Quelle: DHB
Freiwurfausführung nach dem Schlusssignal
Was im Video geschieht
Mannschaft WEISS wurde noch während der Spielzeit ein Freiwurf zugesprochen. Bevor der Freiwurf ausgeführt werden kann, ertönt das automatische Schlusssignal. Spielerin WEISS 10 führt den Freiwurf aus. Der Wurf wird von der Abwehrspielerin SCHWARZ 6 aktiv mit dem Fuß geblockt und landet im Seitenaus. WEISS 10 weist die Schiedsrichter auf ein Fußspiel von SCHWARZ 6 hin. Die Schiedsrichter beraten sich anschließend. Nach der Beratung zeigen die Schiedsrichter eine Hinausstellung gegen SCHWARZ 6 an und lassen den Freiwurf wiederholen. WEISS 10 tritt erneut an und der Freiwurf wird wieder geblockt und das Spiel ist anschließend beendet.
Wie würden Sie entschieden?
Ein Blick in den Regeltext (gültig ab 01.07.2024):
Zunächst ein Blick auf die ausführende Spielerin und damit auf Regel 15 (Allgemeine Anweisungen zur Ausführung der Würfe)
Gemäß Regel 15:1 muss vor der Ausführung eines Wurfs der bzw. die Werfer*in die richtige Position eingenommen haben. Der Ball muss sich in der Hand des bzw. der Werfer*in befinden (15:6).
Außer bei der Ausführung eines Abwurfs (siehe 12:2) und dem Anwurf aus der Anwurfzone (10:3b) muss der Werfer bei der Wurfausführung mit einem Teil desselben Fußes ununterbrochen den Boden berühren bis der Ball die Hand verlassen hat (siehe jedoch (10:3b). Der andere Fuß darf wiederholt vom Boden abgehoben und wieder abgesetzt werden (siehe auch 7:6). Der Werfer muss diese Stellung einnehmen, bis der Wurf ausgeführt ist (15:7 Abs. 2 und 3).
Auf dieser Grundlage wird mit der Regeländerung zum 01.07.2024 noch deutlicher gemacht, dass während des gesamten Vorgangs derselbe Fuß den Boden berühren muss (und der andere Fuß darf wiederholt vom Boden abgehoben und wieder hingesetzt werden).
Wie sieht es mit der abwehrenden Mannschaft aus?
Hier erfolgt der Blick in die Guidelines und Interpretationen:
Bei Vergehen oder unsportlichem Verhalten der Verteidiger während der Ausführung eines Freiwurfs […] nach dem Schlusssignal sind diese Verteidiger gemäß den Regeln 16:3, 16:6 oder 16:9 persönlich zu bestrafen. Der Wurf muss wiederholt werden (Regel 15:9 Abs. 3). Regel 8:11a findet in solchen Fällen keine Anwendung.
Wie ist nun zu entscheiden?
Ob die Freiwurfausführung von WEISS 10 wirklich zu 100% korrekt ist, ist im Video nicht zweifelsfrei erkennbar. Als Rechtshänderin ist der linke Fuß das Standbein. Der linke Fuß bleibt zunächst auf dem Boden, dann setzt sie den rechten Fuß auf und geht in die Wurfauslage, während der linke Fuß immer noch Bodenkontakt hat. Dann kommt die spannende Frage, ob der linke Fuß keinen Bodenkontakt mehr hat, als der Ball sich noch in der Hand befindet oder der Ball die Hand bereits verlassen hat. Ist ersteres der Fall, dann wäre die Ausführung nicht regelgerecht (siehe EM-Spiel Schweden - Frankreich). Hat hier der Fuß aber immer noch Bodenkontakt, wenn der Ball die Hand verlassen hat, dann wäre es regelgerecht (auch nach der Regelanpassung).
Wenn der Wurf korrekt ist/wäre, dann muss man sich mit dem Verhalten der verteidigenden Mannschaften beschäftigen.
Es ist deutlich erkennbar, dass SCHWARZ 6 den Wurf aktiv mit dem Fuß abwehrt. Wenn der Freiwurf vorher korrekt von WEISS 10 ausgeführt wurde, dann Hinausstellung (keine Dob nach 8:11a möglich) von SCHWARZ 6 und Wiederholung Freiwurf (kein 7m möglich).
Denn die Sonderregelungen der Regel 8:11a in Verbindung mit den Guidelines gilt nur bei Vergehen innerhalb der letzten 30 Sekunden oder mit dem Schlusssignal. Eine Abstandsverkürzung oder anderes unsportliches Verhalten beim Freiwurf nach dem Schlusssignal kann deshalb nicht zu einem Strafwurf nach der Regel 8:11a führen. Hier ist die normale Progressionsreihe anzuwenden und der Freiwurf zu wiederholen. Aber auch hier ist zunächst der Vorteilsgedanke zu beachten. Die Freiwurfausführung nicht zu früh unterbinden, unterbrechen.
Die anschließende Wiederholung (nicht exakter Ort wie vorher) ist in jedem Fall regelwidrig. Hier sind vor dem Wurf (bevor der Ball die Hand verlässt) beide Füße in der Luft.
Fazit
- Auf eine korrekte Ausführung des ausführenden Spielers ist besonders zu achten.
- Bei der Ausführung eines Freiwurfs nach dem Schlusssignal findet Regel 8:11a in solchen Fällen keine Anwendung.
- Eine Entscheidung durch die Schiedsrichter muss - auch nach Beratung – schnell erfolgen (lange Absprachen/Diskussionen und damit „Wartezeiten“ sind zu vermeiden).
- Strafen müssen klar und unmissverständlich angezeigt werden. Die Strafe gegen SCHWARZ 6 wurde hier nur kurz, im Vorbeigehen, gezeigt (siehe Verhalten SCHWARZ 6).
- Wenn solche Situationen entstehen und ein Freiwurf wiederholt werden muss, ist zunächst darauf zu achten, dass die Auswechselspieler und Offiziellen nicht auf die Spielfläche laufen (nicht nur als Schiedsrichter um sich selbst kümmern und alles andere vernachlässigen!). Denn bei der Freiwurfausführung (oder -wiederholung) nach dem Ertönen des Schlusssignals gelten besondere Anweisungen bezüglich des Spielerwechsels.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.