Fair Play braucht Vertrauen – Die Auflösung

Am 29. Juni 2020 hatten wir Ihnen an gleicher Stelle lediglich einen Teil der obigen Sequenz gezeigt; wie sich der weiße Spieler verhalten würde, blieb damals offen. Wir hatten gefragt, wie Sie als Schiedsrichter bei einer Missachtung des Fairness-Gebots reagiert hätten.

Die Fragestellung

Weil sich der weiße Spieler korrekt verhielt, mussten sich die mit der Leitung des betreffenden Spiels betrauten Kollegen mit der folgenden Frage nicht befassen:

Was macht der Feldschiedsrichter, wenn der Spieler jetzt die Gelegenheit nutzt, auf das leere Tor von Team ROT zu werfen?

Ihnen hatten wir beim letzten Mal aber genau diese Frage gestellt und Sie gebeten, sich mit den folgenden Antwortmöglichkeiten auseinanderzusetzen:

A)  Ich unterbreche nicht und entscheide die Spielfortsetzung je nach Wurfergebnis.

B)  Ich unterbreche das Spiel sofort und entscheide auf Freiwurf für ROT.

C)  Ich unterbreche das Spiel sofort und entscheide auf Freiwurf für ROT und progressive Bestrafung des Spielers von WEISS.

D)  Ich unterbreche das Spiel sofort und entscheide auf Freiwurf für WEISS.

E)  Ich unterbreche das Spiel sofort und entscheide nach einem Hinweis an den Spieler von WEISS auf Freiwurf für WEISS.

Die korrekte Lösung

Regelgerecht ist lediglich Antwortmöglichkeit A):

A)  Ich unterbreche nicht und entscheide die Spielfortsetzung je nach Wurfergebnis.

Team WEISS ist in Ballbesitz, den es nicht regelwidrig erlangt hat. Der Spieler von Team WEISS würde sich bei einem Wurf auf das gegnerische Tor nicht regelwidrig verhalten. Streng genommen macht er das, was seine Aufgabe ist: Er versucht, ein Tor zu erzielen. Wenn er dabei keine Regelwidrigkeit begeht, erzielt er (leider) ein regelgerechtes Tor.

Was bleibt, ist ein fahler Beigeschmack, als Schiedsrichter nicht eingreifen zu können.

Anmerkungen zu B) und C)

Die Lösungen setzen voraus, dass man das Verhalten des Spielers von WEISS als regelwidrig betrachtet. Das wäre lediglich im Kontext mit den Regeln 8:7 bis 8:9 denkbar. Diese Betrachtungsweise bzw. Regelauslegung ist jedoch nicht zulässig: Unsportliches Verhalten basiert immer auf einer aktiven Handlung des fehlbaren Spielers. Eine solche ist beim Spieler von WEISS nicht festzustellen. Er wirft einfach aufs Tor.

Das "unsportliche Verhalten" findet allenfalls unter moralischen Aspekten eine Grundlage – aber diese sind im Regelwerk (bisher) nicht vorhanden. 

Greift ein Schiedsrichter in dieser Situation ein, wechselt er in eine neue Rolle: Er mutiert vom Regelbewahrer zum "moralischen Scharfrichter".

Anmerkungen zu D) und E)

Die Lösungen D) und E) könnte man als kreative und clevere, etwas "schlitzohrige" Lösungsansätze betrachten. Sie verhindern vordergründig das Tor als den anzunehmenden "worst case". Mit dem Regelwerk lassen sich diese Lösungsansätze nicht in Übereinstimmung bringen:

  • Der Schiedsrichter verstößt bei diesen "Lösungen" gegen den Vorteilsgedanken (Spielfortsetzung nach dem Pfiff wieder für Team WEISS).
  • Auch ein vermeintlich moralischer Grund zur Spielunterbrechung ist nicht gegeben, weil im aktuellen Regelwerk keine derartige Bestimmung enthalten ist.

Beispiel aus dem Fußball

20. November 2012: UEFA Champions-League Gruppe E / FC Nordsjaelland gegen Schachtjor Donzek

In der 26. Spielminute gibt es einen Schiedsrichterball:

„Wie es sich nach dem ungeschriebenen Fair-Play-Kodex gehört, wollte Willian den Ball mit einem langen Schlag Richtung gegnerische Hälfte spielen. Doch sein Mitspieler Luiz Adriano startete in den freien Raum, schnappte sich den Ball, umspielte den völlig überraschten und deshalb kaum reagierenden dänischen Keeper Jesper Hansen und schoss den Ball zum Ausgleich ins leere Tor.“

Die Gastgeber protestierten vehement bei Schiedsrichter Gautier. Doch vergeblich, denn der Schiedsrichter hatte keine Handhabe, das Tor nicht anzuerkennen oder zurückzunehmen

Die Reaktion der UEFA

Die UEFA hatte seinerzeit ein Disziplinarverfahren gegen Luiz Adriano eröffnet. Wegen eines Verstoßes gegen die Verhaltensregeln (Artikel 5, UEFA-Disziplinarreglement) wurde Luiz Adriano für das folgende Spiel seines Teams in der Champions-League-Gruppenphase gegen Juventus Turin gesperrt. Außerdem musste Luiz Adriano einen ganzen Tag lang Fußballdienst in einer Gemeinde ableisten. Das Spielergebnis blieb jedoch unverändert.

Grundlage der Sperre gemäß Artikel 5 des seinerzeitigen UEFA-Disziplinarreglements war, dass Spieler sich "loyal, integer und sportlich“ zu verhalten haben. Dagegen verstieß unter anderem, wer "sich beleidigend verhielt oder in anderer Weise elementare Anstandsregeln verletzte."

Fazit

Auch wenn es einen noch so bitteren Beigeschmack hat: In diesen Fällen nicht einschreiten!

Die Spieler müssen bei solchen Aktionen wissen:

Fair Play braucht Vertrauen!