Was ist (k)ein Wechselfehler?
Zum Regelwissen von Zeitnehmer und Sekretär gehört auch, zu erkennen, wann tatsächlich ein Wechselfehler vorliegt – und wann nicht, wie das folgende Beispiel zeigt.
Was im Video geschieht
Im Video ist zu sehen, dass die Mannschaft WEISS ein Tor erzielt. Anschließend führt die Mannschaft ROT nach dem Pfiff des Schiedsrichters den Anwurf aus. Während des Passspiels läuft der Linksaußen (LA) der Mannschaft ROT in den eigenen Auswechselbereich, um sich mit frischem Haftmittel für den bevorstehenden Angriff zu versorgen. Danach kehrt er auf die Spielfläche zurück. Während ROT ihren Angriff organisiert, begibt sich ein Offizieller der Mannschaft WEISS zusammen mit einem Spieler zum Zeitnehmer- und Sekretärstisch und beanstandet das Verlassen der Spielfläche durch den Spieler von ROT. Der Zeitnehmer unterbricht daraufhin das Spiel und teilt den Schiedsrichtern offenbar mit, dass ein Wechselfehler vorliegt. Die Schiedsrichter verhängen daraufhin eine Hinausstellung gegen den Spieler von ROT und das Spiel wird mit einem Freiwurf für WEISS fortgesetzt.
Der Wechselvorgang
Die Merkmale und Kriterien für einen regelgerechten Spielerwechsel finden sich in Regel 4:4, dem dazugehörigen Kommentar sowie in Regel 4:3 Abs. 3. Ergänzend beschreibt Regel 4:6 Abs. 1 die Folgen, wenn ein zusätzlicher Spieler ohne Auswechslung die Spielfläche betritt.
In den Guidelines und Interpretationen zu Spielerwechseln (Regel 4:4) wird das Verlassen und Betreten der Spielfläche erläutert, ebenso wie unter „Betreten der Spielfläche“ (Regeln 4:4–4:6), wann ein Wechselfehler bzw. eine Missachtung der Auswechsellinie vorliegt.
Gemäß Regel 4:4 Abs. 1 ist ein Spielerwechsel dadurch gekennzeichnet, dass ein Spieler die Spielfläche regelgerecht (siehe Regel 4:4 Abs. 2) verlässt und anschließend ein Auswechselspieler (siehe Regel 4:1 Abs. 1 und Auswechselraum-Reglement) die Spielfläche betritt. Ein regulärer Spielerwechsel und mögliche Wechselfehler betreffen immer zwei Spieler: Einer verlässt die Spielfläche, ein anderer betritt sie. Der Wechsel ist erst abgeschlossen, wenn beide Vorgänge erfolgt sind. Verlässt ein Spieler das Feld und es kommt kein Auswechselspieler hinein, liegt noch kein vollständiger Wechsel vor. Auch ein kurzzeitiges Verlassen und erneutes Betreten desselben Spielers gilt nicht als Spielerwechsel.
Im Kommentar zu Regel 4:3 heißt es, der Sinn der Auswechsellinie sei es, ein korrektes Auswechseln sicherzustellen – nicht aber, Spieler zu bestrafen, die die Seiten- oder Torauslinie ohne Vorteilsabsicht überschreiten (z. B. um Wasser oder ein Handtuch direkt neben der Auswechsellinie zu holen oder die Spielfläche nach einer Hinausstellung auf sportliche Weise außerhalb der eigenen Auswechselraummarkierung zu verlassen).
Taktisches und nicht erlaubtes Verlassen wird hingegen in Regel 7:10 behandelt.
Verlässt ein Spieler der ballbesitzenden Mannschaft die Spielfläche ohne Ball (hier sind nicht die Beispiele aus dem Kommentar zu Regel 4:3 gemeint), sollen die Schiedsrichter ihn auffordern, zurückzukehren. Tut er das nicht oder wiederholt sich das Vorkommnis bei derselben Mannschaft, ist ohne vorherige Aufforderung auf Freiwurf für die andere Mannschaft zu entscheiden (13:1a). Solche Vergehen führen nicht zu persönlichen Bestrafungen gemäß Regel 8 und 16.
Regeltechnische Bewertung
Ein Wechselfehler liegt hier eindeutig nicht vor, da zwar ein Spieler die Spielfläche verlässt, jedoch kein anderer Spieler eintritt. Es handelt sich auch nicht um einen zusätzlichen Spieler.
Der Spieler überschreitet die Linie im Sinne des Kommentars zu Regel 4:3 ohne Vorteilsabsicht, lediglich um Haftmittel aufzunehmen. Auch ein taktisches, nicht erlaubtes Verlassen der Spielfläche liegt nicht vor – und selbst dieses würde nicht progressiv bestraft.
Der Zeitnehmer hätte das Spiel – trotz der Proteste von WEISS – nicht unterbrechen dürfen. Hier hätten allenfalls die Schiedsrichter das Spiel unterbrechen können, um auf die Einhaltung des Auswechselraum-Reglements hinzuweisen.
Hinzu kommt, dass der Spieler von ROT gar nicht die Auswechsellinie missachtet hat (er war offensichtlich mit keinem Fuß auf der falschen Seite). Selbst ein regulärer Spielerwechsel wäre in dieser Situation regelkonform gewesen.
Missachtung der Auswechsellinie
Die Missachtung der Auswechsellinie liegt vor, wenn er mit beiden Füßen auf der falschen Seite steht.
Die Missachtung der Auswechsellinie liegt nur dann vor, wenn er mit beiden Füßen auf der falschen Seite steht.
Fazit
Der Eingriff durch den Zeitnehmer und damit auch die nachfolgende Hinausstellung gegen Mannschaft ROT, verbunden mit Ballbesitzwechsel ist daher nicht korrekt. Dies ist ein Eingriff, der ggf. spielentscheidend sein könnte.
Des Weiteren sollten sich Zeitnehmer und Sekretär auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen und nicht auf die Proteste – hier von Mannschaft WEISS – falsch leiten lassen.
Eine Eselsbrücke zur Unterscheidung: Ein Wechselfehler liegt immer dann vor, wenn mindestens zwei Spieler beteiligt sind, da es sich andernfalls nicht um einen Spielerwechsel handelt. Häufig wird im allgemeinen Sprachgebrauch auch dann von einem Wechselfehler gesprochen, wenn ein zusätzlicher Spieler die Spielfläche ohne Auswechslung betritt, obwohl dies regeltechnisch kein Wechselfehler ist. Allerdings ist die darauf folgende Strafe, eine Hinausstellung, in den meisten Fällen identisch.
Daher sollten auch Zeitnehmer und Sekretär sauber in der Kommunikation mit den Schiedsrichtern differenzieren, ob es sich um einen Wechselfehler handelt oder um einen zusätzlichen Spieler.
Es ist auch keine Regelwidrigkeit, wenn Spieler, die die Seiten- oder auch die Torauslinie ohne Vorteilsabsicht überschreiten (z. B., um Wasser oder das Handtuch direkt neben der Auswechsellinie zu holen oder die Spielfläche zum Zwecke der Haftmittelaufnahme verlassen und dann wieder zurückkehren (selbst wenn es im Auswechselbereich der gegnerischen Mannschaft passieren würde). In diesem Zusammenhang, verweisen wir auf den immer noch aktuellen Beitrag vom 25.11.2019 hin: Nur ungewöhnlich – oder verboten?
Deshalb gehört für Zeitnehmer und Sekretär auch zum Regelwissen, wann es sich tatsächlich um einen Wechselfehler handelt, und wann nicht, wie das heutige Beispiel zeigt.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.