Diskussion um den Videobeweis
Spielsituation (Videosequenz)
Mannschaft WEISS befindet sich im Angriff. Spieler WEISS 4 spielt den Ball zu WEISS 71, der daraufhin zum Kreuzen einläuft. Gleichzeitig bewegt sich WEISS 21 in Richtung Mittelposition, um einen Positionswechsel vorzubereiten. Abwehrspieler GRÜN 14 antizipiert ein mögliches Anspiel von WEISS 71 auf WEISS 21 und springt in den vermuteten Passweg.
WEISS 71 entscheidet sich jedoch gegen diesen Pass und spielt stattdessen zum frei stehenden Rechtsaußen WEISS 23, der im Anschluss ein Tor erzielt. Noch bevor WEISS 71 den Pass zu WEISS 23 spielt, springt GRÜN 14 ins Leere und trifft dabei einen Gegenspieler am Kopf, der daraufhin verletzt liegen bleibt.
Nach dem Tor unterbrechen die Schiedsrichter das Spiel mit einem Time-out (Handzeichen 15) und gestatten anschließend zwei teilnahmeberechtigten Personen der Mannschaft WEISS, das Spielfeld zur Versorgung des verletzten Spielers zu betreten (Handzeichen 16).
Im Anschluss beraten sich die Schiedsrichter, sprechen mit dem Delegierten und beantragen die Nutzung des Videobeweises (Situation 8). Nach Sichtung der Bilder entscheiden sie auf eine Hinausstellung gegen GRÜN 14 sowie auf Freiwurf für die Mannschaft GRÜN. Das zuvor erzielte Tor wird aberkannt.
Nach einer längeren Diskussion wird das Spiel schließlich mit Freiwurf für GRÜN beim Spielstand von 27:29 fortgesetzt.
Regeltechnische Bewertung nach Videoauswertung
Regeltechnisch ist folgende Entscheidung zu treffen:
- Kein Tor
- Schrittfehler WEISS 71 (vierter Schritt setzt auf; erst danach erfolgt der Kopftreffer durch GRÜN 14)
- Freiwurf für Mannschaft GRÜN
- Hinausstellung gegen GRÜN 14
Fragestellungen zur Situation
- Ist es in dieser Situation möglich, den Videobeweis zu nutzen?
- Ist es möglich, dabei nicht nur den Kopftreffer und die damit verbundene Strafe zu prüfen, sondern auch die Aktion von WEISS 71 und den damit verbundenen (entdeckten) Schrittfehler?
Antwort zu Frage 1
Grundsätzlich gilt: Wenn die Schiedsrichter eine eigene Wahrnehmung zur Situation haben, aber ernsthafte Zweifel, ob eine 2-Minuten-Strafe oder eine Disqualifikation gemäß 8:5, 8:6, 8:9 oder 8:10 auszusprechen ist, kann dafür der Videobeweis beantragt und nach Freigabe durch den Delegierten genutzt werden.
Antwort zu Frage 2
Gemäß dem Reglement für den Videobeweis heißt es in den Anmerkungen im 2. Absatz:„Erkennen die Schiedsrichter bei Verwendung des Videobeweises, dass in einer anderen Situation eine falsche Entscheidung getroffen oder ein Foul nicht geahndet wurde, müssen sie diese Entscheidung auf Basis der durch den Videobeweis festgestellten Fakten korrigieren. Dies gilt nur für Situationen, die gleichzeitig mit der überprüften Situation oder unmittelbar zuvor stattgefunden haben.“
Fazit
Unter der Annahme, dass die Verwendung des Videobeweises korrekt war, sind die getroffenen Entscheidungen der Schiedsrichter auf Grundlage des Reglements für den Videobeweis sowie des aktuellen Regelwerks regeltechnisch korrekt.
Der Schrittfehler von WEISS 71 erfolgte vor dem Foul und ist daher vorrangig zu ahnden. Das anschließende Foul von GRÜN 14 wird unabhängig davon mit einer Hinausstellung bestraft.
Die korrekte Spielfortsetzung lautet somit:
- Freiwurf für GRÜN
- gleichzeitig Hinausstellung gegen GRÜN 14
- Aberkennung des Tores
Optimale Entscheidung ohne Videobeweis
Die beste Entscheidung im Spiel wäre gewesen:
- sofortiger Pfiff wegen Schrittfehler von WEISS 71
- anschließend Time-out
- Hinausstellung gegen GRÜN 14
- Spielfortsetzung mit Freiwurf für GRÜN
Diese Entscheidung hätte auch ohne Videobeweis getroffen werden müssen.
Einordnung der Strafe gegen GRÜN 14
Eine Disqualifikation nach Regel 8:5 liegt nicht vor.
Der Kontakt entsteht durch den unteren Oberarm im Rahmen einer Sprungbewegung ohne Schlagbewegung. Die Kriterien für eine Disqualifikation (z. B. besonders aggressive Aktion, Kontrollverlust oder rücksichtsloses Verhalten) sind nicht erfüllt.
Vielmehr liegt eine Gefährdung des Gegenspielers im Kopfbereich vor, die gemäß Regel 8:4c mit einer direkten Hinausstellung zu bestrafen ist.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.