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„Ein Talent braucht Aufmerksamkeit, um gefördert zu werden.“
Julia Nikoleit: Thomas, ihr seid eines der erfahrensten Teams im Deutschen Handballbund, habt junge Schiedsrichter*innen in den DHB kommen, aufsteigen und auch wieder gehen sehen. Was würdest du sagen: Was ist Talent als Schiedsrichter?
Thomas Hörath: Mit Talent ist für mich erst einmal verbunden, dass jemand eine besondere Fähigkeit oder Eigenschaft mitbringt oder eine Fähigkeit leichter, schneller, mit weniger Aufwand als andere erlernt. Ich habe mir daher zuerst die Frage gestellt: Was muss ein guter Schiedsrichter mitbringen? Da fallen mir Dinge wie Durchsetzungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit ein, sich in andere Menschen und Perspektiven hineinzuversetzen.
Das sind aber alles Dinge, die man sich im Laufe seines Lebens aneignen kann. Ich habe noch keinen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen gesehen, der diese Fähigkeiten als Talent von sich nennt. Sicherlich können einige Kinder und Jugendliche das eine oder andere davon besser – aber ist das aus Schiedsrichtersicht schon ein Talent? Ich denke nicht.
Auch bei Schiedsrichtern gibt es – vergleichbar mit Spielern – Sichtungen. Auch als Schiedsrichter muss man sich gegen andere durchsetzen, um aufzusteigen. Irgendetwas muss es ja geben, was einige Schiedsrichter besser macht als andere?
Definitiv. Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist, dass bei Schiedsrichtern eher weiche Fähigkeiten den Ausschlag geben. Spieler haben körperliche oder sportlich-technische Eigenschaften, die man bewertet; bei Schiedsrichtern spielt beides eher eine untergeordnete Rolle. Es sind die menschlichen Eigenschaften, die den Unterschied machen – aber darüber denkt man vielleicht oft nicht nach. Ein Spieler arbeitet an seinem Körper im Fitnessstudio oder in der Halle an seiner Technik, indem er 100-, 200-, 300-mal den Wurf übt. Und ein Schiedsrichter?
Ein Schiedsrichter lernt für den Regeltest, ein Schiedsrichter trainiert für die Fitnesstests, ein Schiedsrichter macht Videoanalyse …
Das stimmt alles, aber die entscheidende Arbeit – die Verbesserung der Kommunikation, des Auftretens, kurz gesagt: die Verbesserung der Qualitäten im B-Bereich – ist eben nicht so sichtbar. Ein Spieler sagt: „Ich war heute zwei Stunden im Fitnessstudio.“ Kein Schiedsrichter sagt: „Ich habe heute zwei Stunden an meiner Kommunikation gearbeitet.“ Man muss aber an seinem Talent ebenso arbeiten wie an seinen Schwachstellen. Wenn man diese Punkte aber gar nicht benennen kann, ist das natürlich schwierig. Ich begleite selbst hin und wieder jüngere Schiedsrichter im Landesverband oder erlebe es bei Kollegen. Wir hatten alle schon Momente auf der Tribüne, in denen wir uns gesagt haben: Aus dem könnte mal etwas werden.
Aber warum?
(überlegt) Ein Punkt ist das Auftreten, das Verhalten. Wie gibt sich ein junger Schiedsrichter auf dem Spielfeld? Tritt er selbstbewusst auf oder ist er in sich zusammengesackt, pfeift er leise? Ein anderer Punkt ist der Umgang mit anderen Menschen. Und ein entscheidender Punkt ist, welche Priorität ein junger Schiedsrichter dem Pfeifen einräumt.
Inwiefern hat das etwas mit Talent zu tun?
Das stimmt – auf den ersten Blick nicht. Es ist aber die Frage, was man aus den Fähigkeiten macht, die man mitbringt, also aus seinem Talent. Ich habe damals angefangen, um Taschengeld zu verdienen. Pfeifen war besser als Zeitungen austragen, und ich habe als Jugendlicher im Training gerne mal gepfiffen. Es hat mir Spaß gemacht. Deshalb bin ich dabeigeblieben, und das Pfeifen wurde mir immer wichtiger. Irgendwann war ich bereit, dem Pfeifen sogar eine höhere Priorität als dem eigenen Spielen einzuräumen. Damals wurden die Ansetzungen per Post verschickt, und ich war immer heiß darauf, zu sehen, wo ich hinfahren darf. Wenn ein Wochenende ohne Ansetzung dabei war, war ich traurig.
Mein Sohn hingegen trainiert viermal die Woche und sagt zwar, er würde auch mal pfeifen, aber sein Fokus liegt auf dem Spielen. Das ist für mich völlig in Ordnung – aber als Schiedsrichter wird er so nicht weiterkommen, egal ob er Talent hat oder nicht. Insofern ist das ein sehr entscheidender Punkt. Die Handballregeln kann jeder Schiedsrichter lernen, aber die Begeisterung und die Bereitschaft, Zeit zu investieren, nicht.
Robert Schulze war bei seinem ersten Erstliga-Spiel 23 Jahre alt, er ist der jüngste Erstliga-Schiedsrichter der Historie. Ist Talent dafür ausschlaggebend – oder war es Glück?
Das ist wie bei Spielern: Du brauchst natürlich Glück. Einen Mentor zu haben, der dir Türen öffnet, gehört dazu. Das größte Talent bleibt stecken, wenn es nicht von den richtigen Leuten im richtigen Moment gesehen wird oder seine Chance, wenn sie sich bietet, nicht nutzen kann. Natürlich sehen gute Coaches auch an einem schlechten Tag, was ein Schiedsrichter grundsätzlich draufhat oder welches Potenzial er hat. Aber es kann eben auch schiefgehen, weil Schiedsrichter nicht so auffallen wie Spieler.
Wie meinst du das?
Ein Talent braucht Aufmerksamkeit, um gefördert zu werden. Ein Spieler, der jedes Spiel zehn, zwölf Tore wirft, fällt den Vereinen auf. Als Schiedsrichter an der Basis erfährt niemand von deiner Leistung, wenn nicht zufällig jemand auf der Tribüne sitzt, der das weitergibt und sagt: „Schaut euch den oder die mal an.“ Wenn du das nicht hast, ist es schwierig, und du verlierst vielleicht ein, zwei oder drei Jahre in deiner Entwicklung, während dein Kollege aus dem Nachbarverein Glück hat.
Und ebenfalls anders als bei Spielern: Es reicht nicht, wenn du Talent hast. Du brauchst einen Gespannpartner, der zu dir passt und es ebenso sehr will wie du …
Das ist wahr. Meistens zerbrechen Teams, weil einer der beiden Partner sagt: „Das Pfeifen hat jetzt für mich keine Priorität mehr. Ich gehe zum Studium weg, habe eine neue Freundin oder muss im neuen Job jetzt Schichtdienst machen.“ Und du hängst bei solchen Entscheidungen immer mit drin. Ich bin auch mit einem anderen Partner bis in die 2. Liga gekommen, und das war von heute auf morgen vorbei. Ich hatte riesiges Glück, dass Timo und ich uns gefunden haben: zwei Schiedsrichter im ähnlichen Alter, aus dem gleichen Bundesland und mit den gleichen Ambitionen. Im Elitekader funktioniert es bei einigen Teams, dass sie geografisch getrennt leben, aber am Anfang wird das nicht gehen. Am Anfang brauchst du deinen Gespannpartner bei dir – denn alleine kommst du gar nicht erst hoch.
Es sind immer wieder neue Faktoren, die du nennst. Gibt es das Schiedsrichter-Talent überhaupt – oder sind Schiedsrichter, ähnlich wie Spieler, unterschiedlich talentiert?
Wenn ich auf mich schaue: Ich glaube, ich kann mich gut in andere Menschen hineinversetzen, aber ich bin nicht der kommunikative Typ. Da sind andere besser. Wenn wir – sagen wir mal – fünf beliebige Kriterien aufstellen würden, wäre ich bei den fünf Punkten nie ganz oben, aber auch nie ganz unten. Diejenigen, die ganz nach oben in die Spitze gehen, die liegen bei allen fünf Kriterien im oberen Bereich. Ich glaube aber gar nicht, dass du von den verschiedenen Teilen alles haben musst. Du musst einen Grundstock mitbringen, und den Rest kannst du lernen.
Sprich: Fleiß schlägt Talent? Ihr habt das Pfeifen priorisiert und seid damit weitergekommen als andere, die vielleicht auf dem Papier erst einmal mehr „Talentpunkte“ gehabt hätten, diese aber nicht genutzt haben?
Du kannst, du musst als Schiedsrichter ebenso wie als Spieler immer an dir arbeiten. Timo und ich haben anfangs knallhart durchgezogen – egal, was alle gedacht haben. Wir konnten damit schon Spiele pfeifen, und damals fanden das viele Beobachter gut, weil wir durchgegriffen haben. Aber wären wir als Hardliner erfolgreich geworden? Ich glaube nicht. Wir hätten uns nicht auf Dauer in der 2. Bundesliga halten können oder hätten zumindest nie das Standing entwickelt, das wir heute haben. Vielleicht wären wir mitgelaufen, aber jeder hätte die Augen über uns verdreht – und das macht irgendwann keinen Spaß mehr, denn irgendwann willst du ja auch positives Feedback bekommen. Und das bekomme ich nur, wenn ich mich einlasse und nicht kommunikativ komplett die Schotten dicht mache.
Marc Fasthoff hat mal gesagt: „Selbstanalyse tut weh.“ Ist das das größte Talent, die größte Fähigkeit, die ein Schiedsrichter mitbringen muss – die Fähigkeit, selbstkritisch an sich zu arbeiten?
Das ist ein guter Satz, den würde ich unterschreiben. Du hast nie alle Fähigkeiten von Anfang an und musst deine Bereiche nach und nach entwickeln. Wenn ich mir ein Spiel von uns anschaue, könnte ich meine Entscheidungen oft rechtfertigen, aber ich muss vielmehr verstehen können, warum die Teams die Entscheidung vielleicht gerne anders gehabt hätten. Ich muss bereit sein, mich zu hinterfragen, ob ich die Situation in Zukunft vielleicht doch anders – und besser – lösen kann. Wenn ich mich immer nur hinstelle und darauf poche, dass ich recht hatte, und jede Kritik abschmettere, komme ich nicht weit.
Gibt es etwas, das man unbedingt braucht? Etwas, an dem man nicht arbeiten kann, weil man es hat oder nicht?
(überlegt) Stressresistenz. Natürlich wächst auch die Stressresistenz im Laufe der Schiedsrichterkarriere, aber wenn du die zu Beginn gar nicht hast, schmeißt du nach der Ausbildung wahrscheinlich schnell wieder hin. Insofern kommst du ohne Stressresistenz gar nicht in die Situation, daran arbeiten zu können, um irgendwann vor 100 oder 1.000 oder 10.000 Zuschauern zu bestehen.
Viele Schiedsrichter sagen, dass sie es an der Pfeife in eine höhere Liga geschafft haben, als sie es als Spieler erreicht hätten. Lag ihr Talent also einfach woanders?
Das ist sicherlich nicht falsch. Ich war nie der beste Handballer und hatte auch nicht das Ziel, Bundesligaspieler zu werden. Ich wollte einfach mit meinem Sport, den ich liebe, in Verbindung bleiben – und das Pfeifen hat mir Spaß gemacht. Wir sind damals im Bezirk schnell aufgestiegen, hatten die richtigen Mentoren und waren in Richtung 3. und 4. Liga unterwegs. Das war eine geile Zeit, weil wir extrem positive Rückmeldungen bekommen haben. Und dass du etwas gut machst, hört natürlich jeder gerne (lacht). Jeder Mensch möchte die Anerkennung, dass er auf dem Level, auf dem er sich gerade befindet, gut ist. Das bedeutet nicht, dass du Bundesliganiveau hast, aber dass es sich vielleicht lohnt, mehr zu investieren, um das eigene Potenzial auszuschöpfen.
Es wird aber nicht jeder, der vielleicht in der Bezirksliga oder Landesliga gut ist, auch weiter nach oben kommen …
Natürlich nicht, aber das ist bei Spielern nicht anders. Und eine Sache ist aus meiner Sicht wirklich wichtig: Es muss Spaß machen. Wenn mir jemand früher versprochen hätte, dass ich Bundesligaschiedsrichter werde, hätte das für mich keinen Wert gehabt, wenn mir das Pfeifen an sich keinen Spaß gemacht hätte. Nur für das Etikett wird es nicht funktionieren, denn ich muss sagen können: Der Spaß am Pfeifen ist es mir wert, bei anderen Dingen zurückzustecken.
Warum wird im Schiedsrichterwesen nicht offensiver um Talente geworben?
Kinder und Jugendliche wollen in der Regel nicht Schiedsrichter werden, sondern träumen davon, Bundesligaspieler zu werden. Sie sehen die Spieler in der Halle oder im Fernsehen und wollen ihren Vorbildern nacheifern, weil die coole Tore und Tricks machen. Aber wer sagt denn schon: „Das war ein geiler Pfiff, ich will auch Schiedsrichter werden“?
Wahrscheinlich niemand …
Eben. Das größte Lob für einen Schiedsrichter ist es in der Regel, nicht aufzufallen. Wie sollen Kinder und Jugendliche also ihre Vorbilder an der Pfeife finden? Wir brauchen ein positiveres Image, damit mehr junge Menschen mit dem Pfeifen anfangen. Und wenn sie am Pfeifen Spaß haben, werden sie auch nicht das Gefühl haben, dass sie etwas aufgeben, wenn sie sich für die Schiedsrichter- statt für die Spielerkarriere entscheiden.
Lass uns abschließend noch einmal zur Ausgangsfrage zurückkommen, was Talent als Schiedsrichter ist. Was ist die Quintessenz des Gesprächs?
Es gibt Menschen, die ein Talent mitbringen, Schiedsrichter zu sein, aber es gibt drei Punkte, die entscheidend sind, um das Talent auch zu nutzen: Spaß am Pfeifen, die Unterstützung durch positive Bestärkung und Kontakte sowie den Willen und die Bereitschaft, in das Pfeifen zu investieren. Ohne diese drei Punkte kann man noch so viel Talent haben, aber man wird es nicht nach oben schaffen.