3-Sekunden-Regel

Im Grunde haben wir als Schiedsrichter mit der Zeit während des Spiels eher kein Problem, abgesehen wenn der Zeitnehmer mal einen Fehler macht oder wenn ein Spiel langweilig ist, und man hofft, dass die Zeit schnell vergeht.

Die Spielzeit wird sekundengenau i. d. R. auf der öffentlichen Zeitmessanlage angezeigt. Für die Hinausstellungszeit braucht man als Schiedsrichter auch kein Zeitgefühl. Die 2-Minuten werden exakt durch Zeitnehmer/Sekretär überwacht. Selbst für die Erkennung einer Tendenz zum passiven Spiel ist vor der Anzeige des Vorwarnzeichens ein Zeitgefühl des Schiedsrichters nicht der entscheidende Faktor, erst recht nicht nach der Anzeige des Vorwarnzeichens. Denn hier sind die Anzahl der Pässe oder ggf. andere Kriterien für eine Entscheidung auf passives Spiel maßgebend, aber nicht ein Zeitgefühl des Schiedsrichters.

Brauchen Schiedsrichter also kein Zeitgefühl?

Doch, als Schiedsrichter braucht man das schon. Oder wie soll man als Schiedsrichter die 3-Sekunden-Regel überwachen und ggf. entscheiden, wenn der Ball mehr als 3 Sekunden in den Händen bzw. der Hand verbleibt. 

Denn kein Schiedsrichter wird hierzu eine Stoppuhr nutzen (können), sondern er braucht dazu ein (hoffentlich) präzises Zeitgefühl.

Bemerkenswert ist, dass die 3-Sekunden-Regel nunmehr schon seit über 100 Jahren Bestandteil des Regelwerks ist, wie u. a. einige andere Regelbestimmungen auch.

Wie eng einzelne Bestimmungen der aktuellen Handballregeln mit dem damaligen Regelwerk verbunden sind, zeigt der Vergleich mit dem in den 20er Jahren im Turn- und Sportbücher-Verlag P. Mähler, Stuttgart, erschienenen Werk „Neueste offizielle Spielregeln für Handballspiel“.

Das Werfen und Fangen (Regel 5):

„Der Ball darf unter Benützung von Armen, Händen, Kopf, Rumpf, Oberschenkel und Knie in jeder beliebigen Art geworfen, geschlagen, gestoßen und gefangen werden.

Es ist verboten:

b) den Ball länger als 3 Sekunden in der Hand zu halten, auch auf dem Boden.“

Was in dem historischen Regelwerk noch in der „Verbotsform“ formuliert wurde, ist inzwischen in die „Erlaubnisform“ transferiert worden.

Im aktuellen Regelwerk heißt es in Regel 7: Spielen des Balles, passives Spiel

Es ist erlaubt,

7:1 den Ball unter Benutzung von Händen (offen oder geschlossen), Armen, Kopf, Rumpf, Oberschenkel und Knien zu werfen, zu fangen, zu stoppen, zu stoßen oder zu schlagen;

7:2 den Ball maximal 3 Sekunden zu halten, auch wenn dieser auf dem Boden liegt (13:1a);

Die 3-Sekunden-Regel ist also ein Relikt, mit dem die Schiedsrichter damals wie heute umgehen mussten bzw. müssen. 

Und dass man doch mal mit der dieser 3-Sekunden-Regel konfrontiert werden kann, soll das heutige Beispiel zeigen.

Was im Video geschieht

Für Mannschaft SCHWARZ wurde auf 7-m-Wurf entschieden. Aufgrund einer Hinausstellung gegen Mannschaft WEISS wurde die Spielzeit angehalten. Als Spielerin SCHWARZ 3 zum Wurf bereitsteht, pfeift der Feldschiedsrichter den 7-Meter-Wurf an. SCHWARZ 3 täuscht mehrfach einen Wurf an, wirft dann und erzielt ein Tor. 

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen 

Nach dem Anpfiff muss der 7-Meter-Wurf als Torwurf innerhalb von drei Sekunden ausgeführt werden (siehe Regel 14:4). Dies gilt übrigens für alle Würfe, wenn sie angepfiffen worden sind. Denn nach dem Anpfiff muss der Werfer den Ball innerhalb von drei Sekunden spielen (siehe Regel 15:5 letzter Absatz).

In dieser Situation führt die Schützin hier mehrfache Wurftäuschungen durch, bevor sie dann endgültig wirft. Der Wurf erfolgt erst nach ca. 4,1 Sekunden.

Generell müssen sich die Spieler der gegnerischen Mannschaft bei der Ausführung eines 7-Meter-Wurfs gemäß Regel 14:8 außerhalb der Freiwurflinie befinden und mindestens drei Meter von der 7-Meter-Linie entfernt sein, bis der Ball die Hand des Werfers verlassen hat. Ansonsten wäre der 7-Meter-Wurf zu wiederholen, wenn der Ball nicht in das Tor gelangt.

Grundsätzlich sollen die Schiedsrichter das Spiel auch nicht anpfeifen, bevor die Spieler ihre Aufstellung entsprechend Regel 15:1, 15:3 und 15:4 eingenommen haben (siehe jedoch 13:7 Absatz 2 und 15:4 Absatz 2). Pfeift der Schiedsrichter den Wurf trotz falscher Aufstellung der Spieler an, so sind diese Spieler voll aktionsfähig.

Wie im Video zu erkennen, erfolgte der Anpfiff des Feldschiedsrichters trotz falscher Aufstellung einiger Spielerinnen von Mannschaft WEISS. Diese sind damit durch den Anpfiff in ihren (falschen) Position legitimiert und damit voll aktionsfähig geworden.

Das Verhalten von WEISS 3 spielt in dieser Situation insofern keine Rolle, da WEISS 3 erst nach ca. vier Sekunden die Freiwurflinie überschreitet bevor der Ball die Hand der Werferin verlassen hat. Auch regeltechnisch wäre das Verhalten nicht zu beanstanden, wenn der Wurf innerhalb der drei Sekunden ausgeführt worden wäre.

Das jetzt zu ahndende regelwidrige Verhalten ist ausschließlich der 7-Meter-Werferin zuzurechnen, die den 7-Meter-Wurf nicht innerhalb des vorgegebenen Zeitlimits von drei Sekunden ausgeführt hat. Die regeltechnische Konsequenz kann daher nur lauten: Freiwurf für das gegnerische Team.

Fazit

Gelegentlich führen Schützen mehrfache Wurftäuschungen durch, bevor sie dann endgültig werfen. Dann ist es denkbar, dass das Zeitlimit überschritten wird. Daher Aufmerksamkeit auch diesbezüglich bei der Ausführung – nicht nur – von 7-Meter-Würfen. 

Da man als Schiedsrichter diese 3-Sekunden-Regel, die ja auch in anderen Situationen von Bedeutung sein kann, nicht mit der Stoppuhr überwachen kann, braucht man als Schiedsrichter eben dieses Zeitgefühl, das Zeitbewusstsein.

Auch das kann im Gespann auf dem Weg zum Spiel immer mal wieder trainiert werden. Eine Hilfe ist hier inneres Zählen, damit das subjektive Zeitgefühl der objektiven Zeit möglichst nahekommt.