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„Wer sich kennt, der beschimpft sich weniger.“

Daniel Brack (41) trainiert die 1. Männer-Mannschaft des VfL Pfullingen. Im Interview spricht der Drittliga-Coach über seine Taktik im Umgang mit Schiedsrichter*innen und betont, warum ein gegenseitiger Austausch aus seiner Sicht so wichtig ist.

 

Redaktion: Herr Brack, welche Taktik verfolgen Sie im Umgang mit Schiedsrichtern? 

Daniel Brack: Grundsätzlich ist die Primäraufgabe eines Trainers, seine Mannschaft zum Sieg zu führen. Wir wollen gewinnen und dafür bin ich bereit, recht viele Dinge zu tun – ob technisch-taktisch im Vorfeld oder durch ein optimales Coaching im Wettkampf. Dazu gehört es auch, das Spiel zu lesen. Da die Schiedsrichter ein wichtiger Faktor im Spiel sind, muss ich ihre Linie für die Mannschaft transferieren. 

Das entwickelt sich allerdings erst über das Spiel – ich gehe also nicht mit dem Vorsatz in ein Spiel, mich heute mal besonders aufzuregen. Es geht vielmehr darum, den Spielern Tipps zu geben, worauf die Schiedsrichter am heutigen Tag besonders achten und wie sie darauf reagieren sollen. 

 

Könnten Sie ein Beispiel geben? 

Es gibt Schiedsrichter, die tendenziell etwas schritte-freundlicher sind und die dreieinhalb oder vier Schritte zulassen. Wenn wir also wissen, dass es auch auf den vierten oder fünften Schritt noch Zeitstrafen geben kann, ist es mein Job, die Mannschaft darauf hinzuweisen, um in der Abwehr entsprechend zu agieren und das im Angriff durch einen konsequenten Zug zum Tor auszunutzen. Andererseits gibt es auch Schiedsrichter, die bereits nach dem zweiten Schritt unter Kontakt einen Freiwurf geben. Dann müssen meine Spieler entsprechend anders agieren – und den Gegenspieler so früh wie möglich stellen, um das Foul so früh wie möglich zu schaffen. 

 

Was ist Ihnen – aus Trainersicht – bei einer Schiedsrichterleistung wichtig? 

Für mich ist es entscheidend, dass die Schiedsrichter eine Linie verfolgen. Welche Linie das ist, ist erstmal zweitrangig – dass also die Zeitstrafe nach dem fünften Schritt noch gegeben wird, ist okay, wenn das konsequent in einem Spiel durchgezogen wird, sodass ich meine Mannschaft darauf einstellen kann. 

 

Eine Linie in einem Spiel ist nachvollziehbar, aber wie ist Ihre Meinung zu unterschiedlichen Linien innerhalb eines Kaders? Wäre das nicht wünschenswert? 

Wir haben im Handball kein schwarz-weißes Regelbuch; es gibt immer Interpretationsspielräume. Daher kann selbst ein Gespann aus meiner Sicht in zwei Spielen nicht exakt die gleiche Linie verfolgen. Auch für die Schiedsrichter entwickelt sich jedes Spiel anders. Ich will daher weder eine Einheitlichkeit zwischen Gespann A und B fordern und mir noch nicht einmal wünschen, dass Gespann A immer gleich pfeift. Der gemeinsame Nenner sollte aus meiner Sicht immer sein, in einem Spiel eine Linie von der 1. bis 60. Minute zu verfolgen. 

 

Was würden Sie sich über diese Einheitlichkeit in einer Partie hinaus wünschen? 

Ich möchte voranstellen, dass Schiedsrichter der Job im Handball ist, der am wenigsten mit natürlicher Reputation versehen ist. Kein Schiedsrichter wird mit Standing Ovations verabschiedet; der Job gilt in unserer Gesellschaft nicht als sonderlich attraktiv. Man muss sich das mal vorstellen: Schiedsrichter haben eigentlich immer dann die beste Leistung gezeigt, wenn sie nicht auffallen – das hast du selten, dass jemand, der nicht auffällt, einen guten Job gemacht hat. 

 

Und was folgt daraus? 

Ich möchte sagen: Der Schiedsrichter-Job ist extrem schwierig, aber ich wünsche mir dennoch, dass wir weiterhin in einem aktiven Austausch bleiben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die eine Partei etwas macht und die andere folgen muss. Ich würde mir wünschen, dass man da vorher miteinander spricht. 

 

Hätten Sie ein konkretes Beispiel als Veranschaulichung? 

Ein Beispiel wäre die Situation mit den Außenspielern, wo es mehrere Jahre gedauert hat, bis die Spieler sich so verhalten haben, wie es der Auslegung der Schiedsrichter entspricht. Auch das passive Spiel wäre ein Beispiel: Ich finde nicht, dass die vier oder sechs Pässe das Problem darstellen, sondern es ist vielmehr das Problem, dass es bei einem Freiwurf immer noch einen weiteren Pass gibt. In meinem Training unterbinde ich das immer wieder. So würde jedes nicht progressive Foul dazu führen, dass es nach dem vierten Pass einen Ballverlust gibt – dann muss ich den Freiwurf eben direkt werfen, wenn ich meine Pässe schon verbraucht habe.  

 

Sprich: Es wäre Ihr Wunsch, dass das Schiedsrichterwesen einen engeren Austausch mit den Vereinen pflegt? 

Es ist für beide Seiten ein Miteinander, denn wir können nicht ohneeinander. Man könnte zum Beispiel Trainer zu Schiedsrichterlehrgängen einladen oder ein Schiedsrichter könnte das Training einer Mannschaft besuchen, um zu beobachten und eventuell auch zu pfeifen. So würde man näher zusammenrücken, eine Verknüpfung schaffen. Das hätte aus meiner Sicht nur Vorteile. Man muss allerdings auch zugeben: Es wird oft über Schiedsrichter gesprochen statt mit Schiedsrichtern. Wir sollten daher auch von unserer Seite die Kommunikation suchen. 

 

Wie könnte das konkret aussehen? 

Der direkte Austausch ist am zielführendsten. Ich versuche, bereits nach den Spielen mit den Schiedsrichtern in den Austausch zu gehen. Ich kenne auch Schiedsrichter, die aktiv den Austausch mit mir suchen – so hat man automatisch eine bessere Basis für das nächste Spiel geschaffen. Wer sich kennt, der beschimpft sich weniger. Außerdem können von so einem Austausch alle profitieren. Wenn wir in einem Spiel am Limit sind, was die Progression angeht, können wir uns für das nächste Spiel darauf einstellen. Oder wir geben den Schiedsrichtern das Feedback: Eure Linie beim Stürmerfoul hat für uns nicht gepasst. So werden wir alle gemeinsam besser.