Robert Schulze und Tobias Tönnies – ein Schiedsrichtergespann im Olymp ihrer Zunft. (Foto: IHF)
„Olympia ist keine Zielsetzung. Olympia ist ein Traum.“
Redaktion: Robert, Tobias – wenn ihr zurückschaut: Wann waren die Olympischen Spiele das erste Mal ein Ziel für euch?
Robert Schulze: Als wir angefangen haben, Handball zu spielen. Wir waren mit unserer Jugendmannschaft bei einem Vier-Länder-Turnier in Berlin, bei dem Nationalmannschaften gespielt haben. Da entstand das erste Mal der Wunsch, Olympia als Sportler zu erleben.
Und als Schiedsrichter?
Tobias Tönnies: Frank und Bernd (Anm. der Red.: F. Lemme/B. Ullrich) waren 2004 bei Olympia in Athen und haben davon erzählt. Damals waren wir im DHB-Nachwuchskader und haben das erste Mal miterlebt, welches Riesen-Ereignis Olympia auch als Schiedsrichter ist. Dass man so weit kommen kann, ist bei uns also erst verhältnismäßig spät gereift – ich habe nicht ab dem ersten Bezirksligaspiel gesagt, dass ich zu Olympia will.
Robert Schulze: Allerdings ist Olympia keine Zielsetzung. Olympia ist ein Traum, den man als Sportler entwickelt.
Was erwartet ihr von den Olympischen Spielen?
Robert Schulze: Vor anderthalb Jahren hätte ich darauf eine andere Antwort gegeben. Man erwartet von Olympischen Spielen ein weltweites Spitzensporttreffen – mit den Top-Athleten aus verschiedensten Sportarten in einer Stadt und der Möglichkeit, sich neben den eigenen sportlichen Herausforderungen auch andere Sportarten anzuschauen. Man erwartet, das Event-Gefühl selbst mitzuerleben, was man bisher nur von Bildern oder Erzählungen kennt.
Tobias Tönnies: Die Wirklichkeit wird allerdings sein, dass wir das Hotelzimmer, die Trainings- und die Spielhalle sehen – und dann wieder das Hotel. Mehr ist wohl nicht drin. Die Hoffnung stirbt aber natürlich zuletzt, dass wir vielleicht doch noch mehr sehen können.
Werfen wir einen Blick zurück: Wie habt ihr von der Nominierung für Tokio erfahren?
Robert Schulze: Erst kam die vorläufige Nominierung; dass wir im erweiterten Kader sind – per E-Mail; und dann folgte die finale Einladung für alle, die tatsächlich hinfahren dürfen. Ich saß im Büro, als ich diese E-Mail gelesen habe und habe mir erst einmal einen Kaffee gemacht.
Tobias Tönnies: Wir haben im Garten gearbeitet und ich habe zwischendurch auf das Handy geschaut. Es war am gleichen Tag, als meine Frau einen neuen Job bekommen hat.
Wie viele Nachrichten habt ihr anschließend bekommen, als die Nominierung bekannt wurde?
Tobias Tönnies: Ich bin nicht in sozialen Netzwerken vertreten, daher hielt es sich in Grenzen. Gezählt habe ich sie trotzdem nicht.
Robert Schulze: Der positive Zuspruch war groß, gerade von Kolleginnen und Kollegen. Aber auch viele junge Schiedsrichter haben gratuliert.
Wie lief die Vorbereitung auf Tokio ab?
Tobias Tönnies: 14 Tage vor Anreise sollten wir die Kontakte reduzieren. Wir konnten die Arbeit nicht einstellen, daher ist die Kontaktreduzierung in der Freizeit erfolgt. In den 96 Stunden vor dem Abflug mussten wir zwei Tests machen. Nach der Einreise in Japan ging es drei Tage in Quarantäne auf das Zimmer und es wird seitdem jeden Tag getestet.
Wie sah die inhaltliche Vorbereitung aus?
Robert Schulze: Wir hatten ein Online-Meeting, in dem organisatorische Dinge besprochen wurden. Ansonsten gibt es ja eine internationale Videoplattform, auf der immer wieder Szenen eingestellt werden – das funktioniert sehr gut. Außerdem hatten wir einen Trainingsplan von den Fitnesstrainern der IHF bekommen, mit dem wir uns gezielt vorbereiten konnten.
Was sind die regeltechnischen Schwerpunkte?
Tobias Tönnies: Sie haben klar kommuniziert, dass sich im Vergleich zur Weltmeisterschaft in Ägypten nichts ändern wird. Wir wollen die Linie so fortführen.
Emotional betrachtet: Was bedeutet es euch, dass dieser Olympia-Traum jetzt in Erfüllung geht?
Robert Schulze: Es ist eine Mischung aus Stolz und Freude. Wir haben in anderen Dingen zurückgesteckt für diese Entwicklung, das wird nun mit einer Nominierung belohnt. Das ist ein Mega-Gefühl. Die Verantwortung, Deutschland als Schiedsrichter bei den Olympischen Spielen vertreten zu dürfen, macht uns stolz, bedeutet aber natürlich auch, dass wir abliefern müssen.
Tobias Tönnies: Die Vorfreude war vor den Spielen natürlich da, aber richtig werden wir es erst realisieren, wenn wir Olympia erlebt haben und zurückgekehrt sind. Wir werden es danach genießen. Als die Nominierung kam, war das natürlich der Hammer, aber es war jetzt nicht der unglaubliche Wow-Effekt.
Robert Schulze: Wir brauchen einfach Zeit, die Dinge zu reflektieren. Du kriegst die E-Mail, freust dich und bist stolz drauf – und bekommst im nächsten Moment die nächste Ansetzung in der Bundesliga, wo du abliefern musst.
Die Nominierung kam zu einem Zeitpunkt, als wir mitten im Spielbetrieb waren und jedes Spiel für uns wichtig war, um auch bei Olympia gut zu performen. Daher hatten wir keine Zeit, uns wirklich mit der Freude zu beschäftigen, denn gedanklich waren wir sofort bei der nächsten Aufgabe.
Wir hatten im Saisonendspurt zwei Hammerspiele, dann blieben 14 Tage für Training und Vorbereitung – und dann ging es nach Tokio. Daher ist es wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen, die Eindrücke zu verarbeiten, wenn wir zurückkommen.
Zum Abschluss: Ihr habt jetzt als Schiedsrichter bereits so viel erreicht – was ist euer Antrieb?
Robert Schulze: Olympia war natürlich ein Lebenstraum, aber wir wollen generell Leistung bringen, weil wir ein Teil des Spiels sein wollen. Wir wollen, dass unsere Performance geschätzt wird. Man kann es sich nicht erlauben, nachzulassen, weil eine Erwartungshaltung da ist, der wir gerecht werden wollen.
Tobias Tönnies: Außerdem haben wir einen Anspruch an uns selbst. Wenn wir ein Spiel verhauen, sind wir stinksauer.