Leon Bärmann in Aktion (Bild: IMAGO/wolf-sportfoto)
Missverständnis unter Teamkollegen: Umgang mit gegensätzlichen Entscheidungen im Gespann
Es ist eine der ungeliebtesten Situationen, in die eine Schiedsrichterin geraten kann: Der Gespannpartner zeigt eine andere Entscheidung, eine andere Spielfortsetzung an als man selbst. „In so einer Situation“, beschreibt Leon Bärmann, „gucken alle in der Halle auf dich und deinen Partner – und fragen sich, wie es weitergeht. Der Fokus ist zu hundert Prozent auf den Schiedsrichtern.“
Der junge Referee kennt das Gefühl, anders als der Gespannpartner entschieden zu haben, aus eigener Erfahrung. „Ich glaube, es gibt kein Schiedsrichter-Team, das noch nie gegensätzlich entschieden hat“, sagt Bärmann. „Es sollte natürlich nicht vorkommen, dass man sich nicht einig ist, weil man im Team ja eine einheitliche Linie verfolgen möchte – aber manchmal ist es einfach menschlich.“
Der 25-Jährige vergleicht es mit einer alltäglichen Situation aus dem Angriffsspiel einer Mannschaft: „Manchmal kommt der Halbspieler zum Kreuz, doch der Mittelmann denkt, dass er parallel geht – und dann geht der Pass eben ins Seitenaus. Ein Missverständnis unter Teamkollegen.“ Das sieht unglücklich aus und nervt, ist aber keine Absicht.
Genauso ist es bei gegensätzlichen Entscheidungen im Schiedsrichter-Team. „Das ist eine unangenehme Situation, aber völlig normal“, will Bärmann gerade frische Gespann-Schiedsrichter beruhigen. „Und das Gute ist: Man kann gut daran arbeiten, dass es seltener vorkommt – und dass man, wenn es vorkommt, besser damit umgehen kann.“
Auch das in der Bundesliga angekommene Schiedsrichter-Team Bärmann/Bärmann landet hin und wieder (wenn auch seltener als früher) in so einer Lage – wie bei der EHF Youth Club Trophy in Dormagen im vergangenen Jahr. „Nico hat als Torschiedsrichter den Siebenmeter gepfiffen, ich als Feldschiedsrichter habe zeitgleich Freiwurf angezeigt“, erinnert sich Bärmann.
Das Problem: die unterschiedliche Perspektive von Feld- und Torschiedsrichter. „Jeder Pfiff, jede Entscheidung ist eine Frage der Wahrnehmung und des Blickwinkels“, erläutert der 25-Jährige. „Durch die unterschiedlichen Positionen wird eine Szene mitunter ganz anders wahrgenommen.“ Entsprechend wichtig ist eine klare Aufteilung der verschiedenen (Aufgaben-)Bereiche.
An genau diese hielt sich Bärmann bei der EHF Youth Club Trophy nicht: „Der Fehler in dieser Situation lag dabei ganz klar bei mir, denn ich habe mich eingemischt und in seinen ‚Tanzbereich‘ hineingepfiffen.“ Das war für Bärmann noch einmal ein Lerneffekt. „Mein erster Ratschlag, um unterschiedliche Entscheidungen auf dem Spielfeld zu vermeiden: Verteilt die Aufgabenbereiche zwischen euch klar und haltet euch daran“, sagt der 25-Jährige. „Habt Vertrauen in euren Partner, dass er die bestmögliche Entscheidung treffen wird, und fallt ihm nicht in den Rücken, indem ihr eingreift.“
Für Schiedsrichter-Teams, die mit Headset pfeifen, bietet die Technik einen immensen Vorteil: Über Funk lässt sich dem Partner die eigene Perspektive als Entscheidungshilfe durchgeben. Sie ermöglicht mitunter sogar eine kurze Absprache, wer den Pfiff setzt. „Ohne Headset“, das weiß auch Bärmann, „ist das natürlich schwierig.“
Umso wichtiger ist es, dass man sich – so der nächste Ratschlag von Bärmann – im Schiedsrichter-Team über die Linie einig ist. „Sprecht miteinander ab, was ihr für ein Spiel haben wollt“, rät er. „Fragt euch: Was wollen wir pfeifen? Was lassen wir laufen? Und wo wollen wir sofort konsequent durchgreifen?“
Einheitlichkeit im Gespann zu schaffen, sei eine Frage von Geduld – und Erfahrung. „Man lernt in jedem Spiel dazu und kann in der Nachbesprechung diese neuen Erkenntnisse austauschen“, sagt Bärmann. „Es ist ein Prozess, und es gibt in der Regel auch nicht nur eine pauschale Lösung – beispielsweise für die genaue Einteilung der Bereiche und den Umgang mit Situationen in der Grauzone. Jedes Schiedsrichter-Team hat in den Feinheiten seine eigenen kleinen Absprachen, die über die Jahre gewachsen sind.“
Dennoch: Auch mit jahrelanger Erfahrung werden sich unterschiedliche bzw. gegensätzliche Entscheidungen nie ganz vermeiden lassen. Es geht für Schiedsrichter-Teams daher nicht allein um das Vermeiden einer solchen Dissonanz, sondern auch um den Umgang damit – untereinander, aber auch in der Außenwirkung.
Regel 17 setzt den Rahmen. „Wenn beide Schiedsrichter bei einer Regelwidrigkeit pfeifen oder der Ball die Spielfläche verlassen hat, und die beiden Schiedsrichter gegensätzlicher Auffassung darüber sind, welche Mannschaft in Ballbesitz kommen soll, gilt die gemeinsame Entscheidung, die von den Schiedsrichtern nach einer kurzen Absprache erzielt wird“, heißt es im Regelwerk (17:7). „Wenn sie nicht zu einer gemeinsamen Entscheidung gelangen, hat die Meinung des Feldschiedsrichters Vorrang.“
Im vorherigen Absatz (17:6) geht es ums Strafmaß: „Wenn beide Schiedsrichter bei einer Regelwidrigkeit gegen dieselbe Mannschaft pfeifen, aber unterschiedlicher Auffassung über die Höhe der Bestrafung sind, gilt die von den Schiedsrichtern nach Rücksprache untereinander getroffene gemeinsame Entscheidung. Kommen die Schiedsrichter nicht zu einer gemeinsamen Entscheidung, gilt immer die schwerwiegendste Strafe.“
Ebenfalls festgelegt ist der Ablauf. „Ein Time-out ist Pflicht“, schreibt das Regelwerk vor. „Nach klarem Handzeichen über die Spielfortsetzung wird das Spiel wieder angepfiffen.“ Und grundsätzlich gilt, auch das ist festgehalten: „Jedes Spiel wird von zwei gleichberechtigten Schiedsrichtern geleitet.“
Die Gleichberechtigung bzw. ein Umgang auf Augenhöhe sind auch aus Sicht von Bärmann entscheidend. „Es ist wichtig, nicht auf die eigene Entscheidung zu pochen oder gestenreich bzw. offenkundig zu diskutieren“, rät er. „Es ist vielmehr ein gemeinsamer Austausch im Team, um eine Lösung zu finden. Was hat jeder gesehen? Was sind die Kriterien, nach denen wir entscheiden? Und das alles sachlich und lösungsorientiert. Das Ziel ist die bestmögliche Entscheidung für das Spiel, nicht für das eigene Ego.“
Ist man im Team zu einer Entscheidung gekommen, geht es vor allem um die Wiederaufnahme des Spiels. Neben dem in Regel 17 geforderten klaren Handzeichen gehört dazu auch eine schnelle Spielfortsetzung. „Die Leute wollen das Spiel sehen, keine diskutierenden Schiedsrichter“, fasst es Bärmann trocken zusammen.
Entsprechend kann auch eine Erklärung warten. „Natürlich wollen die Offiziellen oft wissen, warum man eine Entscheidung nach einer Uneinigkeit so und nicht anders getroffen hat“, weiß Bärmann. „Ich würde aber davon abraten, direkt zu den Bänken zu gehen und das zu erklären, denn dann liegt der Fokus weiter auf dir als Schiedsrichter. Ich empfehle, anzupfeifen und die Erklärung dann bei der nächsten Möglichkeit – einer Wischpause, einer Verletzungsunterbrechung oder einem Team-Time-out – zu geben.“
Ebenso wichtig, wie den Fokus durch den Wiederanpfiff auf das Spiel zu lenken, ist der eigene Fokus. „So eine Uneinigkeit im Team muss man abhaken, um sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren“, sagt Bärmann. „Angst zu haben, dass es erneut vorkommt, lenkt nur ab und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder vorkommt. Dabei braucht man sich keine Sorgen zu machen – so etwas ist eine Ausnahme, nicht die Regel.“
Ein Team-Time-out oder die Halbzeitpause eignen sich für eine kurze Absprache, woran es lag bzw. was man anders machen möchte. Die genaue Analyse ist dann ein Teil der Nachbesprechung. „Falls es eine Videoaufzeichnung gibt, würde ich dringend raten, sich diese Szene im Nachgang anzuschauen“, so Bärmann. „Nicht nur, um den Fehler zu identifizieren, damit man ihn abstellen kann, sondern auch, um die eigene Außenwirkung zu beurteilen. Wie wirken das Zusammenkommen und die Absprache? Souverän? Hektisch? Unsicher? Das sind wertvolle Erkenntnisse.“
Abschließend hat der 25-Jährige noch einen letzten Tipp – für den Umgang mit Spieler*innen: „Wenn sie vor dem Zusammenkommen auf euch zugehen, zeigt eure Grenze auf. Wir sagen dann zum Beispiel: ‚Gebt uns einen Moment, wir müssen uns abstimmen‘“, verrät Bärmann. „Und danach, wenn die Spieler wissen wollen, warum ihr euch nicht einig gewesen seid, seid transparent und erklärt zum Beispiel: ‚Ich hatte eine andere Wahrnehmung als mein Partner.‘ Es ist menschlich, dass man sich mal irrt. Und wenn ihr offen damit umgeht und es nicht hundertmal in einem Spiel vorkommt, wird man es euch in der Regel nicht krumm nehmen.“