Wie ist die letzte Freiwurfentscheidung zu bewerten?
Welche Spielsituation lag vor?
Wir befinden uns ca. fünf Sekunden vor Spielschluss bei einem Stand von 28:27 für Team BLAU.
Der ballbesitzende Spieler ROT 7 auf der Position Rückraum-Mitte passt zu seinem Mitspieler ROT 8 auf der Position Rückraum-Rechts. Dieser läuft nach der Ballannahme Richtung gegnerischer Freiwurflinie an. Dabei wird er jedoch vom Abwehrspieler BLAU 27 regelwidrig am Hals festgehalten und fällt dabei auch zu Boden. Spieler ROT 8 kann den Ball dennoch zu seinem Mitspieler ROT 7 auf der Position Rückraum-Mitte zurückpassen. Spieler ROT 7 führt jetzt unter voller Ball- und Körperkontrolle einen Torwurf aus, der jedoch vom Abwehrspieler BLAU 77 geblockt werden kann. Der Ball fliegt daraufhin in Höhe der Auswechselmarkierung von BLAU ins Seitenaus.
Noch bevor der Ball die Seitenauslinie vollständig überquert hat, unterbricht der Feldschiedsrichter das Spiel mit Time-out und spricht gegen den zuvor fehlbaren Spieler BLAU 27 eine Hinausstellung aus. Gleichzeitig entscheidet er auf Freiwurf für Team ROT an der Stelle, an der das Vergehen von BLAU 27 zuvor begangen wurde.
Vorteilsgewährung – Eine hohe Kunst der Referees
Es zeugt immer von einem gut ausgeprägten Spielverständnis und einem hohen Maß an Souveränität, wenn Schiedsrichter in einem Spiel auch enge Vorteilssituationen erkennen und nicht vorschnell auf Freiwurf für die ballbesitzende Mannschaft entscheiden. Dies gilt umso mehr, wenn dies den Schiedsrichtern auch kurz vor Spielschluss und zudem bei einem sehr engen Spielstand gelingt.
In unserem Videobeispiel ist zunächst ein derartiges Spielverständnis zu erkennen. Der Feldschiedsrichter nimmt wahr, dass der gefoulte Spieler ROT 8 noch seinen Mitspieler ROT 7 anspielen kann. Er lässt daraufhin das Spiel laufen und unterbricht es nicht unmittelbar, um den fehlbaren Spieler BLAU 27 zu bestrafen. Immerhin ist dadurch der Spieler ROT 7 in der Lage, einen aussichtsreichen Torwurf auszuführen, der mit ein wenig mehr Glück durchaus noch zum Ausgleich hätte führen können.
Doch es kommt anders. Der Abwehrspieler BLAU 77 kann noch im letzten Moment den Torwurf von ROT 7 ins Seitenaus blocken.
Gemäß den Bestimmungen der Regel 13:2 Abs. 4 ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, das Spiel zu unterbrechen und den fehlbaren Spieler BLAU 27 nachträglich zu bestrafen. Da hier gemäß Regel 8:4c eine direkte Hinausstellung auszusprechen ist, steht auch die Spielunterbrechung mit Time-out gemäß Regel 2:8a außer Frage.
Die regelgerechte Spielfortsetzung
Bei seinem anschließenden Entscheid zur Spielfortsetzung hat der Feldschiedsrichter den regelgerechten Weg jedoch verlassen. Er hat, wie zu sehen, auf Freiwurf für Team ROT an der Stelle des vorangegangenen Foulspiels von BLAU 27 entschieden.
Durch das erfolgreiche Anspiel seines Mitspielers ROT 7 kann der gefoulte Spieler ROT 8 den ihm vom Feldschiedsrichter gewährten Vorteil nutzen. Das der Angreifer ROT 7 nun seinerseits die ihm gebotene Wurfchance nicht zu einem Treffer nutzen kann, kann nicht auch noch in die vorherige Vorteilsgewährung einbezogen werden und deshalb grundsätzlich zu einer Freiwurfentscheidung für die angreifende Mannschaft führen. Hätte in unserem Beispiel die abwehrende Mannschaft den Ball erobern können, wäre es nach der für die nachträgliche Bestrafung von Spieler BLAU 27 erforderlichen Spielunterbrechung mit Ballbesitz für Team BLAU weitergegangen.
Leider findet sich diese inzwischen gewohnte Regelauslegung nicht in den entsprechenden Bestimmungen der Regel 13:2 wieder. Als Regelgrundlage muss daher analog die Bestimmung der Regel 14:2 herangezogen werden.
Aufgrund der Bestimmung der Regel 13:6 Abs. 1 ist ein Freiwurf grundsätzlich an der Stelle auszuführen, an der die Regelwidrigkeit begangen wurde. Hier allerdings erfolgte formal keine Spielunterbrechung wegen eines Foulspiels. Die Spielunterbrechung diente dem Erfordernis der nachträglichen Bestrafung von Abwehrspieler BLAU 27. Für die Regelwidrigkeit an sich hat der Schiedsrichter zuvor Vorteil gewährt, der durch das gelungene Anspiel zu Spieler ROT 7 aber bereits genutzt worden war.
Zudem ist zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung keine Mannschaft in physischem oder faktischem Ballbesitz. Für derartige Fälle ist auf die Bestimmungen der Regel 13:4b zurückzugreifen. Da das Blocken eines Balles noch nicht gleichbedeutend mit einem Wechsel des Ballbesitzes ist, ist die angreifende Mannschaft zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung weiterhin in Ballbesitz. Gemäß der weiteren Ausführungen in Regel 13:6 ist in derartigen Fällen der Freiwurf an der Stelle auszuführen, an der sich der Ball zum Zeitpunkt der Unterbrechung befand. Das genaue Videostudium zeigt, dass der Ball die Seitenlinie zum Zeitpunkt des Pfiffs wohl noch nicht überschritten hatte (siehe auch nachfolgenden Screenshot). Demnach wäre der Freiwurf für Team ROT in Höhe der Auswechselmarkierung von Team BLAU auszuführen gewesen.
Hätte der Ball die Seitenlinie an dieser Stelle bereits vor der Spielunterbrechung vollständig überschritten (Ball ist dann aus dem Spiel), wäre anstatt auf Freiwurf unter Bezug auf die Bestimmungen der Regel 13:3 auf Einwurf für Team ROT zu entscheiden gewesen.
Fazit
Zu einer rundum gelungenen Vorteilsgewährung mit nachträglicher Bestrafung des fehlbaren Spielers kann eine im Nachgang erforderliche regelgerechte Spielfortsetzung von enormer Bedeutung sein.
Der in unserem Videobeispiel vom Schiedsrichter irrtümlich gewählte Ausführungsort ist für die angreifende Mannschaft sicherlich von Vorteil. Der regelgerechte Ausführungsort für diesen zwei Sekunden vor Spielschluss anzupfeifenden Freiwurf befand sich aber an der Auswechselmarkierung der gegnerischen Mannschaft und war sicherlich weniger aussichtsreich.
Noch ungünstiger wäre es für die angreifende Mannschaft gewesen, wenn die Schiedsrichter auf Einwurf an gleicher Stelle für Team ROT anstatt auf Freiwurf hätten entscheiden müssen. Diese Einschätzung gebietet sich schon allein aus den Bestimmungen der Regel 2:4 Abs. 2, die in bestimmten Fällen eine Wiederholung eines Freiwurfs vorsieht.
Gerade vor dem Hintergrund der vorstehenden Erläuterungen ist es wohl gut so, dass das Spiel letztlich doch mit 28:27 für Team BLAU ausgegangen ist.