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Kritische Spiele erkennen – Handlungsalternativen anwenden
Diese Redensart steht hier Pate für Spielleitungen, bei denen große Aufregung herrscht und eklatante Schwierigkeiten auftreten, um die Spielpaarung einigermaßen über die sogenannte „Bühne“ zu bringen. Obwohl derart kritische Spiele sicherlich nicht an der Tagesordnung sind, werden sich doch viele Schiedsrichterkameraden an Begegnungen erinnern, die nur mit Müh und Not nicht aus dem Ruder gelaufen sind. Ab und an jedoch hören wir von Spielverläufen, bei denen dies offensichtlich nicht gelungen ist.
Tatsächlich lässt sich eine Reihe von Symptomen benennen, die darauf hindeuten können, dass in einem Spiel bald „der Baum brennt“.
Wie ist die Ausgangslage für das Spiel? Gibt es Vorzeichen aus dem Verlauf oder dem Ergebnis des Hinspiels? Lässt die aktuelle Tabellensituation eine hitzige Partie vermuten? All dies kann von den Schiedsrichtern bereits weit im Vorfeld des Spiels überprüft werden, um sich gegebenenfalls darauf einzustellen. Getreu dem Motto: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Und wenn wir uns den Vorlauf des geschilderten Klassikers THW Kiel gegen HSG Wetzlar ansehen, gab es auch dort offensichtlich etwas, „was noch im Argen lag“. Wie hieß es doch gleich: *„Die Schiedsrichter meinen es zur Zeit nicht gut mit den Zebras. Nachdem Offizielle und Spieler zuletzt die Leistungen der Unparteiischen bemängelt hatten …“*
Wer arbeitet nicht gern in einem angenehmen Klima? Ist die Atmosphäre allerdings gestört, wird das Miteinander zur Qual. Was atmosphärische Störungen verursacht hat, lässt sich meist kaum eruieren, gleichwohl haben wir alle eine Antenne für diesen misslichen Zustand. Ist die Stimmung gestört, stellen wir unser Verhalten darauf ein.
Was für das Arbeitsleben gilt, kann eins zu eins auf die Spielleitung übertragen werden. Schiedsrichter sollten daher immer zeitig am Spielort sein, um frühzeitig zu erkennen, ob die Zuschauer sich heute „spinnefeind“ gegenüberstehen oder sich sogar gegen einzelne Beteiligte – und dies können durchaus auch mal die Schiedsrichter sein – solidarisiert haben.
Stellen die Schiedsrichter von Spielbeginn an eine aggressive Haltung aller Teilnehmer fest, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Aggressionen sind Verhaltensmuster, auf die Menschen auch zur Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen zurückgreifen.
Menschliche Aggression hat das Ziel, anderen Menschen zu schaden oder sie in ihrer Rangordnung herabzustufen. Beide Intentionen lassen sich bei Handballspielen nur allzu leicht erkennen. Vielfach können wir im Spiel die sogenannte emotionale Aggression erkennen. Sie ist eine Reaktion auf negative Gefühle wie z. B. Frustration, Furcht oder Schmerz – im Handballspiel keine Seltenheit.
Im Regelwerk findet sich sogar ein Hinweis auf eine dieser typischen Verhaltensweisen. In Regel 8:9f wird die Revanche nach einem erlittenen Foul in der Kategorie grob unsportlichen Verhaltens eingestuft, obwohl es sich dem Grund nach im schlimmsten Fall durchaus um eine Aktion gemäß Regel 8:6b handeln könnte.
Agiert eine Mannschaft mannbezogen in der Abwehr, ist hiergegen grundsätzlich nichts einzuwenden. Dies gilt umso mehr, wenn die Aktionen im Einklang mit Regel 8:1 erfolgen. Wenn aber immer sofort der direkte und meist auch ausschließliche Kontakt auf den Mann erfolgt, müssen die Schiedsrichter dieses Warnsignal wahrnehmen, bevor das Spiel aus dem Ruder läuft. Bei einem solchen Abwehrverhalten steht nicht die Balleroberung, sondern die Spielzerstörung im Vordergrund. Häufige Spielunterbrechungen und unwirsche Reaktionen der gegnerischen Spieler sind weitere Kennzeichen für diese Spielanlage. Vor dem Hintergrund, dass Aktion immer auch Reaktion hervorruft, könnte sich hier eine unheilvolle Spirale entwickeln, die bei fortschreitender Spielzeit von den Schiedsrichtern nur noch schwerlich eingedämmt werden kann. Wehret den Anfängen, lautet hier die Devise.
Dauernde und teilweise abschätzige verbale oder auch nonverbale Kommentare von Spielern und Offiziellen sollten die Schiedsrichter in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen. Schreitet man hier nicht rechtzeitig ein und verpasst den Zeitpunkt, zu dem die Beteiligten noch in ihre Schranken verwiesen werden können, nimmt die Eskalation in aller Regel zu. Die Art und Weise der Provokation erfolgt dabei absichtlich oft sehr dosiert, um dem Schiedsrichter keinen handfesten Anlass zum Einschreiten zu bieten. Man versucht so, die Schmerzgrenze immer weiter anzuheben.
Provokationen sind im Handballspiel ein zunächst durchaus erlaubtes spielerisches Mittel. Man denke an das provozierte Stürmerfoul, die Wurffalle oder den gezielt herbeigeführten Schritt- oder Prellfehler, bei dem der ballführende Spieler mangels anspielbarer Mitspieler zu solch regelwidrigem Verhalten geradezu gezwungen wird.
Richten sich die Provokationen aber gegen die Schiedsrichter und werden zudem noch von nahezu allen Beteiligten betrieben, hat dies mit regelkonformem Verhalten nichts mehr zu tun. Die Absicht liegt dabei auf der Hand: Der oder die Schiedsrichter sollen verunsichert werden, um ihnen anschließend eine andere, im Sinne der Mannschaften genehmere, aber keineswegs regelgerechte Spielleitung zu suggerieren.
Häufige Schauspielerei in allen Situationen ist ebenso ein oft angewendetes Mittel, mit dem der Schiedsrichter zu bestimmten, eigentlich nicht angemessenen Entscheidungen veranlasst werden soll. Seit vielen Jahren wird dieses unsportliche Verhalten, das unbedingt progressiv zu bestrafen ist, in Regel 8:7d beschrieben. Zwar haben die Regeländerungen 2016 die größten schauspielerischen Einlagen im Zusammenhang mit vorgetäuschten Verletzungen aus dem Spiel verbannt, dennoch gibt es noch genügend Situationen, in denen durch Schauspielerei die Spielleitung gefährdet wird.
Werden in einem Angriff gleich mehrere progressive Bestrafungen für die gleiche Mannschaft ausgesprochen, sollten die Schiedsrichter besonders wachsam sein. Wie auch unser historisches Beispiel zeigt, können sich danach Ereignisse ergeben, die auch mit Fingerspitzengefühl der Schiedsrichter nicht mehr aufzufangen sind. Wechselfehler oder für alle sichtbare Attacken gegen die Schiedsrichter schaffen schnell eine Situation, die zwar regelgerecht entstanden ist, aber die weitere Spielentwicklung massiv in die negative Richtung beeinflussen kann (s. auch Punkt 4).
Schließlich sollten die Schiedsrichter stets im Blick behalten, welcher Spieler verletzt ausgeschieden ist oder eine Hinausstellung bzw. Disqualifikation erhalten hat. Soweit es sich dabei um Schlüsselspieler des Teams handelt, kann dies bei den Mitspielern zu Reaktionen führen, die diesen (vermeintlichen) Nachteil mit unlauteren Mitteln auszugleichen suchen. Dabei können sich die spieltaktischen Möglichkeiten einer Mannschaft schon dann gravierend zum Nachteil verändern, wenn beispielsweise der einzige Linkshänder des Teams hinausgestellt oder disqualifiziert wurde. Hier kommen neben der obligatorischen Unterzahl für zwei Minuten erhebliche spieltaktische Einschränkungen auf einer Angriffsseite hinzu. Die Kompensation wird vielfach mit nicht regelkonformen Mitteln vorgenommen. Zieht sich dieses Verlhalten über eine längere Restspielzeit, hat dies erheblichen Einfluss auf die Spielleitung.
Die vorstehende Auflistung möglicher Symptome erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jeder kann aus eigener Erfahrung weitere Merkmale hinzufügen.
Die oberste Maxime lautet:
Vermeidung durch Vorbeugung!
Dazu bedarf es
In der Hinweisbox stellen wir deshalb stichwortartig eine – ebenfalls nicht vollständige – Aufzählung möglicher Handlungsalternativen vor, die als Gegenmaßnahmen geeignet erscheinen.
Als Schiedsrichter stehen wir solchen Spielen nicht hilflos gegenüber. Der Baum muss nicht zwangsläufig brennen. Die folgenden drei zusammenfassenden Merksätze sollten wir verinnerlichen: