Szene vom 5. Spieltag sorgte für Diskussionen: Wir analysieren und bewerten
Szene vom 5. Spieltag sorgte für Diskussionen: Wir analysieren und bewerten
Viele haben die Szene vom 5. Spieltag bereits bei Dyn oder in den sozialen Medien gesehen. Doch wie ist die Situation aus regeltechnischer Sicht tatsächlich zu bewerten?
In diesem Beitrag betrachten wir die Szene aus Sicht der geltenden Regeln und ordnen die Entscheidung anhand der maßgeblichen Beurteilungskriterien ein.
Szene 1
Mannschaft GELB spielt mit sieben Feldspielern im Angriff und liegt mit einem Tor zurück. Spieler GELB 25 wirft auf das Tor. Der Torwart von Mannschaft GRÜN hält den Ball, der anschließend wieder in Richtung Spielfeld fliegt. GRÜN 40 spielt den Ball in der Luft zu seinem Mitspieler GRÜN 5.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Tor von Mannschaft GELB weiterhin leer. Der Torwart befindet sich zwar auf dem Spielfeld, hat seinen Torraum aber noch nicht wieder betreten.
GRÜN 5 führt eine Wurfbewegung in Richtung des leeren Tores aus. Abwehrspieler GELB 14 erkennt die Situation, springt vor GRÜN 5 hoch und verhält sich dabei zunächst regelkonform. GRÜN 5 bricht seine Wurfbewegung ab und versucht anschließend, an GELB 14 vorbeizukommen. Dabei wird er von GELB 14 regelwidrig festgehalten.
Das Tor ist zu diesem Zeitpunkt weiterhin leer. GRÜN 5 kann sich aus der Umklammerung lösen. Der Feldschiedsrichter lässt das Spiel zunächst weiterlaufen. Anschließend wird das Spiel durch den Torschiedsrichter unterbrochen. Nach einem Wortwechsel mit GRÜN 5 wird auf 7-m-Wurf für Mannschaft GRÜN entschieden.
Regeltechnische Einordnung
Gemäß Regel 14:1 a) wird auf 7-m-Wurf entschieden, wenn eine klare Torgelegenheit auf der gesamten Spielfläche durch einen Spieler oder einen Mannschaftsoffiziellen der gegnerischen Mannschaft regelwidrig vereitelt wird.
Der letzte Satz von Regel 14:1 verweist für die Definition einer „klaren Torgelegenheit“ auf Erläuterung 6.
Dort heißt es unter Buchstabe c:
Nach Regel 14:1 handelt es sich um eine „klare Torgelegenheit“, wenn ein Torwart seinen Torraum verlassen hat und ein Gegenspieler mit Ball- und Körperkontrolle eine klare und ungehinderte Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor hat.
Für die vorliegende Szene reicht dieser Satz allein allerdings noch nicht aus. Deshalb ist zusätzlich der Abschnitt „Guidelines und Interpretationen“ unter der Überschrift „7-Meter-Entscheidungen bei leerem Tor (Regel 14:1, Erläuterung 6 c)“ heranzuziehen.
Dort wird die Definition weiter konkretisiert:
Die in Erläuterung 6 c beschriebene klare Torgelegenheit bei einer klaren und ungehinderten Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor setzt voraus, dass der Spieler in Ballbesitz ist und klar versucht, direkt auf das leere Tor zu werfen.
Diese Definition gilt unabhängig davon, welche Art von Vergehen vorliegt und unabhängig davon, ob der Ball zum Zeitpunkt des Vergehens im Spiel war oder nicht.
Damit ist für die Bewertung der Zeitpunkt des regelwidrigen Eingriffs maßgeblich.
Ist das Tor tatsächlich noch „leer“?
Zunächst eine wichtige Klarstellung: Solange der Torwart seinen Torraum verlassen hat und ihn noch nicht wieder betreten hat, ist das Tor im Sinne der Regel weiterhin leer.
Dass der Torwart bereits wieder auf der Spielfläche ist, ändert daran nichts. Das gelegentlich von Spielern oder Offiziellen vorgebrachte Argument, der Torwart sei „doch schon wieder auf dem Feld“, ist daher für diese Beurteilung nicht entscheidend.
In der vorliegenden Szene ist deshalb unstreitig: Zum Zeitpunkt des späteren Haltens ist das Tor weiterhin leer.
Aber: Ein leeres Tor allein bedeutet noch nicht automatisch, dass eine klare Torgelegenheit im Sinne von Regel 14:1 vorliegt.
Was passiert in der konkreten Szene?
Entscheidend ist der Ablauf der Aktion.
GRÜN 5 befindet sich zunächst im Ballbesitz und versucht erkennbar, direkt auf das leere Tor zu werfen. GELB 14 erkennt diese Situation und springt vor dem Angreifer hoch.
Bis zu diesem Zeitpunkt liegt kein regelwidriges Verhalten des Abwehrspielers vor.
GRÜN 5 bricht anschließend seine Wurfbewegung ab. Danach versucht er nicht mehr, den Ball unmittelbar in Richtung des leeren Tores zu werfen, sondern versucht, an GELB 14 vorbeizukommen.
Erst in dieser Phase wird GRÜN 5 von GELB 14 regelwidrig festgehalten.
Genau hier liegt der entscheidende Punkt:
Die klare Torgelegenheit bestand möglicherweise unmittelbar während der ursprünglichen Wurfbewegung. Diese Torgelegenheit wurde aber nicht regelwidrig vereitelt.
Als das regelwidrige Halten beginnt, versucht GRÜN 5 nicht mehr, direkt auf das leere Tor zu werfen. Damit ist die Voraussetzung der „klaren und ungehinderten Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor“ zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erfüllt.
Dieselbe Szene – andere Perspektive
Die einzelnen Bilder
Bild 1
Betrachtet man ausschließlich dieses Standbild, ist eine Wurfbewegung von GRÜN 5 erkennbar.
Der Angreifer befindet sich im Ballbesitz und das Tor ist leer. GELB 14 verhält sich in dieser Situation jedoch noch regelkonform.
Würde der Abwehrspieler in diesem Moment regelwidrig in die Aktion eingreifen, könnte die Definition der klaren Torgelegenheit bei leerem Tor erfüllt sein.
Das entscheidende Element ist jedoch: Der regelwidrige Eingriff findet zu diesem Zeitpunkt noch nicht statt.
Bild 2
Hier ist der Abbruch der ursprünglichen Wurfbewegung erkennbar.
GRÜN 5 führt den Wurf nicht mehr direkt auf das leere Tor aus. GELB 14 verhält sich weiterhin regelkonform.
Bild 3
In dieser Phase ist erkennbar, dass GRÜN 5 nicht mehr unmittelbar auf das leere Tor werfen will, sondern versucht, an seinem Gegenspieler vorbeizukommen.
Erst jetzt kommt es zum regelwidrigen Festhalten durch GELB 14.
Damit fehlt zu diesem Zeitpunkt die für Erläuterung 6 c erforderliche klare Absicht, direkt auf das leere Tor zu werfen.
Bild 4
Die Perspektive macht besonders deutlich, dass GRÜN 5 den Ball bereits hinter dem Körper führt und versucht, sich an GELB 14 vorbeizubewegen.
Auch wenn das Tor weiterhin leer ist und der Torwart seinen Torraum noch nicht wieder betreten hat, liegt zu diesem Zeitpunkt keine klare Torgelegenheit im Sinne der genannten Regelbestimmungen mehr vor.
Bild 5
Hier ist das regelwidrige Halten deutlich zu erkennen.
Zugleich ist zu sehen, dass der Torwart seinen Torraum noch nicht wieder betreten hat und das Tor somit leer ist.
Das allein reicht jedoch nicht für einen 7-m-Wurf. Entscheidend ist, dass die klare Torgelegenheit im Moment des regelwidrigen Haltens nicht mehr bestand.
Fazit
Die Szene zeigt sehr anschaulich, warum bei einem leeren Tor nicht allein auf die Position des Torwarts oder das Vorhandensein eines Wurfversuchs abgestellt werden darf.
Die Guidelines zu Erläuterung 6 c verlangen bei einer klaren Torgelegenheit ins leere Tor, dass der Spieler in Ballbesitz ist und klar versucht, direkt auf das leere Tor zu werfen.
Eine solche Situation liegt bei GRÜN 5 zunächst vor. Diese Torgelegenheit wird jedoch nicht durch ein regelwidriges Verhalten von GELB 14 vereitelt. Der Abwehrspieler verhindert die ursprüngliche Wurfbewegung zunächst regelkonform.
Erst nachdem GRÜN 5 die Wurfbewegung abgebrochen hat und versucht, an GELB 14 vorbeizukommen, kommt es zum regelwidrigen Halten.
Das Tor ist zu diesem Zeitpunkt zwar weiterhin leer. Eine klare Torgelegenheit im Sinne von Regel 14:1 in Verbindung mit Erläuterung 6 c und den entsprechenden Guidelines besteht aber nicht mehr.
Damit fehlt die Grundlage für einen 7-m-Wurf.
Die Entscheidung auf 7-m-Wurf für Mannschaft GRÜN ist aus regeltechnischer Sicht daher nicht korrekt.
Die korrekte Entscheidung ist, das regelwidrige Halten entsprechend zu ahnden und das Spiel mit dem nach den Regeln vorgesehenen Wurf (Freiwurf) für Mannschaft GRÜN fortzusetzen.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.