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„Wir sind auf die Mitarbeit der Landesverbände angewiesen“
Redaktion: Herr Szuka, ob die Sichtungsturniere in Biberach und Menden oder die Fördermaßnahmen beim Deutschland-Cup: In den vergangenen zwei Jahren hat auch die Sichtung und Förderung von Talenten an der Pfeife unter der Corona-Pandemie gelitten, weil wichtige Maßnahmen ausgefallen sind. Was für Folgen hat das für den Schiedsrichternachwuchs im Deutschen Handballbund?
Nils Szuka: Das sind natürlich zwei ganz wichtige Bausteine in unserem Konzept, die zuletzt weggebrochen sind. Die Sichtungen sind die Basis unserer Arbeit, aber von den letzten vier Sichtungsturnieren konnte nur eins stattfinden. Da wir kein Gespann im Perspektivkader haben wollten, das wir vorher nicht selbst gesehen haben, mussten wir das mit Videobeobachtungen kompensieren.
Wir haben uns von den Landesverbänden daher die Videos ihrer talentierten Gespanne schicken lassen und dann anhand dieser Aufnahmen eine Leistungseinschätzung vorgenommen. Zum Glück konnte zudem das Turnier in Menden im August kurzfristig stattfinden. Das war zwar relativ kurz vor der Saison, aber wir konnten dort noch zwölf Gespanne sichten.
Der Reihe nach: Um als junger Schiedsrichter den Schritt in den Bereich des DHB zu machen, wird man also von den Landesverbänden gemeldet?
Genau. Wir sind in diesem Punkt auf die Mitarbeit der Landesverbände angewiesen, denn wir können nicht alle Talente in jedem Landesverband selbst vor Ort beobachten. Wir teilen den Verbänden daher in einer Ausschreibung jedes Jahr die Regularien mit und dann sollen diese uns ihre guten Gespanne melden – gerne auch mehr als eins. Die Ausschreibung für diese Saison habe ich erst vor zwei Wochen herausgeschickt.
Wie sehen diese Regularien aus?
Wir haben eine Kriterienliste: Die Gespanne sollen beispielsweise nach Einschätzung ihres Landesverbandes für die Jugendbundesliga geeignet und unter 24 Jahre alt sein. Außerdem wäre es unser Wunsch bzw. unser Anspruch, dass sie in der höchsten Männer-Spielklasse ihres Landesverbandes pfeifen. Wenn sie das zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht machen, sollte es für die nächste Saison vorgesehen sein.
Worauf achten Sie bei den Sichtungen?
Wir gucken natürlich darauf, ob die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter regeltechnisch Jugendbundesliga-tauglich sind. Außerdem schauen wir, ob sie ein entsprechendes Talent im B-Bereich mitbringen – beispielsweise in der Zusammenarbeit und der Kommunikation. Es braucht gewisse Ansätze, um mit ihnen arbeiten zu können.
Wie läuft die Sichtung an sich ab?
Wir haben bei den Sichtungen vier oder fünf wirklich gutes Coaches, die die Gespanne über das Wochenende beobachten. Neben Bernd Ullrich und mir sind das beispielsweise erfahrene Kollegen wie Ronald Klein oder Jürgen Hilfinger. Wir begleiten die Spiele und erstellen basierend auf den Beobachtungen eine Rangliste.
Gibt es einen festen Schlüssel, wie viele Gespanne pro Saison oder Sichtung aufsteigen?
Nein. Wir richten uns danach, wie viele Teams wir für den Perspektivkader brauchen, um die Jugendbundesliga abdecken zu können. In diesem Jahr haben wir 30 Gespanne im Perspektivkader, weil die Ligen ja aufgestockt wurden – davon haben wir zwölf Teams neu gesichtet. Meistens beobachten wir bei den Sichtungen um die 20 Gespanne und nominieren davon ungefähr acht Teams für die freigewordenen Plätze.
Können Gespanne sich ein zweites Mal bei einer Sichtung präsentieren, wenn sie beim ersten Mal nicht genommen wurden?
Ja, das ist manchmal sogar sinnvoll. Wenn wir ein sehr junges Gespann bei der Sichtung haben, kann es vorkommen, dass wir zu dem jeweiligen Landesverband sagen: „Die Jungs – oder Mädels – sind echt nicht schlecht, aber für die Jugendbundesliga reicht es aktuell noch nicht. Fördert sie bei euch weiter und schickt sie uns nächstes Jahr nochmal.“ Das hat schon oft gut geklappt.
Wie bewerten Sie generell die Zusammenarbeit mit den Landesverbänden?
Es läuft sehr gut. Wir haben auf den Tagungen der Schiedsrichterwarte den Perspektivkader und die Sichtungskriterien immer wieder vorgestellt und sehen die Entwicklung. Es gibt zwar leider Landesverbände, die nur selten ein Gespann melden, aber andere Landesverbände sind wirklich gut. Sie bereiten ihre Teams intensiv vor und die Qualität wird dadurch von Jahr zu Jahr besser.
Und die Landesverbände profitieren umgekehrt von der DHB-Förderung, denn die Gespanne aus dem Perspektivkader dürfen ja weiterhin im Landesverband pfeifen, nicht wahr?
Genau. Die Gespanne stehen dem Landesverband an einem Wochenende sowie einem weiteren Spieltag – einem Samstag oder einem Sonntag – zur Verfügung. Diese drei Tage dürfen die Teams bei uns blocken; dann werden sie nicht in der Jugendbundesliga angesetzt und können Oberliga oder Verbandsliga pfeifen. Es ist uns wichtig, dass die Gespanne Spiele bei den Männern und Frauen in den höheren Spielklassen auf Landesverbandsebene pfeifen.
Sind die Gespanne gesichtet und haben sich im Perspektivkader bewährt, dürfen sie auf eine Nominierung für den Deutschland-Cup hoffen. Welche Bedeutung hat dieses Turnier?
Beim Deutschland-Cup kommen hauptsächlich die Gespanne aus dem Perspektivkader zum Einsatz, die schon in der 3. Liga pfeifen – oder die uns in der bisherigen Saison überzeugt haben. Das ist für sie super, weil sie beim Deutschland-Cup die kommenden Spielergenerationen kennenlernen können.
Wie ist der Ablauf der Fördermaßnahmen beim Deutschland-Cup?
Letztendlich ist es ähnlich wie bei der Sichtung – natürlich auf einem höheren Level: Wir begleiten die Teams drei, vier Tage intensiv und sind quasi rund um die Uhr gemeinsam unterwegs. Es stehen Coachings, Videoschulungen und Teambuildingmaßnahmen an; außerdem gehören Gespräche mit Spielern und Trainern zum Programm.
Was sollen die Gespanne mitnehmen?
Wir erwarten eine Leistungssteigerung durch das Coaching bei den prominenten Coaches. In diesem Jahr wären unter anderem Marcus Helbig, Kay Holm und Wolfgang Heinz vor Ort gewesen. Die jungen Teams sollen über das Wochenende gerade in ihrer Persönlichkeit – dem B-Bereich – Fortschritte machen.
Zum Abschluss: Die meisten jungen Handballer träumen von einer Spielerkarriere. Welche Chancen kann es jedoch bieten, sich für die Schiedsrichterei zu entscheiden?
Wenn wir ehrlich sind, wissen wir natürlich: Die Schiedsrichterei ist für die meisten nicht so cool wie das Spielen. Dennoch fänden wir es natürlich super, wenn Spielerinnen und Spielern sich für die Schiedsrichter-Karriere interessieren würden – gerade, wenn sie vielleicht irgendwann spüren, dass ihr Talent für eine Spielerkarriere im absoluten Spitzenbereich doch nicht reicht.
Wir haben immer Bedarf an Leuten, die das Spiel wirklich verstanden haben. Auch wenn du die Bundesliga als Spieler nicht erreichen kannst, kannst du es vielleicht als Schiedsrichter – und so ein Teil des Spitzenhandballs werden. Wer sich jung für den Weg des Schiedsrichters entscheidet, hat alle Chancen, diesen Weg zu gehen – das geschieht aktuell nur leider noch viel zu selten.
Interview mit Nils Szuka und Bernd Ullrich
Was der Deutsche Handballbund Spielleitern und Akteuren durch das gemeinsame Aufwachsen in der A-Jugend-Bundesliga alles ermöglicht, berichten Nils Szuka und Bern Ullrich im gemeinsamen Interview mit dem DHB.