Wie darf der Ball dem Gegenspieler weggespielt werden?
War die Aktion von WEISS 5 regelgerecht?
Für die Beurteilung ist es wichtig, zwischen einem freien Ball und Ballkontrolle zu unterscheiden.
1. Der freie Ball
Ein freier Ball liegt vor, wenn kein Spieler eine klare Kontrolle über den Ball hat – etwa, wenn der Ball nach einem Abwehrblock oder vom Tor abprallt und sich anschließend außerhalb oder über dem Torraum befindet, oder wenn er nach einem misslungenen Zuspiel frei im Spielfeld liegt. In solchen Situationen ist zunächst nicht eindeutig, wer sich im Ballbesitz befindet; dies kann gegebenenfalls gemäß Regel 13:4 entschieden werden.
In dieser Situation dürfen Spieler beider Mannschaften um den Ball kämpfen. Der Kampf um den freien Ball ist in beliebiger Körperhaltung – also springend, fallend oder liegend – erlaubt, solange die Aktion innerhalb des Spielfelds bleibt (ohne Berührung des Torraums) und der Gegenspieler weder regelwidrig behindert noch gefährdet wird (siehe Regel 8:2).
2. Der kontrollierte Ball
Im Gegensatz dazu spricht man von einem kontrollierten Ball, wenn ein Spieler den Ball sicher gefasst hat – also mindestens mit einer Hand hält. Die Unterscheidung zwischen Ballbesitz und Ballkontrolle ist im Regelwerk zentral, zum Beispiel bei Spielunterbrechungen (Regel 13:4), bei der Beantragung eines Team-Time-outs (IHF-Erläuterung 3) und bei der Beurteilung von Situationen nach 8:1 und 8:2.
Merke: Ein Ball gilt als kontrolliert, wenn er mit mindestens einer Hand gefasst ist.
3. Konsequenzen für den Zweikampf
Sobald ein Spieler den Ball unter Kontrolle hat, gelten für den Gegenspieler klare Einschränkungen bei der Balleroberung:
Der Ball darf nur mit einer offenen Hand in beliebige Richtung weggespielt werden (Regel 8:1a). Es ist jedoch nicht erlaubt, den Ball aus der Hand zu reißen oder wegzuschlagen (Regel 8:2a). Diese Unterscheidung schützt den Ballbesitzer und soll gefährliche oder unfaire Aktionen verhindern.
4. Zusammenfassung
Der Kampf um den Ball kann in vielen Situationen entstehen. Entscheidend ist jedoch, ob ein Spieler den Ball kontrolliert oder nicht:
- Freier Ball: Kein Spieler hat Kontrolle. Der Kampf um den Ball ist in beliebiger Körperhaltung erlaubt, solange dies regelkonform geschieht.
- Ballkontrolle: Der Ball ist gefasst (mindestens mit einer Hand). Der Ball darf nur mit offener Hand weggespielt werden; Reißen oder Schlagen ist untersagt.
Fazit
Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob ein Spieler lediglich in Ballbesitz ist und den Ball tippt oder prellt, oder ob er ihn gefasst und somit unter Kontrolle hat. Im letzteren Fall greifen Schutzbestimmungen zugunsten des Ballführenden, um faire Zweikämpfe zu gewährleisten.
Beispiele
Video 1
Mannschaft ROT ist am eigenen Torraum im Ballbesitz. ROT 74 spielt den Ball zu ROT 14, der den Ball gefasst hat und eine Ausholbewegung macht. WEISS 5 nutzt die Situation, nimmt den Ball aus der Hand von ROT 14 und erzielt ein Tor.
Dies fällt unter Regel 8:2a – unerlaubtes Wegnehmen des Balles. Da ROT 14 den Ball kontrolliert hielt und WEISS 5 ihn nicht mit offener Hand, sondern durch Herausreißen wegnimmt, ist die Entscheidung korrekt: Freiwurf für ROT.
Video 2
Mannschaft BLAU ist im Angriff, der Ball wird geblockt und springt ins Spielfeld zurück. BLAU 17 erreicht den Ball liegend und fasst ihn mit einer Hand. Ein Spieler von SCHWARZ reißt ihm den Ball aus der Hand und startet einen Gegenstoß. Die Schiedsrichter entscheiden auf Freiwurf für BLAU.
Auch hier greift Regel 8:2a – unerlaubtes Wegnehmen bei kontrolliertem Ball. Die Entscheidung ist korrekt, da BLAU 17 den Ball kontrolliert hatte.
Video 3
Mannschaft MINT ist im Angriff. Nach einem Pass kann ROT 32 den Ball abfangen und spielt ihn zu ROT 6, der anschließend zu ROT 62 weiterleitet. MINT 19 läuft parallel zu ROT 32 und spielt ihm den Ball mit offener Hand sauber heraus.
Dies ist ein Beispiel für Regel 8:1a – erlaubtes Herausspielen. Die Aktion ist regelkonform, daher wird das Spiel zu Recht nicht unterbrochen.
Video 4
Mannschaft WEISS ist im Angriff, aber der Torwart von ROT hält den Ball. ROT leitet den Gegenangriff ein. Rückraum Mitte ROT 71 wird von WEISS 63 mit offener Hand am Ball gestört, sodass ROT 71 den Ball verliert und WEISS den Gegenstoß einleiten kann.
Hier wurde Regel 8:1a korrekt angewendet. Kein Eingreifen der Schiedsrichter, Vorteil laufen lassen.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.