Foto: IMAGO/Eibner
Social Media als Schiedsrichter: Chance und Risiko
Erfahrungen von Schiedsrichterkollegen
Vor einem Jahr reichte es Marijo Zupanovic: Der Schiedsrichter aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes meldete sich wenige Tage, nachdem er gemeinsam mit Gespannpartner Martin Thöne das Spiel zwischen dem THW Kiel und dem SC Magdeburg geleitet hatte, von Facebook ab. „Das Spiel ist unentschieden ausgegangen und ich hatte danach über 20 persönliche Nachrichten mit Inhalten, die man nicht lesen will“, erinnert sich der Unparteiische.
Bis zu dem Zeitpunkt habe er „eigentlich über Social Media immer sehr gerne die Stimmung nach dem Spiel verfolgt“, sagt Zupanovic rückblickend. „Nach diesem Spiel habe ich aber zum ersten Mal gemerkt, dass ich wegen der Nachrichten, die ich bekommen haben, zwei, drei Tage nicht richtig schlafen konnte. Dass ich mich abgemeldet habe, war gut für die seelische Hygiene.“
Ebenso wie Zupanovic haben zahlreiche Schiedsrichterkollegen über die sozialen Netzwerke bereits wütende bis beleidigende Nachrichten nach ihren Einsätzen erhalten. Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Lutz Pittner, der sein Wissen seit seinem Karriereende als Coach an die nächste Schiedsrichter-Generation weitergibt, hat daher einen glasklaren Ratschlag für die Nutzung der Plattformen: „Überlegt genau, was ihr von eurem Leben zeigen wollt und was nicht. Unabhängig davon würde ich dringend empfehlend, das eigene Konto auf privat zu stellen.“
Social Media auf dem persönlichen Prüfstand
Risiko
Die Warnung kommt nicht von ungefähr: Pittner, der selbst außer dem Messenger WhatsApp kein soziales Netzwerk nutzt, bekommt es als Oberstaatsanwalt immer wieder mit Anklagen bzw. Fällen zu tun, in denen Social Media und seine Folgen über die Plattform hinaus eine Rolle spielen – von Beleidigungen per Post bis zu massivem Stalking „Man glaubt es oft gar nicht, aber Social Media kann tatsächlich gefährlich sein“, warnt er. Ob ein Bild des eigenen Hauses, das Autokennzeichen oder die Schule der Kinder: „Je mehr man in seinen Posts preisgibt, desto angreifbarer macht man sich – und man kann oft nicht einmal nachvollziehen, wer das alles sieht.“
Als Schiedsrichter stehe man, das betont Pittner ausdrücklich und das zeigen die Erfahrung von Zupanovic und seinen Schiedsrichterkollegen, in gewisser Weise in der Öffentlichkeit. „Natürlich ist der Fokus bei den Bundesligaschiedsrichtern größer, aber auch ein Schiedsrichter in der 3. Liga oder Oberliga sollte sich bewusst machen, dass er bereits eine gewisse Position verkörpert“, erklärt Pittner. „Entsprechend sollte sich jeder Schiedsrichter nicht nur in der Halle, sondern auch in den sozialen Netzwerken amtsangemessen verhalten.“
Amtsangemessen: Das mag zunächst bürokratisch klingen, Pittner verbindet vor allem zwei konkrete Gesichtspunkte damit: Den Selbstschutz, um persönlich keine Angriffsfläche zu bieten, und den Schutz des Schiedsrichteramtes. „Ich habe als Schiedsrichter eine gewisse Verantwortung und sollte öffentlich nichts posten, was andere an meiner Neutralität oder Integrität zweifeln lässt – wie, überspitzt gesagt, ein Selfie mit einem Spieler.“
Chance
Während die Schiedsrichter des Deutschen Handballbundes auf eine gewisse Vorsicht im Umgang mit den sozialen Netzwerken hingewiesen werden, spielt das Thema auf den Lehrgängen an der Basis oft keine Rolle. „Ich kann natürlich verstehen, dass Social Media gerade für die jüngere Generation ein wichtiger Bestandteil des Alltags ist“, sagt Pittner. „Niemand ist ausschließlich Schiedsrichter, aber dennoch kann ich nur dazu raten, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Man sollte immer im Hinterkopf haben, wie ein Post mit Blick auf das Amt des Schiedsrichters wirken kann.“
Neben den Selfies mit Spielern gibt es aus Sicht von Pittner weitere No-Gos: z. B. das Verraten einer noch nicht öffentlichen Ansetzung oder der Post eines Partyfotos von der Nacht vor dem Spieltag. „Das ist unprofessionell – auch unterhalb der Bundesliga“, stellt er klar. Er rät zudem, auch mit (extremen) politischen Äußerungen zurückhaltend zu sein: „Ein Schiedsrichter ist per se erst einmal neutral.“
Dass die sozialen Netzwerke jedoch – bei einem bewussten Umgang damit – auch eine Chance für die Schiedsrichterei darstellen können, sieht Pittner ebenfalls: „Wenn ein Top-Schiedsrichter wie Robert Schulze Eindrücke von Olympia oder dem REWE Final4 postet, kann das faszinierend sein – und motivierend, weil junge Schiedsrichter sehen, was sich erreichen lässt.“
Auch Fotos im Schiedsrichterdress oder aus der Halle können einen positiven Mehrwert schaffen, weil sie die Schiedsrichterei in die Timelines der Leute spülen. „Die sozialen Netzwerke können sicherlich helfen, allgemein für das Pfeifen zu begeistern“, glaubt Pittner. „Aus diesem Blickwinkel kann man die Nutzung eigentlich nur empfehlen, um Schiedsrichternachwuchs zu gewinnen und das Bild des Schiedsrichters positiv zu besetzen.“
Dennoch dürfte man eine Sache dabei nicht vergessen: „Ein Schiedsrichter wie Robert Schulze hat eine große Medienerfahrung, die den jungen Kollegen oft fehlt“, erklärt Pittner. „Ich will die sozialen Netzwerke auf keinen Fall verteufeln, aber ich kann nur eindringlich dafür werben, bei jedem Post kurz zu reflektieren, welche Wirkung er haben könnte – und private Dinge im Zweifelsfall lieber privat zu lassen.“
Drei Tipps von Lutz Pittner für den Umgang mit Social Media
- Wenn ihr die sozialen Netzwerke nutzt, geht auf Kritik oder Beleidigungen nicht ein. Das bringt in der Regel nichts und endet in 99 Prozent der Fälle schlecht, denn ihr könnt dabei nichts gewinnen. Lasst euch nicht in Diskussionen verwickeln und kritisiert keine Schiedsrichterkollegen oder ihre Entscheidungen – das gehört sich nicht!
- Lasst nicht nur in eurem öffentlichen Profil, sondern auch bei direkten bzw. privaten Nachrichten eine gewisse Vorsicht walten – gerade, wenn euch Spieler oder Trainer anschreiben. Natürlich ist ein privater Kontakt nicht verboten, aber habt im Hinterkopf, was für den Gegenüber der Zweck des Kontakts ist. Und bei anonymen bzw. unbekannten Personen ist ohnehin immer Zurückhaltung angebracht, weil man nie weiß, wer auf der anderen Seite sitzt.
- Überlegt euch genau, wie ihr die sozialen Netzwerke nutzen wollt – und ob sie euch guttun. Wenn mein Gespannpartner und ich nach unseren Spielen zurückgefahren sind, hat er in Auto oder Bahn oft angefangen, nachzulesen, was so über das Spiel geschrieben wird und welche Diskussionen es gibt. Ich habe ihn immer gefragt: „Willst du dir das wirklich antun?“
Die Schiedsrichter, die ich über die Jahre kennengelernt habe, gehen ganz unterschiedlich damit um, die Grenze ist fließend. Testet daher für euch aus, was passt – und womit ihr nicht umgehen könnt oder wollt. Der Ausdruck von Marijo war gut gewählt: Es geht um eure seelische Hygiene.