Verletzter Torwart — Regel 6:8

Was mache ich als Schiedsrichter, wenn der Torwart nach einem Wurf aus dem Spiel heraus getroffen wird und anschließend handlungsunfähig ist? In solchen Situationen sollten insbesondere Regel 6:8 sowie die dazugehörigen Guidelines und Interpretationen zum Thema „verletzter Torwart“ bekannt sein.

Grundsatz

Der Schutz des Torwarts hat in diesen Fällen oberste Priorität. Sobald erkennbar ist, dass der Torwart nach einem Treffer handlungsunfähig ist, muss der Schiedsrichter die Situation bewerten und gegebenenfalls das Spiel unterbrechen.

Dabei ist zu beachten:

Ein Ball, der aus dem Torraum zurück ins Spielfeld gelangt, bleibt grundsätzlich im Spiel (Regel 6:8).

Für die Spielfortsetzung ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten.

a) Der Ball geht ins Seiten- oder Toraus bzw. bleibt im Torraum liegen oder rollt dort

Entscheidung:
Sofortige Spielunterbrechung. Das Spiel wird mit Einwurf, Abwurf oder Freiwurf entsprechend der Spielsituation zum Zeitpunkt der Unterbrechung fortgesetzt.

b) Die Spielunterbrechung erfolgt, bevor der Ball ins Aus gelangt oder im Torraum liegen bleibt

Entscheidung:
Das Spiel wird mit dem entsprechenden Wurf gemäß Spielsituation fortgesetzt.

c) Der Ball befindet sich über dem Torraum noch in der Luft

Entscheidung:
Ein bis zwei Sekunden abwarten, bis eine Mannschaft Ballbesitz erlangt. Anschließend erfolgen Spielunterbrechung und Spielfortsetzung mit Freiwurf für die ballbesitzende Mannschaft.

d) Der Pfiff erfolgt, während sich der Ball noch in der Luft befindet

Entscheidung:
Freiwurf für die Mannschaft, die zuletzt Ballbesitz hatte.

e) Der Ball springt vom handlungsunfähigen Torwart zu einem Angreifer

Entscheidung:
Sofortige Spielunterbrechung. Das Spiel wird mit Freiwurf für die ballbesitzende Mannschaft fortgesetzt.

Praxisbeispiel

Mannschaft ROT wurde ein 7-Meter-Wurf zugesprochen. Nach dem Anpfiff führt ROT 18 den Wurf aus und trifft den Torwart auf der Brust. Der Ball prallt zurück zu ROT 18, der den Ball erneut kontrolliert und unmittelbar wieder auf das Tor werfen möchte. Noch bevor der Ball erneut in Richtung Tor geworfen wird, ist deutlich erkennbar, dass der Torwart handlungsunfähig ist. Der Torschiedsrichter unterbricht daraufhin das Spiel, bevor der Ball die Torlinie überquert. Anschließend wird der Torwart auf der Spielfläche behandelt.

Regeltechnische Bewertung:
Der Torwart war nach dem Treffer auf die Brust offensichtlich handlungsunfähig. Da der Schutz des Torwarts Vorrang hat, musste das Spiel unterbrochen werden.

Für die Spielfortsetzung gilt:

Da sich der Ball nach dem Abpraller im Ballbesitz von ROT befand, wird das Spiel mit Freiwurf für Mannschaft ROT fortgesetzt.

Ein 7-m-Wurf kommt in dieser Situation nicht in Betracht. Der Schiedsrichter hat das Spiel bewusst zum Schutz des Torwarts unterbrochen. Es handelt sich daher nicht um einen „unberechtigten Pfiff“ im Sinne von Regel 14:1b.

Behandlung auf der Spielfläche

Da der Torwart auf der Spielfläche behandelt wurde, findet Regel 4:11 Absatz 2 Anwendung.

Nach der Versorgung muss er die Spielfläche verlassen und darf diese erst nach Abschluss des dritten Angriffs seiner Mannschaft wieder betreten.

Die Ausnahmen gemäß Erläuterung 8 greifen hier nicht:

  • Die Behandlung erfolgte nicht aufgrund eines regelwidrigen Verhaltens eines Gegenspielers mit progressiver Bestrafung.
  • Der Torwart wurde nicht am Kopf getroffen.

Folglich muss der Torwart die Spielfläche verlassen und die Drei-Angriffe-Regel beachten.

Regelfragen aus dem Fragenkatalog

Frage 6.18

WEISS 9 wirft auf das Tor. Torwart SCHWARZ 1 wehrt den Ball ab. Der Ball rollt in Richtung Spielfeld, wo ein Spieler von Team WEISS zur Ballannahme bereitsteht. Da sich der Torwart bei der Abwehr verletzt hat, unterbricht der Schiedsrichter das Spiel, als der Ball noch im Torraum in Richtung Spielfeld rollt.

Wie ist zu entscheiden?

a) Freiwurf für Team WEISS
b) Abwurf für Team SCHWARZ
c) Freiwurf für Team SCHWARZ

Richtige Antwort: c)
Regelbezug: 6:5, 13:4

 

Frage 6.25

SCHWARZ 5 wirft auf das Tor. Torwart WEISS 12 hält den Ball. Bei der Abwehr schlägt WEISS 12 mit dem Kopf gegen den Torpfosten und bleibt verletzt am Boden liegen. SCHWARZ 3 fängt den Abpraller und hat an der Torraumlinie von WEISS eine klare Torchance.

Welche Entscheidungen sind richtig?

a) Vorteil für SCHWARZ 3b) Das Spiel wird sofort unterbrochen.c) Das Spiel wird mit einem 7-m-Wurf für SCHWARZ fortgesetzt.d) Das Spiel wird mit einem Freiwurf für SCHWARZ fortgesetzt.e) Time-out.f) Zwei Personen der Mannschaft WEISS dürfen zur Behandlung auf die Spielfläche.g) WEISS 12 muss nach der Behandlung die Spielfläche verlassen und darf erst nach dem dritten Angriff seiner Mannschaft zurückkehren.h) WEISS 12 darf nach der Behandlung ohne Verlassen der Spielfläche weiterspielen.

Richtige Antworten: b), d), e), f), g)
Regelbezug: 4:11, Erläuterung 8, Guidelines und Interpretationen zu Regel 6:8

Fazit

Für Schiedsrichter ist entscheidend: Sobald ein Torwart nach einem Treffer oder einer Abwehraktion erkennbar handlungsunfähig ist, hat dessen Schutz Vorrang vor jeder möglichen Torchance. Die Spielunterbrechung erfolgt unabhängig davon, welche Mannschaft anschließend in Ballbesitz gelangen könnte.

Ebenso wichtig ist die korrekte Spielfortsetzung. In den meisten Fällen wird das Spiel nach der Unterbrechung mit einem Freiwurf für die ballbesitzende Mannschaft fortgesetzt. Ein 7-m-Wurf ist in diesen Situationen regelmäßig nicht die richtige Entscheidung.