Quelle: DHB

Wechselfehler und der Zeitpunkt der Unterbrechung

Das heutige Videobeispiel erläutert die Bedeutung des richtigen Zeitpunkts der Spiel(zeit)unterbrechung sowie die korrekte Spielfortsetzung nach einem „Wechselfehler“.

Was im Video geschieht

Mannschaft BLAU ist im Angriff 6 gegen 6, spielt aber wegen einer Hinausstellung von BLAU 22 bei Spielzeit 05:38 ohne Torwart (leeres Tor). Nach dem Durchbruch von BLAU 4 (RL) entscheiden die Schiedsrichter auf Abwurf für Mannschaft GELB. Durch den Ballverlust laufen BLAU 17 und BLAU 2 zurück in den Auswechselbereich. Für BLAU 17 wechselt der Torwart korrekt ein (im Video nicht ersichtlich). Damit ist die Anzahl an Spielern (5 + 1) auf der Spielfläche aufgrund der Hinausstellung von Mannschaft BLAU korrekt. Während des Angriffs von Mannschaft GELB bleiben BLAU 17 und BLAU 2 stehen. Als GELB 35 bei dem Durchbruchversuch auf Höhe der Freiwurflinie ist, betritt Spieler BLAU 2 bei Spielzeit 6:42 deutlich die Spielfläche, macht aber dann wieder einen Rückzieher, während GELB 35 auf das Tor wirft und damit das 4:1 erzielt. Erst bei der anschließenden Ausführung des Anwurfs von Mannschaft BLAU macht sich der Zeitnehmer mutmaßlich per Handzeichen bemerkbar, da die Hupe der offiziellen Zeitmessanlage scheinbar nicht klappt. Der Anwurf wird dann ausgeführt. Der Zeitnehmer versucht nochmals, die Hupe zu betätigen, die anscheinend aber noch immer nicht funktioniert (kein akustisches Signal). Erst dann nimmt er die Pfeife und unterbricht das Spiel. Die Schiedsrichter erkundigen sich nach dem Grund der Unterbrechung. Der Zeitnehmer zeigt an, dass BLAU 2 als zusätzlicher Spieler auf der Spielfläche war. Die Schiedsrichter geben BLAU 2 eine Hinausstellung und setzen das Spiel mit Freiwurf für Mannschaft GELB in Höhe des Auswechselbereichs von Mannschaft BLAU fort.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Spieler BLAU 2 ist durch das Betreten der Spielfläche bei Spielzeit 06:42 ein zusätzlicher Spieler, da Mannschaft BLAU noch bis 07:38 in Unterzahl spielen muss.

Betritt gemäß Regel 4:6 ein zusätzlicher Spieler die Spielfläche ohne Auswechselung […], erhält dieser Spieler eine Hinausstellung. Die Mannschaft muss für die folgenden zwei Minuten um einen Spieler auf der Spielfläche reduziert werden […].
Das Spiel wird […] mit einem Freiwurf für die gegnerische Mannschaft fortgesetzt. (13:1a-b, Erläuterung 7)

Vorausgesetzt dass der Zeitnehmer die Regelwidrigkeit selbst wahrgenommen und das Spiel aufgrund eines Defekts der Hupe erst nach Ausführung des Anwurfs mit einem Pfiff unterbrochen hat, sind die getroffenen Maßnahmen der Schiedsrichter (Hinausstellung BLAU 2 und Spielfortsetzung Freiwurf Mannschaft GELB) regeltechnisch korrekt.

Was wäre, wenn ...?

In diesem Beispiel handelt es sich nicht um den klassischen Wechselfehler (Regel 4:4, 4:5). Der Wechsel zwischen BLAU 17 und dem Torwart war korrekt. Da Mannschaft BLAU in Unterzahl spielt, ist BLAU 2 durch das (auch kurzzeitige) Betreten der Spielfläche ein zusätzlicher Spieler (Regel 4:6).

Normalerweise erhält der zusätzliche Spieler, der die Spielfläche betritt, eine Hinausstellung. In besonderen Situationen ist aber das Strafmaß gegen einen zusätzlichen Spieler anders, nämlich härter. Betritt ein zusätzlicher Spieler entsprechend Regel 4:6 während einer klaren Torgelegenheit die Spielfläche, ist der Spieler entsprechend Regel 16:6b in Verbindung mit Regel 8:10b zu bestrafen (Erl. 7).

Das ist der Unterschied zum Wechselfehler. Wenn wegen eines Wechselfehlers der abwehrenden Mannschaft eine klare Torgelegenheit vereitelt wird, muss gemäß Regel 14:1a auf 7-Meter-Wurf entschieden werden. In allen anderen Fällen wird das Spiel mit Freiwurf wieder aufgenommen. Der fehlbare Spieler wird in allen Fällen aber nur gemäß Regel 16:3a mit einer Hinausstellung bestraft.

Wer achtet auf Wechselvorgänge und wann muss der Zeitnehmer das Spiel unterbrechen?

Zeitnehmer und Sekretär zusammen kontrollieren die ordnungsgemäße Besetzung der Auswechselbänke. Darüber hinaus überwachen sie die Auswechselvorgänge (jeder auf seiner Seite). Bei Wechselfehlern hat der Zeitnehmer sofort – ohne Berücksichtigung einer eventuell bestehenden Vorteilssituation – zu pfeifen und die Spielzeit anzuhalten. Der Zeitnehmer muss den fehlbaren Spieler benennen.

Regelwidrigkeit, aber unterschiedlicher Zeitpunkt der Unterbrechung

Auch wenn der Zeitnehmer sofort pfeifen muss, kann es gelegentlich (aus den unterschiedlichsten Gründen) dauern, bis er tatsächlich das Spiel unterbricht.

Ausgehend vom Betreten der Spielfläche durch BLAU 2 und dem Zeitpunkt der Unterbrechung durch den Zeitnehmer hätten sich auch folgende Szenarien (Strafe für BLAU 2 und Spielfortsetzung) ergeben können:

  1. Der Zeitnehmer pfeift und GELB 35 hat noch keine klare Torgelegenheit. Strafe = Hinausstellung BLAU 2 und Spielfortsetzung = Freiwurf Mannschaft GELB an der Freiwurflinie BLAU.
  2. Der Zeitnehmer pfeift, während GELB 35 eine klare Torgelegenheit hat. Strafe = Disqualifikation mit Bericht BLAU 2 und Spielfortsetzung = 7-Meter-Wurf für GELB.
  3. Der Zeitnehmer pfeift, nachdem GELB 35 das Tor erzielt hat und der Ball vom Torwart Richtung Anwurf gespielt wird. Strafe = Hinausstellung BLAU 2 und Spielfortsetzung = Anwurf Mannschaft BLAU.
  4. Der Zeitnehmer pfeift genau in dem Moment, als der Schiedsrichter den Anwurf anpfeift, aber der Spieler den Anwurf noch nicht ausgeführt hat (der Ball hat die Hand noch nicht verlassen). Strafe = Hinausstellung BLAU 2 und Spielfortsetzung = Wiederholung Anwurf Mannschaft BLAU.
  5. Der Zeitnehmer pfeift, nachdem der Anwurf ausgeführt wurde (der Ball hat die Hand verlassen). Strafe = Hinausstellung BLAU 2 und Spielfortsetzung = Freiwurf Mannschaft GELB in Höhe der Auswechsellinie von Mannschaft BLAU.

Die vorgenannten möglich gewesenen Szenarien belegen, nicht der Zeitpunkt des Begehens der Regelwidrigkeit ist entscheidend für die Bestrafung und Spielfortsetzung, sondern der Zeitpunkt des Pfiffs, der Unterbrechung durch den Zeitnehmer (oder Delegierten).

Gleiches gilt übrigens für den Zeitpunkt der Hinausstellung. Der Beginn der Hinausstellung ist identisch mit dem Zeitpunkt der Unterbrechung und nicht mit dem Zeitpunkt des regelwidrigen Betretens.

Fazit

Im Regelfall ist hinsichtlich Spielfortsetzung und Strafe der Zeitpunkt der begangenen Regelwidrigkeit relevant. Das aktuelle Beispiel ist insofern als Ausnahme dazu anzusehen, da hier nicht der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit, sondern der der Unterbrechung durch den Zeitnehmer entscheidend für die Spielfortsetzung und Strafe ist.

Warum Zeitnehmer und Sekretär nicht sofort gehandelt haben, ist an dieser Stelle nicht wichtig. Bedenklich ist aber, dass durch das Intervenieren vom Trainer von Mannschaft GELB erst sehr spät gehandelt wurde. 

Also für Zeitnehmer und Sekretäre: Augen auf bei Wechselvorgängen oder wenn eine Mannschaft in Unterzahl spielt (zusätzlicher Spieler).

Hinweis

Zur Klarstellung und Abgrenzung muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass in anderen Situationen der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit und nicht der Zeitpunkt der Unterbrechung eine entscheidende Rolle spielt.

Letzte 30 Sekunden

Hier ist schon der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit wesentlich und nicht, wann das Spiel unterbrochen wurde.
Beispiel: Regelwidrigkeit bei 59:28, Spielunterbrechung bei 59:31. Regel 8:10c oder 8:10d können nicht angewendet werden.

Regelwidrigkeit kurz vor oder mit dem Schlusssignal

Auch hier ist der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit für Strafe und Spielfortsetzung entscheidend.
Beispiel: Der Kreisläufer hat eine klare Torgelegenheit, die kurz vor dem Schlusssignal regelwidrig vereitelt wurde, danach ertönt das Schlusssignal. Auch hier ist die Spielfortsetzung 7-Meter-Wurf und die – entsprechend der Situation – zu gebende Strafe auszusprechen.