Das Team Philipp Dinges & Tobias Schmack (Foto: Marco Wolf/DHB)
„Es gibt immer neue Perspektiven.“
Der gemeinsame Weg von Philipp Dinges und Tobias Schmack begann vor zweieinhalb Jahren – mit einem Anruf von Jutta Ehrmann-Wolf. „Sie sagte: Ich habe einen Belgier für dich“, erinnert sich Dinges mit einem Grinsen. „Ich war erst einmal ein bisschen verwirrt.“ Der Bundesliga-Schiedsrichter hatte zu dem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr kein Spiel mehr gepfiffen – gezwungenermaßen. Eine langwierige Verletzung seines damaligen Gespannpartners Daniel Kirsch bremste das Duo aus dem Elite-Anschlusskader aus.
„Wenn der Partner nicht mehr kann, kannst du auch nicht mehr“, fasst Dinges die Misere zusammen. „Für mich war aber klar: Ich will das Pfeifen noch nicht aufgeben.“ Ehrmann-Wolf, die heutige Leiterin des Schiedsrichterwesens des Deutschen Handballbundes, wusste das – und stellte den Kontakt zwischen Dinges und seinem heutigen Gespannpartner Tobias Schmack her.
Schmack war damals in einer ähnlichen Wartestellung wie Dinges: Nachdem sein Bruder die Schiedsrichterei aufgegeben hatte, pfiff der Belgier zunächst mit wechselnden Partnern in seinem Heimatland, bevor er mit Sigurd Thomassen wieder in den EHF-Kader aufgenommen wurde. Nach dem beruflich bedingten Umzug nach Deutschland konnte Schmack für den Deutschen Handballbund weiter pfeifen – allerdings zunächst, wieder mit einem neuen Partner, in der 3. Liga. Für den auf internationalem Parkett erfahrenen Referee ein Rückschritt.
„Mein damaliger Partner hatte die Altersgrenze schon erreicht, wir konnten also auch nicht mehr aufsteigen“, erinnert sich der 33-Jährige. „Aber ich hatte immer das Ziel, noch einmal den Schritt nach oben zu machen.“ Ehrmann-Wolf hatte den Weg des Belgiers seit einem gemeinsamen Einsatz bei einem U18-Turnier in Bulgarien verfolgt. „Sie wusste um meine Situation – und hat sich gedacht, dass es mit Philipp und mir passen könnte.“ Sie sollte recht behalten.
Seit der Saison 2019/2020 sind Dinges/Schmack inzwischen gemeinsam unterwegs – als eins von 16 Gespannen aus dem Bundesligakader des Deutschen Handballbundes. Der Weg, den die beiden hinter sich haben, um an diesen Punkt zu kommen – ein Weg, von dem viele Nachwuchsschiedsrichter träumen –, war immer wieder anstrengend, manchmal bitter, oft hart. Sowohl Dinges als auch Schmack haben dabei jedoch gelernt, mit den unterschiedlichsten Rückschlägen umzugehen – und dadurch stärker zu werden. Was können andere aus ihrer Erfahrung lernen?
Der Abstieg: Ein Schritt zurück, zwei nach vorne
Am Ende betrug der Unterschied nicht einmal ein Zehntel, doch diese hauchdünne Differenz im Ranking reichte aus: Das Gespann Dinges/Kirsch stieg 2016 aus dem Elitekader in den Bundesligakader ab. „Uns wurde gesagt: Ihr seid ja eigentlich nicht schlecht, aber ihr müsst trotzdem absteigen“, erinnert sich Dinges an den dunkelsten Moment seiner Schiedsrichter-Karriere. „Das war sehr, sehr bitter.“
Entsprechend groß war der Frust. „Wir haben damals offen gesagt, dass wir uns erst einmal Gedanken machen müssen, wie es weitergeht“, sagt Dinges. „Diese Zeit haben wir uns genommen.“ Nach zwei Wochen stand damals fest: Beide wollen weitermachen, doch mit der Verarbeitung des Abstiegs hatte das Duo länger zu kämpfen.
„Als Schiedsrichter erarbeitest du dir ein Selbstvertrauen“, beschreibt Dinges. „Steigst du ab, wird dieses Selbstverständnis angekratzt. Denn du bist es zwar gewohnt, von Spielern, Trainern und Zuschauern angezweifelt und kritisiert zu werden, aber nach einem Abstieg stellst du dich selbst in Frage, weil du ja scheinbar nicht gut genug warst.“
Sichtbar wurde der erzwungene Gang nach unten auch auf den Trikots: Das Emblem des Deutschen Handballbundes trägt ausschließlich der Elitekader auf der Brust. Der fehlende Adler sei die „Personifizierung des Rückschlags“ gewesen, wie Dinges heute sagt. „Das war natürlich sehr schwierig, denn es zeigt, dass du nicht mehr zu dem elitären Kreis der besten deutschen Schiedsrichter gehörst.“
Wie sich sein heutiger Partner damals fühlte, weiß Schmack aus eigener Erfahrung: Mit seinem Wechsel zum Deutschen Handballbund verzichtete er auf das EHF-Abzeichen, das er mehrere Jahre tragen durfte. Bereits mit seinem ersten Gespannpartner, seinem Bruder, gelang der Schritt ins EHF Young Referee Project; später kam er gemeinsam mit Sigurd Thomassen im EHF-Cup und bei internationalen Jugend- und Junioren-Turnieren zum Einsatz. Das Duo aus Belgien reiste quer durch Europa; es ging ebenso nach Island wie in den Kosovo.
Auf den Schritt vom internationalen Parkett in die 3. Liga in Deutschland musste sich Schmack entsprechend erst einmal einlassen. „Ich liebe das Kribbeln vor anspruchsvollen Spielen, diese Herausforderung, die Spannung“, beschreibt er. „Wenn du aber plötzlich in einer tieferen Liga pfeifst, wo dir die Spiele vermeintlich nicht mehr alles abverlangen, ist es schwierig, den Fokus zu behalten.“
Denn natürlich spüre man auch als Schiedsrichter den Unterschied von 2.000 Zuschauern bei einem internationalen Spiel und 150 Zuschauern in der 3. Liga. „Um ein Spiel gut über die Bühne zu bringen, braucht es eine gewisse Anspannung – wenn diese fehlt oder man nachlässig wird, macht man Fehler“, warnt Schmack. „Man muss daher die richtige Einstellung entwickeln und die Konzentration wahren. Es gilt: Jedes Spiel ist ein Endspiel.“
Ein Patentrezept, wie man mit einem Abstieg umgeht, gebe es nicht. „Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, um dann wieder nach vorne gehen zu können – auch, wenn das in dem Moment wahnsinnig schwer ist“, sagt Schmack. „Vielleicht geht ein Plan nicht direkt auf, vielleicht muss man den ein oder anderen Umweg gehen, aber man sollte sich stets vor Augen halten: Es gibt immer neue Perspektiven.“
Gemäß dem Motto „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ sei es wichtig, sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen; sich klarzumachen, was man will. „Und manchmal brauchst du auch jemanden, der dir die Tür zeigt“, ergänzt Dinges – und nennt als Beispiel Ehrmann-Wolf, die den Erstliga-Schiedsrichter und den EHF-Referee gemeinsam auf einen neuen Weg schickte. „Eine glückliche Fügung“, nennen die beiden es heute.
Dinges weiß jedoch, wie schwierig dieser Schritt sein kann. „Wenn du jung anfängst, geht es zuerst oft nur nach oben – und wenn dann der erste Dämpfer kommt, ist es ein Nackenschlag“, beschreibt der 36-Jährige. „Die Herausforderung ist es, dann nicht den einfachen Weg zu wählen und aufzugeben, sondern weiterzumachen.“ Nach dem Abstieg aus dem Elitekader entschied sich Dinges gemeinsam mit seinem damaligen Gespannpartner Kirsch für genau diesen Weg – und nur ein Jahr später war das Gespann wieder zurück in der deutschen Beletage.
Die Trennung vom Gespannpartner: Suche nach dem X-Faktor
Lange währte die Erfolgssträhne von Dinges/Kirsch allerdings nicht: Ihre erste Saison nach dem Wiederaufstieg war bereits im April 2018 vorzeitig beendet. Kirsch zog sich eine Verletzung zu, das Duo musste erst die nächsten Spiele und schließlich die verbleibende Saison absagen. „Die Verletzung von Daniel war der nächste Nackenschlag für uns“, erinnert sich Dinges. „Die Zwangspause hat sich immer länger gezogen, bis sich irgendwann herauskristallisiert hat, dass es schwierig wird, zurückzukommen.“
Auch der Schiedsrichter-Ausschuss des Deutschen Handballbundes fragte immer wieder nach, man brauchte eine klare Aussage für die Planung der neuen Saison. „Ich habe gesagt, dass ich unbedingt weitermachen will“, betont Dinges. Doch den richtigen Gespannpartner zu finden, ist schwierig – wie auch Schmack im Laufe der Jahre immer wieder erfahren musste: „Man braucht jemanden, mit dem alles passt – das Alter, die Lebenssituation, die Spielphilosophie, die Ziele und nicht zuletzt die Persönlichkeit.“ Es ist die Suche nach dem X-Faktor.
Doch nicht nur die Suche nach dem passenden Partner kann langwierig sein – auch die Trennung vom bisherigen Kumpan kann belastend sein. „Wenn du einen Schiedsrichter-Partner verlierst, verlierst du alles, was ihr gemeinsam in das Gespann investiert habt“, beschreibt Dinges. „Das blinde Vertrauen, das du zu deinem Partner hast, hat man sich über viele Spiele, viele Fehlentscheidungen und viele Stunden erarbeitet – das bekommst du nicht zurück.“
Das gegenseitige Vertrauen sei der entscheidende Faktor, betont auch Schmack, denn die Teams auf dem Feld würden das spüren: „In einem Gespann ist es wie in einer Ehe: Man entwickelt ein Verständnis füreinander, bewegt sich auf der gleichen Ebene“, sagt er und ergänzt mit Blick auf die Trennung vom Gespannpartner: „Und wie in anderen Lebensbereichen gilt auch hier: Wenn du ein gut funktionierendes System hast, ist schwer vorstellbar, dass auch etwas anderes funktioniert.“
Daher muss man bei der Suche nach einem neuen Gespannpartner bereit sein, „seine Komfortzone zu verlassen“, wie Dinges es ausdrückt. „Das fällt natürlich vielen Menschen schwer, weil man nicht weiß, was kommt.“ Der 36-Jährige hatte Glück – mit Schmack passte es auf Anhieb. „Wir haben uns zunächst auf ein Bier getroffen und haben dann beide die Perspektive gesehen“, erinnert sich Dinges. Im August 2019 pfiffen sie ihr erstes Spiel, inzwischen gehen sie in die dritte gemeinsame Saison – und sind Freunde geworden. Schmack: „Es gibt, abgesehen von meiner Frau, niemanden in meinem Umfeld, der so viel über mein Leben weiß wie Philipp.“
Schlechte Phase: Auseinandersetzung und Analyse
Ob man nun wie Dinges/Schmack in der 2. Bundesliga pfeift oder in der Kreisklasse des Landesverbandes: Fehlentscheidungen gehören zum Schiedsrichter-Alltag dazu. Während man die meisten jedoch schnell abhakt, bleiben einige hängen – gerade die kniffligen Pfiffe. „So etwas nagt extrem an mir“, gibt Schmack zu. „Ich kann nur empfehlen, solche Situationen für sich zu analysieren und sich Optionen zu überlegen, wie man das nächste Mal besser entscheiden kann.“
An eine Szene erinnert sich der 33-Jährige noch genau: Bei einem direkten Freiwurf ging ein Spieler in der Mauer zu Boden, doch weder Schmack noch sein damaliger Partner hatten gesehen, wo ihn der Ball getroffen hatte. „Ich sage heute noch bei jedem direkten Freiwurf über das Headset ‚Auf die Mauer achten‘, damit mir so etwas nicht noch einmal passiert“, verrät er. „So nutzt man Fehlentscheidungen sinnvoll – indem man sie verarbeitet und eine Lösung abspeichert, sodass man beim nächsten Mal besser reagiert.“
Kommt es in der Halle dennoch zu Diskussionen, rät Dinges, vor allem einen kühlen Kopf zu bewahren. „Gerade, wenn die Emotionen hochgekocht sind, wird es nicht funktionieren, die Situation direkt zu klären. Stattdessen ergibt oft ein Wort das andere und man sagt Dinge, die man später bereut“, weiß er. „Daher sollte man erstmal die sprichwörtliche Nacht drüber schlafen. Und hat man am nächsten Tag immer noch Gesprächsbedarf, lässt sich das meist besser klären, weil sich alle etwas beruhigt haben.“
Doch wie kann man damit umgehen, wenn es eben nicht der einzelne Fehler ist, der einen beschäftigt, sondern sich die ‚nagenden' Situationen Wochenende für Wochenende häufen und man als Schiedsrichter – vergleichbar mit der Niederlagenserie einer Mannschaft – in einer schlechten Phase steckt? „Wenn es nicht läuft, würde ich empfehlen, eine neutrale Person zum Spiel mitzunehmen“, rät Schmack. „Eine Person, von der man weiß, dass man ehrliches Feedback bekommt.“
Auch Dinges rät dazu, sich eine Referenzmeinung einzuholen. „Man sollte zudem klar unterscheiden, ob die Leistung tatsächlich schlecht ist – oder nur alle sagen, dass man schlecht sei“, betont er. „Es ist ganz normal, dass man anfängt, an sich zu zweifeln, wenn die Vereine dich gefühlt schon vor dem ersten Pfiff aus der Halle schmeißen wollen.“
Um herauszufinden, wo das Problem liegt, sei ein Feedback von außen Gold wert – beispielsweise, um zu erfahren, wie man auf dem Spielfeld wirkt. „Es kann sein, dass man unbewusst Schwäche oder Arroganz ausstrahlt“, erklärt Schmack. „Sich damit auseinanderzusetzen, ist kein schöner Prozess, weil man mit den eigenen Schwächen nicht konfrontiert werden will, aber es kann helfen.“
Das Ziel: Motivation und Antrieb
Ob der Abstieg in einen tieferen Kader, die Trennung vom Gespannpartner oder eine schlechte Phase: In einer Schiedsrichter-Karriere wird es immer wieder zu Rückschlägen kommen. Das Wichtigste, um weiterzumachen, ist aus Sicht von Dinges und Schmack: ein Ziel. Denn ohne Ziel fehlt oft der Blick für Sinn und Zweck, die Motivation, der Antrieb.
„Wir wissen genau, warum wir das machen“, betont Dinges. „Der Handball ist nicht nur unsere Sportart, sondern wir haben auch ganz klare Ziele: Wir wollen den Weg in die 1. Bundesliga gehen, denn es ist ein unglaublich geiles Gefühl, in der 1. Bundesliga zu pfeifen.“
Dass für den Aufstieg in den Elitekader alles passen muss, weiß er: „Aber ich habe es einmal geschafft, zurückzukommen – warum soll das nicht ein zweites Mal gelingen?“ Hinzu kommt der innere Antrieb, wie Schmack es nennt. „Ich will mir selbst beweisen, dass ich das kann“, sagt er. „Ich will mir selbst beweisen, dass ich es in mir trage, zu den besten Schiedsrichtern Deutschlands zu gehören.“