Quelle: DHB

Wie ist die korrekte Spielfortsetzung?

Dass es beim Handball etwas unübersichtlich zugeht, kommt gar nicht so selten vor; das Geschehen ballt sich halt häufiger auf engstem Raum. Für die Schiedsrichter gilt es, auch im größten Wirrwarr den Durchblick zu behalten und eine Entscheidung zu treffen. Wenn dabei die eigene Perspektive keinen glasklaren Blick auf die Spielsituation ermöglicht, ist es umso wichtiger, die infrage kommenden Regelaspekte "auf dem Schirm zu haben". So wie in unserem Beispiel (in dem auch das Video keinen eindeutigen Aufschluss gibt) ...

Auswertung

Auch die Screenshots geben keine klare Antwort, wie das Spiel objektiv fortzusetzen wäre. Deshalb sollen nachfolgend die regeltechnischen Möglichkeiten vor dem Hintergrund der einschlägigen Regeln und deren entsprechenden Kriterien und Merkmale besprochen werden.

Folgende Spielfortsetzungen sind regeltechnisch denkbar:

Abwurf SCHWARZ, wenn ...

  • ... die Torfrau von SCHWARZ den Ball im Torraum unter Kontrolle gebracht hat [12:1 (II)].
  • ... die Torfrau von SCHWARZ mit dem kontrollierten Ball den Torraum verlässt, ohne dass der Abwurf angepfiffen war [5:6].
  • ... der Ball im Torraum von SCHWARZ liegengeblieben ist [12:1 (II)].
  • ... Spielerin ROT 5 den Torraum von SCHWARZ mit Ball betreten hat [12:1 (I); 6:2a Satz 1].
  • ... Spielerin ROT 5 den Torraum von SCHWARZ ohne Ball betreten hat, dadurch aber einen Vorteil erlangt hat [12:1 (I); 6:2a Satz 2].
  • ... Spielerin ROT 5 den im Torraum von SCHWARZ rollenden Ball berührt hat [12:1 (III); 6:5 Abs. 1].

Freiwurf SCHWARZ, wenn ...

  • ... Spielerin ROT 5 die Torfrau von SCHWARZ oder SCHWARZ 8 gemäß Regel 8:2b (falsche Sperre, wegstoßen) attackiert hat.

Freiwurf ROT, wenn ...

  • ... die Torfrau von SCHWARZ den außerhalb des Torraums liegenden oder rollenden Ball berührt, solange sie noch im Torraum ist [5:7].
  • ... die Torfrau von SCHWARZ den außerhalb des Torraums liegenden oder rollenden Ball in den Torraum hereinholt [5:8].
  • ... die Torfrau von SCHWARZ den sich Richtung Spielfeld bewegenden Ball mit Unter-schenkel oder Fuß berührt [5:10].
  • ... die Torfrau von SCHWARZ oder die Mitspielerin SCHWARZ 8 der Spielerin ROT 5 den Ball entreißt [8:2a].
  • ... die Spielerin SCHWARZ 8 den eigenen Torraum betritt und dadurch einen Vorteil erlangt, ohne jedoch eine klare Torchance von Spielerin ROT 5 zu vereiteln [6:2b].
  • ... die Spielerin SCHWARZ 8 die Spielerin ROT 5 gemäß Regel 8:2b (falsche Sperre, wegstoßen) oder 8:2c (halten am Körper oder Trikot) attackiert hat.

7-Meter-Wurf ROT, wenn ...

  • ... die Spielerin SCHWARZ 8 den eigenen Torraum betritt und dadurch eine klare Torchance von Spielerin ROT 5 vereitelt [6:2c].

Faktencheck

Die Schiedsrichter im Spiel haben auf Freiwurf für Team ROT entschieden. Welche Regelbestimmung sie dabei angewendet haben, ist im Video nicht zu erkennen.

In einem Schulungslehrgang des Elitekaders hatten sich 67 % für Abwurf für Team SCHWARZ, 18 % für 7-Meter-Wurf für Team ROT und 15 % für Freiwurf für Team ROT entschieden. Die Möglichkeit von Freiwurf für Team SCHWARZ war nicht angeboten.

Fazit

  • Die Schiedsrichter treffen auch in diesen komplexen Situationen eine Tatsachenfeststellung.
  • Hinsichtlich der Spielfortsetzung ist immer das erste festgestellte Vergehen zu ahnden.
  • Ein zu gewährender Vorteil [13:2; 14:2] kann die unmittelbare Entscheidung hinauszögern.
  • Vergehen, die progressiv zu bestrafen sind [Regeln 8:3 bis 8:10], können unabhängig von bereits getroffenen Entscheidungen zur Spielfortsetzung geahndet werden.