdem kann es vorkommen, z. B. wenn eine Mannschaft – insbesondere gegen Spielende bei knapper Führung – den Angriff 'ausspielen' will, dass ein Spieler freie Bahn Richtung Tor hat, diese aber bewusst nicht zum Torwurf nutzt.

Gleiches kann auch in anderen Situationen passieren, wenn – unabhängig vom Spielstand – eine klare Gelegenheit zum Torabschluss besteht, diese aber offensichtlich nicht genutzt wird. Hier einen Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft zu verhängen, ist für die Schiedsrichter sicher schwierig, es sei denn, die Kriterien des offensichtlichen Auslassens einer klaren Torgelegenheit (freie Bahn zum Tor, Gegenspieler können nicht mehr rechtzeitig eingreifen) sind zweifelsfrei gegeben.

2. Fall: Abbruch eines Gegenstoßes in aussichtsreicher Position allein vor dem Tor

Auch diese sicher seltene Situation kann bei unterschiedlichen Bedingungen vorkommen. Da hier die Voraussetzungen der Regel 7:12, Absatz 2, eindeutig vorliegen (Angreifer mit Ball allein vor dem Tor; freier Laufweg, der von keinem Gegenspieler mehr versperrt werden kann), ist die Einstufung dieser Aktion als passives Spiel einfacher als in Fall 1.

3. Fall: Rückspiel zum Torwart, obwohl Mitspieler frei und anspielbar sind

Ein Rückpass zum Torwart wird gelegentlich durch eine offensive Abwehr erzwungen, indem diese z. B. Anspielmöglichkeiten eines einwerfenden Spielers kurzfristig blockiert. Dem Werfer bleibt dann nur ein Sicherheitspass zu seinem Torwart. Diese Situation hat mit passivem Spiel nichts zu tun! Anders aber, wenn ein Spieler den Ball unbedrängt und trotz alternativer Anspielmöglichkeiten über die Mittellinie zurückspielt. Hier ist das Motiv des Zeitschindens offensichtlich!

Entscheidung auf passives Spiel nach Anzeige des Vorwarnzeichens

Es liegt nicht mehr im beliebigen Ermessen der Schiedsrichter, wann eine solche Entscheidung erfolgt. Im Sinne einer möglichst hohen Objektivität sollten im Regelfall die erlaubten sechs Pässe nach Anzeige des Vorwarnzeichens zugelassen werden.

Es kann aber auch hier in begründeten Ausnahmefällen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht werden, bereits vorher auf passives Spiel zu entscheiden.

Kriterien, die zeigen, dass der Versuch, zum Torwurf zu gelangen, nicht ernst gemeint ist:

  • mehrfaches Prellen auf der Stelle ohne jeden Raumgewinn
  • Pass in die eigene Hälfte spielen
  • mit Ball in die eigene Hälfte laufen
  • Verweigerung des Torwurfs

Video 1 

 

Mannschaft ROT spielt im Angriff 6 gegen 6, das Vorwarnzeichen ist nicht angezeigt. ROT 22 spielt den Bodenpass zu Rechtsaußen (RA). Die Abwehrspielerin WEISS bewegt sich nach außen, bleibt dann aber stehen. Dadurch hat RA ROT eine klare Torgelegenheit, die sie aber nicht nutzt, sondern den Ball Richtung Rückraumlinks spielt.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Die Entscheidung der Schiedsrichterinnen ist korrekt. RA ROT hat eine Möglichkeit zum Torwurf, die nicht genutzt wird. Sie spielt den Ball eher unkontrolliert Richtung Rückraum. Wenn man erst jetzt – nach dem Rückspiel – das Vorwarnzeichen anzeigen würde, wäre es nicht im Sinne der Erläuterungen zum passiven Spiel.
Es lag für Mannschaft ROT offensichtlich eine klare Torgelegenheit vor, die nicht genutzt wurde. Hier muss unabhängig davon, ob das Vorwarnzeichen angezeigt wurde oder nicht, eine sofortige Entscheidung auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft ROT erfolgen.

Video 2

Quelle: DHB

 

Mannschaft ROT ist im Angriff 6 gegen 6 und trägt den Angriff schnell nach vorne. Rückraum-Rechts (RR) ROT spielt den Ball zu Rechtsaußen (RA). RA hat zwar eine klare Torgelegenheit, spielt den Ball aber zurück Richtung Rückraum. Hier kann ROT 9 den Ball aufnehmen und hat ebenfalls eine klare Torgelegenheit, die sie auch erfolgreich nutzt.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Im Gegensatz zu Video 1 erreicht der zurückgespielte Ball zwar ebenfalls die eigene Spielerin im Rückraum, die hier aber sofort eine klare Torgelegenheit hat und diese erfolgreich nutzt. An dieser und der Situation in Video 1 wird deutlich, dass der (sofortige) Pfiff zum Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft nicht unmittelbar erfolgen darf. Hier haben die Schiedsrichter zunächst das Abspiel und die sich unmittelbar daraus ergebende Situation mit zu bewerten, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Video 3

Quelle: DHB

 

Mannschaft ROT ist im Angriff 6 gegen 6. Wieder spielt Rückraum-Rechts den Ball zu Rechtsaußen (RA). Diese hat eine klare Möglichkeit zum Torwurf, nutzt sie aber nicht, sondern spielt den Ball zurück zur eigenen Mannschaft. Hier fängt die Kreisläuferin (KM) zufällig den Ball und spielt ihn zu Rückraum-Mitte. 

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Hier hätten die Schiedsrichterinnen, wie im Video 1, nach Rückpass und Ballbesitz durch die Kreisläuferin sofort auf passives Spiel entscheiden müssen. 

Video 4

Quelle: DHB

 

Mannschaft BLAU ist im Angriff 5 gegen 5. BLAU 2 spielt den langen Pass zu Rechtsaußen (RA), die eine klare Torgelegenheit hat, aber den Ball weit in den Rückraum zur eigenen Mannschaft spielt. BLAU 77 nimmt den Ball kurz vor der Mittellinie auf.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Die sofortige Entscheidung der Schiedsrichter auf passives Spiel ist völlig korrekt. Auch wenn der Ball weiter Richtung eigene Mannschaft gespielt wird (hier Aufnahme kurz vor der Mittellinie), ist dies nicht das entscheidende Kriterium. Entscheidend ist, dass die Spielerin eine klare Torgelegenheit hat, diese aber nicht nutzt.

Video 5

Quelle: DHB

 

Mannschaft BLAU ist im Angriff und spielt in Unterzahl. Das Vorwarnzeichen für passives Spiel ist bereits angezeigt. BLAU 10 geht in die Deckung und spielt den Ball dann zurück Richtung Torwart. Die Schiedsrichter entscheiden sofort auf Freiwurf gegen BLAU.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Die Entscheidung der Schiedsrichter ist korrekt. Der Ball wird Richtung Torwart zurückgespielt. Der Abwehrspieler WEISS agiert überwiegend passiv, er nimmt nur die Arme nach oben und will den Ball blocken. BLAU 10 hätte den Ball auch zu Rückraum-Rechts spielen können.
Das ist eine Situation, in der die Schiedsrichter sofort auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft entscheiden müssen, denn in derartigen Situationen kann die erlaubte Anzahl an Pässen nicht mehr zugelassen werden. Dies ist eindeutig passives Spiel.