Frank Böllhoff, Robert Schulze und Tobias Tönnies im Austausch (Bild: IMAGO/Christian Heilwagen)

7 Tipps für den Umgang mit Beleidigungen und Hass im Netz

Knapp 700 Spiele für den Deutschen Handballbund, Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele: Robert Schulze und Tobias Tönnies gehören zu den erfolgreichsten – und bekanntesten – deutschen Handball-Schiedsrichtern. Unsachliche Kritik und Beleidigungen auf Social Media, in Kommentarspalten und in Foren gehören für die beiden Magdeburger zum Alltag wie Pfiffe in den Arenen. Wie geht man als Schiedsrichter mit den negativen Seiten (besser) um – und hält durch?

Tobias Tönnies hat für den Umgang mit Social Media für sich eine klare Regel aufgestellt: „Ich lese mir keine Kommentare durch und ich gucke mir nichts in irgendwelchen Foren an“, stellt der Olympia-Schiedsrichter klar. „Wenn man anfängt, das zu reduzieren oder gar nicht erst zu lesen, ist einem schon viel geholfen. Wenn ich hingegen 100 Nachrichten lese, wie scheiße ich war, ist es klar, dass das keine Glücksgefühle auslöst.“

Natürlich müsse jede:r, das betont der Magdeburger, „seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Wer sich das antun möchte, um auf dem Laufenden zu sein, soll alles lesen.“ Er sagt aber auch ganz klar: „Wir können das nicht empfehlen. Es hilft nicht nur nicht dabei, ein besserer Schiedsrichter zu werden, sondern es ist einfach persönlich eine Belastung.“

Es ist eine Belastung, die (fast) alle Schiedsrichter:innen betrifft. In einer Umfrage zum „Tag des Schiedsrichters“ 2023 gaben über 90 Prozent der befragten Schiedsrichter:innen aus dem Elite- und Eliteanschlusskader an, im Internet bzw. in den sozialen Netzwerken schon einmal beleidigt worden zu sein. Die häufigsten Formen (Mehrfachnennungen waren möglich) waren: Kommentare unter Postings der Vereine bzw. der HBL auf Social Media (78,8 %), Kommentare unter Postings von Medien (72,2 %) und Beiträge/Postings in Foren (63,6 %). Knapp die Hälfte (45,5 %) bekam auch schon Direktnachrichten zugeschickt.

Für die Schiedsrichter:innen aus den beiden höchsten deutschen Kadern gehört das zu ihrem Alltag. „Zur Stellenbeschreibung Schiedsrichter gehört es dazu, nicht die populärste Person zu sein“, konstatiert einer der Unparteiischen im Rahmen der damaligen Umfrage, die von handball-world.news anonym durchgeführt wurde, trocken. „Im Elitebereich sind wahrscheinlich die meisten so weit abgehärtet“, hält ein anderer fest. „Was aber überhaupt nicht geht, sind öffentliche Anfeindungen an der Basis!“

Das ist auch ein Punkt, den Schulze/Tönnies unterstreichen – auch und gerade abseits des Internets. „Wir haben das Glück, dass wir vor tausenden Zuschauern pfeifen und gar nicht mitbekommen, was im Einzelfall gesagt wird. An der Basis hörst du jedes Wort, das Eltern und Zuschauer von sich geben – das ist so weit unter der Gürtellinie“, sagt Tönnies. „Ich sitze bei Jugendspielen meines Sohnes manchmal mit auf der Bank und ich bekomme hautnah mit – wie es bei uns früher auch war –, was dort von außen auf die oft jungen Kollegen einprasselt.“

Entsprechend wichtig, um von den Beleidigungen – online oder offline – nicht aufgefressen zu werden, sind aus Sicht des Top-Gespanns zwei Dinge: „Social Media gehört zum Schiedsrichterwesen, aber man sollte darauf achten, seine Freundeslisten und Einstellungen gut auszuwählen“, rät Schulze und ergänzt mit Blick auf die Rolle als Schiedsrichter: „Wir haben die Aufgabe, für Fairplay auf dem Feld zu sorgen, können es in dieser Rolle aber nicht jedem recht machen. Als Schiedsrichter darf ich daher nicht das positive Feedback von irgendwem suchen. Dieselben Leute, die euch heute loben, können die sein, die euch eine Woche später beschimpfen.“

Solch negativen Erlebnissen aus dem Weg zu gehen, ist für Schiedsrichter:innen – egal in welcher Liga – wohl nicht möglich. Umso wichtiger ist es, für sich herauszufinden, wie man innerlich Abstand herstellen kann. „Externe Dinge kann man nicht beeinflussen, aber man muss für sich einen Weg finden, wie man damit umgehen möchte“, sagt auch Schulze. „Das ist ein Schlüssel, damit du nachhaltig Spaß an der Sache hast – auch, wenn es zwischendurch ekelhaften Gegenwind gibt.“


7 Tipps für den Umgang mit Beleidigungen und Hass im Netz

Hinweis: Im Zuge der zitierten Umfrage zum „Tag des Schiedsrichters“ 2023 wurden die Referees aus dem Elite- und Eliteanschlusskader in einem Freitextfeld um Tipps für jüngere Kolleg:innen bzw. die Unparteiischen an der Basis gebeten. Aus den zahlreichen Rückmeldungen sind diese sieben Tipps entstanden.

  1. Nicht lesen! So interessant es auch sein mag, sich Posts zu Spielen durchzulesen, so groß ist auch die Gefahr, dort Negatives über sich zu finden. Das müssen wir uns aber nicht „geben“. Das Internet ist nicht der Raum, in dem wir Feedback für unsere Leistung finden – also sucht es dort gar nicht erst.

  2. Nicht reagieren. Grundsätzlich ist es sinnvoll, nicht auf Anfeindungen zu reagieren. Wenn man nicht antwortet, läuft man auch nicht Gefahr, eventuell Öl in einen möglichen Brandherd zu gießen. Mischt euch daher auch nicht in Diskussionen in Foren ein. Und verzichtet am besten darauf, Beiträge von Vereinen zu liken, die ihr pfeift oder pfeifen könntet.

  3. Nicht persönlich nehmen! Häufig sind Beleidigungen nicht an euch persönlich gerichtet, sondern an die Rolle des Schiedsrichters geknüpft. Diese Menschen helfen einem nicht, besser zu werden, sondern sind mit der eigenen Lebenssituation unzufrieden und nutzen solche Plattformen bzw. diese Art der Kommunikation als Ventil.

  4. Nicht zu ernst nehmen, was dort geschrieben wird. Die meisten dieser Leute haben keinen Schiedsrichterschein – und oft größere Defizite bei der Regelkunde bzw. -auslegung. In 99 Prozent der Fälle wären sie gar nicht in der Lage, konstruktives Feedback abzugeben. Die reale Welt zählt.

  5. Selbst nichts kommentieren. Postet selbst keine Kommentare unter Spielen oder zu Entscheidungen von Kolleg:innen. Das Internet vergisst nichts. Ihr müsst euch im Klaren sein, dass ihr als Schiedsrichter:in in gewisser Weise eine öffentliche Person seid und auch zu noch so kleinen Posts Kritik in den Medien bekommen könnt.

  6. Blockieren. Blockiert die Profile der Personen, die euch beleidigen.

  7. Melden und Unterstützung holen. Meldet direkte Beleidigungen bzw. Vorfälle sofort, damit die Zuständigen wissen, wo es Probleme gibt, und eingreifen können. Vereine, Landesverbände und Ligen sollten gegen solche Inhalte klar vorgehen und sie im Zweifel auch sanktionieren. Und: Ihr müsst nicht alles ertragen und tolerieren – vor allem nicht allein. Wenn es euch sehr trifft oder ihr sogar Angst habt, sprecht darüber und holt euch Hilfe.