Schiedsrichter sollten immer respektvoll mit Spielern kommunizieren. (Foto: imago images/wolf-sportfoto)

Kommunikation – die Königsdisziplin zur Akzeptanz?

„Mit denen lässt sich nicht reden“ oder „Keinen Ton darf man sagen“. Solche und ähnliche Sätze hört man häufig von Spielern, wenn nach der Leistung der Schiedsrichter gefragt wird.

Auch Trainer nennen auf die Frage, was einen guten Schiedsrichter ausmacht, regelmäßig eine gute Kommunikation an oberer Stelle. Das überrascht auf den ersten Blick. Sollte sich die Leistung von Schiedsrichtern nicht eher oder sogar ausschließlich daran messen lassen, ob die getroffenen Entscheidungen richtig waren? Die zitierten Aussagen erwecken fast den gegenteiligen Eindruck und vermitteln den Anschein, dass auch ein falscher Pfiff akzeptiert werden kann, wenn er nur „gut verkauft“ wird. Kann also – provokativ gefragt – eine gute und regeltechnisch einwandfreie Schiedsrichterleistung erst durch Kommunikation zur sehr guten Leistung werden?

Tatsache ist, dass die Bedeutung von Kommunikation mittlerweile auf allen gesellschaftlichen und beruflichen Ebenen anerkannt ist. Sei es als Mitarbeitergespräch oder Akzeptanzmanagement im beruflichen Umfeld, als Mediation zur Streitschlichtung oder als Teambuilding im Sport, nahezu all diese Maßnahmen basieren auf Kommunikation. Daher wäre es auch für Schiedsrichter nicht clever, ja sogar von Nachteil, die Möglichkeiten der Kommunikation nicht für sich zu nutzen, um – neben der regeltechnischen Sicherheit – an persönlicher Akzeptanz zu gewinnen.

Dieser Beitrag widmet sich daher den Fragen, wie und wann Kommunikation genutzt werden kann und wo ihre Grenzen liegen. Grundlage hierfür sind weder wissenschaftliche Erkenntnisse noch Schulungsinhalte aus Kommunikationstrainings, sondern ausschließlich langjährige persönliche Erfahrungen und Einschätzungen als Handballschiedsrichter.

Kommunikation ist immer auch eine Frage des Kommunikationspartners

Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch agiert anders. Dieser selbstverständliche Satz hat eine ganz wesentliche Auswirkung auf Kommunikation. Denn Kommunikation ist stark davon abhängig, mit wem ich kommuniziere und in welcher Art mein Gegenüber mit mir kommunizieren möchte. Deswegen sind Kommunikationsstandards, die in stets gleicher Weise umgesetzt werden, nicht nur wenig zielführend; sie sind sogar falsch, weil sie die konkrete Situation nicht berücksichtigen können. Dies lässt sich an der Person eines Mannschaftsverantwortlichen oder Trainers sehr gut verdeutlichen. Vereinfacht dargestellt, gibt es hier drei zentrale Verhaltensweisen – natürlich mit unterschiedlichen Ausprägungen.

1. In erster Linie auf die Mannschaft fokussierte Trainer

Der Trainer konzentriert sich nahezu ausschließlich auf das Spiel seiner Mannschaft, widmet dem Schiedsrichter eher eine geringe Aufmerksamkeit und ist nur bedingt an Kommunikation interessiert.

Hier spielt Kommunikation eine untergeordnete Rolle. Gespräche, Erklärungen oder „Rechtfertigungen“ für Entscheidungen sollten nicht aufgedrängt werden und sind nur dann notwendig, wenn diese vom Trainer eingefordert werden. Aufgedrängte Kommunikation kann den Eindruck eigener Unsicherheit („Rechtfertigungszwang“) und fehlender Souveränität erwecken und sollte auf wenige Fälle beschränkt bleiben.

2. Anlassbezogen kommunizierende Trainer

Der Trainer akzeptiert eindeutige Entscheidungen auch zu seinem Nachteil und sucht nur dann das Gespräch, wenn es zu umstrittenen (50:50-Entscheidungen) oder zu offensichtlich falschen Entscheidungen gekommen ist.

In dieser Konstellation sollte man für Kommunikation offen sein und diese geschickt einsetzen. Dort, wo die Nachfrage oder Beschwerde des Trainers nachvollziehbar ist, sollte man darauf eingehen und ggf. seine Entscheidung kurz erläutern. Vielleicht wird man an der einen oder anderen Stelle sogar einräumen können, dass die Entscheidung „knapp“ war. Da der Trainer seine Kritik hier nur in den wirklich relevanten Fällen einsetzt, kann ihm auch angemessen geantwortet bzw. ein entsprechendes Signal als Reaktion gegeben werden. Unterbindet man an dieser Stelle jede Kommunikation oder greift frühzeitig zur Progression, setzt man einer sachlichen und angemessenen Kommunikation zu schnell ein Ende. Akzeptanz gewinnt man hierdurch nicht.

3. Dauerhaft kritisierende Trainer

Der Trainer versucht frühzeitig und dauerhaft, Einfluss auf die Schiedsrichter zu nehmen. Er kritisiert regelmäßig auch eindeutige und unstrittige Entscheidungen.

In dieser Situation wird das Mittel der Kommunikation schnell erschöpf sein. Auch hier sollte man sich zwar einer angemessenen Kommunikation nicht verweigern, allerdings beinhaltet Kommunikation ein Miteinander, keinen Monolog. Erreicht man über die Kommunikation keine Verhaltensänderung beim Trainer, sollte – wenn nicht sogar ein progressives Einschreiten geboten ist – die Kommunikation nach Möglichkeit auf ein niedriges Maß reduziert werden. Wer hier Kommunikation in der vom Trainer ausgeübten Weise aufrechterhält, wirkt wenig konsequent und setzt keine Grenzen. Hier verliert der Schiedsrichter ebenfalls Akzeptanz.

Diese genannten Beispiele darf man natürlich nicht verallgemeinern. Sie sollen lediglich verdeutlichen, dass es bei der Kommunikation nicht nur den einen Weg gibt, sondern stets zu berücksichtigen ist, wie sich der Kommunikationspartner verhält. Wichtig ist: Kommunikation beginnt in jedem Spiel neu. Voreingenommenheit ist hier fehl am Platze. 

Über den Autor

Foto: privat

Alter: 48 Jahre
Beruf: Oberstaatsanwalt
Handballer: seit der D-Jugend
Schiedsrichter: seit dem 18. Lebensjahr
SR-Partner: Christian Moles (ab Saison 99/00)
SR im DHB: seit 2004
Im Elitekader: seit 2010
DHB-Einsätze: ca. 500 Spiele
DHB-SR-Coach: seit Saison 19/20
Weitere Funktion: Vizepräsident Recht im Badischen Handballverband

Umgang auf gleicher Augenhöhe

Schiedsrichter sind Spielleiter. Sie sollen ein Spiel leiten, nicht „richten“. Das gilt auch für das „Wie“ der Kommunikation. Entscheidend ist ein offener und zugleich verbindlicher Umgang mit gegenseitiger Wertschätzung. Dem Gegenüber muss einerseits klar sein, dass die getroffene Entscheidung nicht zur Disposition steht. Andererseits darf nicht der Eindruck vermittelt werden, man nehme die Einwände eines Spielers oder des Mannschaftsverantwortlichen nicht ernst oder wahr. Aber was bedeutet das konkret?

Der Ton macht die Musik

Es ist äußerst ungeschickt, von sich aus und ohne notwendigen Anlass einen aggressiven oder unnötig lauten Ton anzuschlagen. Begibt man sich auf dieses Kommunikationsniveau, muss man akzeptieren, dass Trainer und Spieler in gleicher Weise reagieren. Die Kommunikation eskaliert. Folgen auf vom Schiedsrichter „provozierte“ Äußerungen unmittelbar progressive Maßnahmen, schwindet jede Akzeptanz. Kurzum: Ein Schiedsrichter sollte Äußerungen/Verhaltensweisen unterlassen, die er beim Spieler bestraft.

Den ersten Ärger zulassen

Spieler stehen unter großem Druck. Es ist daher nachvollziehbar, dass sie nach eigenen Fehlern häufig die Schuld beim Schiedsrichter suchen. Dieses Verhalten folgt keiner generellen Abneigung gegen den Schiedsrichter. Es ist sogar logisch und bedingt nachvollziehbar. Kritik am Schiedsrichter ist für den Spieler viel einfacher, als sich gegenüber Trainer oder Mitspieler rechtfertigen zu müssen. Deswegen sollte dem Spieler durchaus eine erste Reaktion bzw. Enttäuschung zugebilligt werden, wenn diese sich noch in angemessenem Rahmen hält. Wer hier bei kleinsten Unmutsäußerungen sofort mit Progression arbeitet, zeigt, dass er sich nur wenig in den Spieler und das Spiel hereindenken kann. Die Folge ist (neben einer „Strafenflut“) ein deutlicher Akzeptanzverlust.

Spieler und Trainer nicht bloßstellen

Hinweise, Ermahnungen oder Erläuterungen zu Progressionen sollten kurz und sachlich erfolgen. Langatmige Belehrungen oder Maßregelungen, die (z. B. unter Nutzung eines Time-outs) in der ganzen Halle wahrgenommen werden, bewirken häufig das Gegenteil. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Schiedsrichter Äußerungen trifft, die er gar nicht zu bewerten hat (z. B. „Euer Spiel ist so schlecht und langsam, da muss ich dauernd passiv anzeigen“).

Nonverbale Kommunikation – abfällige Gesten vermeiden

Mannschaftsverantwortliche, Spieler und Zuschauer nehmen sehr genau wahr, wie Schiedsrichter auf Stress, Kritik oder in bestimmten Spielsituationen reagieren. Dies gilt auch für ein leichtes Abwinken, ein Kopfschütteln oder sonstige Gesten, die als missachtend wahrgenommen werden. Solche – vom Schiedsrichter oft instinktiv und gar nicht bewusst gezeigten – Gesten sind in ihrer Wahrnehmung und Wirkung nicht zu unterschätzen. Denn während Äußerungen zu bestimmten Entscheidungen immer nur eine konkrete Spielsituation betreffen, werden derartige Gesten oft persönlich genommen. Sie sind dauerhaft und beeinflussen die Atmosphäre während des gesamten Spiels negativ.

Wertschätzung für Spiel und Spieler

Die Mannschaften trainieren regelmäßig mehrfach in der Woche und bereiten sich intensiv auf ihr Spiel vor. Damit verdient jede Mannschaft, dass die eingesetzten Schiedsrichter das ihnen zugewiesene Spiel mit der gleichen professionellen Einstellung leiten. Dies sollte man einem Schiedsrichter ansehen. Jegliche verbal oder nonverbal zum Ausdruck gebrachte Überheblichkeit oder gar Arroganz (weil man zum Beispiel zu einem höheren Kader gehört und das Spiel als der eigenen Leistungsstärke nicht angemessen beurteilt) wird von den Mannschaften als fehlende Wertschätzung wahrgenommen und verbietet sich von selbst.

In der Kommunikation konsequent bleiben

Kommunikation sollte man nicht wie ein Schema „abarbeiten“. Kommunikation ist ein Prozess, der immer an den Spielverlauf und an die handelnden Personen angepasst werden muss. Auch hierbei gilt: Konsequent bleiben! Kommunikation ist immer nur ein Angebot. Wird dieses Angebot missverstanden und von Trainern oder Spielern als einseitige Möglichkeit genutzt, um Entscheidungen zu kritisieren, kann Kommunikation nicht stattfinden. Hier sollten die Schiedsrichter klarmachen, dass auf dieser Basis keine Kommunikation möglich ist und weitere Gespräche oder gar Diskussionen nicht mehr zulassen. Spätestens, wenn man Mannschaftsverantwortliche oder Spieler für ihr Verhalten progressiv bestraft hat, ist kein Raum mehr für Kommunikation. Dieser darf aber auch im Anschluss nicht mehr eingeräumt werden. Das wäre nicht nur inkonsequent, sondern würde dem Mannschaftsverantwortlichen oder Spieler genau das erlauben, was die Schiedsrichter vorher durch progressive Bestrafung unterbunden haben. Hierdurch „öffnet man eine Tür, die man gerade erst verschlossen hat“.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch die seitengleiche Handhabung. Ungleichbehandlungen wiegen hier schwer und sind für die betroffene Mannschaft nicht nachvollziehbar. Hat man einer Mannschaft eine ausgedehnte Kommunikation gewährt, muss das gleiche Verhalten der anderen Mannschaft ebenfalls akzeptiert werden. Gleiches gilt für progressive Bestrafungen. Das klingt logisch und einfach, ist es aber in der Umsetzung gerade bei fortgeschrittener Spielzeit und aufkommender Hektik nicht.

Kommunikation für sich nutzen!

Kommunikation ist nicht nur ein Ventil für Mannschaftsverantwortliche und Spieler. Auch Schiedsrichter können von ihr profitieren und ein wenig mit ihr „spielen“.

„Verbündete schaffen“

Je nach Spielsituation und kommunikativem Zugang lassen sich Mannschaftsverantwortliche und Spieler zur Konfliktlösung „mitnehmen“. Ein kurzer während des Spiels gegebener Hinweis an den Mannschaftsverantwortlichen kann dazu führen, dass dieser selbst aktiv wird und mäßigend auf Spieler einwirkt. Er hat im Zweifel den größeren Einfluss auf den Spieler.

Auch Spieler kann man hier im positiven Sinne „einspannen“. Häufig gibt es in Mannschaften eine oder mehrere zentrale Spielerpersönlichkeiten, die als „Leitwolf“ Verantwortung übernehmen und innerhalb der Mannschaft akzeptiert sind. Die Bitte an diesen Sportler, seine Mitspieler zu beruhigen oder ein bestimmtes Verhalten zu ändern, kann Wunder wirken. Häufig ist die Wirkung sogar in doppelter Weise positiv. Der „Leitwolf“ fühlt sich durch Anerkennung seiner Position durch den Schiedsrichter wertgeschätzt, wodurch seinerseits die Akzeptanz des Schiedsrichters steigt. Darüber hinaus ist das Einwirken des Mitspielers häufig viel wirkungsvoller als der Hinweis oder die Progression durch den Schiedsrichter.

Menschlich bleiben und zu Fehlern stehen

Spieler wie Schiedsrichter machen in gleicher Weise Fehler. Das kommunikative Mittel einer Entschuldigung kann daher viel wirksamer und sogar akzeptanzfördernder sein, als eine wenig glaubwürdige Rechtfertigung einer von allen Seiten als falsch anerkannten Entscheidung (häufig im Vorteilsbereich). Die für alle sichtbare Entschuldigung nach einer unberechtigten Entscheidung wird daher meistens akzeptiert. Gleichzeitig nimmt man der betroffenen Mannschaft hiermit jede Angriffsfläche. Wenn sogar der Schiedsrichter einräumt, dass der Pfiff falsch war, besteht kein Grund mehr, darauf aufmerksam zu machen und ihn zu monieren. Klar dürfte allerdings auch sein, dass man das kommunikative Mittel einer Entschuldigung in einem Spiel nur sehr selten erfolgen sollte, weil sonst an den generellen Fähigkeiten des Schiedsrichters gezweifelt wird.

Miteinander statt Gegeneinander

Auch kleine Gesten können große Wirkung zeigen. Wenn man den Mannschaften und Zuschauern zeigt, dass man sich als Teil des Spiels und nicht als Gegner der Mannschaften versteht, steigert das die positive Stimmung und Akzeptanz: Dort, wo es angebracht ist, ein kurzes Lächeln; durch Körpersprache zeigen, dass man dieses Spiel gerne leitet und Freu(n)de dabei hat; einem am Boden liegenden Spieler aufhelfen; ein kurzer Daumen nach oben. Auch körperliche Präsenz ist ein kommunikativer Faktor. Zeigt man den Spielern, dass man nah am Brennpunkt ist, das Spiel intensiv beobachtet und möglichst viel erkennen will, „verkauft“ man sich gut und authentisch.

Kommunikation auch vor und nach dem Spiel

Wer glaubt, Kommunikation beginnt mit und endet nach dem Spiel, der irrt. Spieler, Mannschaftsverantwortliche und Zuschauer haben ein sehr sensibles Gespür, wie Schiedsrichter auch außerhalb der Spielzeit mit den Mannschaften umgehen. Hier gelten ebenfalls die Handlungsmaximen: freundlich, zurückhaltend und vor allem seitengleich. Persönliche Bekanntschaften bestehen natürlich auch zwischen Schiedsrichtern und Spielern, Trainern und Offiziellen. Dennoch beinhaltet ein professioneller Auftritt die notwendige Distanz bzw. ein angemessenes Verhalten gegenüber beiden Mannschaften. Gegen eine freundliche Begrüßung, einen Smalltalk oder Abklatschen spricht nichts; es trägt sogar zu einer entspannten Stimmung bei. Zu enge Freundschaftsbekundungen wie Umarmungen vor oder ein gemeinsames Feiern nach dem Spiel sollten auch nach Corona-Zeiten vermieden werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese besondere Zuwendung nur einer Mannschaft entgegengebracht wird.

Um hier das richtige Maß zu finden, hilft es, sich in die Situation nicht persönlich bekannter Spieler oder Trainer zu versetzen. Drängt sich bei diesem Perspektivwechsel ein „komischer Eindruck“ oder nur der „böse Schein“ einer möglichen Bevorzugung auf, sollte Zurückhaltung geübt werden.

Fazit

Mag die Bedeutung der Kommunikation für Schiedsrichter, Spieler und Mannschaftsverantwortliche auf den ersten Blick überraschend erscheinen, erweist sie sich bei genauer Betrachtung als mehr als nachvollziehbar. Kommunikation hat eine ganz wichtige Ventilfunktion, kann Frustration und Ärger ableiten und Brücken bauen. Als bloßes Schlagwort ist der Wunsch nach mehr Kommunikation jedoch viel zu unpräzise. Sie ist nur dann hilfreich und wirksam, wenn sie personen- und situationsangepasst ist. Demgegenüber darf sie Trainern und Spielern nicht einseitig als Rechtfertigung für übermäßiges Agieren und Reklamieren dienen. Zielführende Kommunikation kann man lernen. Viel Spaß dabei; es lohnt sich.