Die letzten 30 Sekunden: eine besondere Herausforderung – nicht nur für die Schiedsrichter!

Bei dem Pfiff der Woche geht es um die letzten 30 Sekunden und die richtige, regelgerechte Umsetzung.

Was im Video geschieht

Spielzeit 59:47, nach dem letzten Team-Time-out von Mannschaft WEISS (Spielstand 34:32) geht es mit Freiwurf an der Freiwurflinie von Mannschaft BLAU weiter. WEISS spielt zu diesem Zeitpunkt mit 7 Feldspielern (das Tor ist leer). WEISS erzielt dann bei 59:50 ein Tor (34:33). Der Torwart BLAU 20 holt den Ball langsam aus dem Tor und wirft den Ball dann zu seinem Mitspieler BLAU 4, der sich in der Anwurfzone befindet. Die Schiedsrichter pfeifen den Anwurf an, BLAU 4, der mit dem Rücken zum gegnerischen Tor steht, spielt den Ball zu BLAU 64, der sofort in Richtung leeres Tor wirft. Kurz vor Ausführung des Anwurfs befinden sich von Mannschaft WEISS acht Spieler auf dem Spielfeld. Anschließend geht der Ball ins leeres Tor und der Torschiedsrichter hebt den Arm, dann ertönt das Schlusssignal. Anschließend gibt es einige Diskussionen und nach Beratung mit dem Delegierten den Videobeweis. Nach Ansicht des Videos entscheiden die Schiedsrichter auf Disqualifikation gegen WEISS 23 und Spielfortsetzung bei 59:57 mit 7-Meter-Wurf für Mannschaft BLAU. Der 7-Meter-Wurf wird erfolgreich genutzt und anschl. ist das Spiel beendet.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB

Bei spezifischem unsportlichem Verhalten oder spezifischem regelwidrigem Verhalten in den letzten 30 Sekunden sind zwei Situationen zu unterscheiden:

Der Ball ist nicht im Spiel (8:11a) oder der Ball ist im Spiel (8:11b).

Zunächst ein Blick auf die Regel (8:11a), wenn der Ball nicht im Spiel ist:

Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden nicht im Spiel ist und ein Spieler oder Offizieller die Wurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und damit der gegnerischen Mannschaft die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, ist der fehlbare Spieler / Offizielle zu disqualifizieren und der nicht fehlbaren Mannschaft ein 7-m-Wurf zuzusprechen. Dies gilt bei jeglicher Art der Wurfverhinderung (z. B. Vergehen mit begrenztem körperlichem Einsatz, Störung der Wurfausführung wie: Pass abfangen, stören der Ballannahme, Ball nicht freigeben).

Hier der Regeltext (8:11b), wenn der Ball im Spiel ist:

Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden im Spiel ist und der gegnerischen Mannschaft

(1) durch ein Vergehen eines Spielers gemäß den Regeln 8:5 bzw. 8:6 sowie 8:9, 8:10a bzw. 8:10b (II)

(2) durch ein Vergehen eines Offiziellen gemäß den Regeln 8:10a bzw. 8:10b (I)

die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, wird der fehlbare Spieler bzw. der fehlbare Offizielle gemäß den entsprechenden Regeln disqualifiziert und der gegnerischen Mannschaft wird ein 7-Meter-Wurf zugesprochen.

Erzielt der gefoulte Spieler oder ein Mitspieler noch vor der Spielunterbrechung ein Tor, entfällt der 7-Meter-Wurf.

Hinweis

Bei Verstößen gegen Regel 8:6 oder 8:10 haben die Schiedsrichter einen schriftlichen Bericht einzureichen.

Soweit der Regeltext zu den spezifischen Situationen in den letzten 30 Sekunden.

Nun zu den Ereignissen und den regeltechnischen Aspekten bzw. Entscheidungen bzw. möglichen Szenarien:

Zum Zeitpunkt der Ausführung des Anwurfs durch BLAU 4 befinden sich von Mannschaft WEISS acht Feldspieler bei leerem Tor auf dem Spielfeld. Spieler WEISS 23 betritt kurz vor Ausführung als 8. Feldspieler das Spielfeld. In diesem Beispiel handelt es sich also nicht um den klassischen Wechselfehler (Regel 4:4, 4:5). Spieler WEISS 23 ist durch das Betreten der Spielfläche ein zusätzlicher Spieler (Regel 4:6).

Zunächst ein Blick in Regel 4:6 Abs. 1:

Wenn ein zusätzlicher Spieler die Spielfläche ohne Auswechselung betritt, erhält dieser Spieler eine Hinausstellung. Die Mannschaft muss für die folgenden 2 Minuten um einen Spieler auf der Spielfläche reduziert werden (abgesehen davon, dass der zusätzliche Spieler die Spielfläche verlassen muss).

Das Spiel wird in beiden Fällen mit einem Freiwurf (13:1a- b) für die gegnerische Mannschaft fortgesetzt; siehe jedoch Erläuterung 7.

In Erläuterung 7 A heißt es, der Zeitnehmer (oder der Delegierte) muss das Spiel ohne Rücksicht auf die Vorteilsregel 13:2 und 14:2 umgehend unterbrechen. Wenn wegen einer solchen Unterbrechung aufgrund einer Regelwidrigkeit der abwehrenden Mannschaft eine klare Torgelegenheit vereitelt wird, muss gemäß Regel 14:1a auf 7-m-Wurf entschieden werden. In allen anderen Fällen wird das Spiel mit Freiwurf wieder aufgenommen.

Der fehlbare Spieler wird gemäß Regel 16:3a bestraft. Betritt jedoch ein zusätzlicher Spieler entsprechend Regel 4:6 während einer klaren Torgelegenheit die Spielfläche, ist der Spieler entsprechend Regel 16:6b in Verbindung mit Regel 8:10b zu bestrafen.

Da sich das Ereignis klar innerhalb der letzten 30 Sekunden ereignet (die letzten 30 Sekunden beginnen, wenn die Spieluhr 59 Minuten 30 Sekunden; bzw. 69:30, 79:30 bei Verlängerung anzeigt), gilt der Lex-specialis-Grundsatz, der besagt, dass eine spezielle Regel (lex specialis) den allgemeinen Regeln (lex generalis) vorgeht und damit Anwendungsvorrang hat, hier also Regel 8:11.

Gemäß dem Hinweis in Regel 8:11 haben die Schiedsrichter bei Verstößen gegen Regel 8:6 oder 8:10 einen schriftlichen Bericht einzureichen (Disqualifikation mit Bericht = Rote und blaue Karte).

Zwischenfazit

Wir befinden uns hier innerhalb der letzten 30 Sekunden (Regel 8:11) und WEISS 23 ist ein zusätzlicher Spieler gemäß Regel 4:6.

Wann muss der Zeitnehmer das Spiel eigentlich unterbrechen?

Bei Wechselfehlern oder regelwidriges Eintreten eines Spielers nach Regel 4:6 hat der Zeitnehmer (oder der Delegierte) sofort – ohne Berücksichtigung einer eventuell bestehenden Vorteilssituation – zu pfeifen und die Spielzeit anzuhalten.

Regelwidrigkeit, aber unterschiedlicher Zeitpunkt der Unterbrechung

Auch wenn der Zeitnehmer (oder der Delegierte) sofort pfeifen muss, kann es gelegentlich (aus den unterschiedlichsten Gründen) dauern, bis er tatsächlich das Spiel unterbricht.

Was wäre, wenn ...?

Ausgehend vom Betreten der Spielfläche durch WEISS 23 und dem Zeitpunkt der Unterbrechung durch den Zeitnehmer hätten sich auch folgende Szenarien (Strafe für WEISS 23 und Spielfortsetzung) ergeben können:

Punkt 1

Der Zeitnehmer (oder der Delegierte) pfeift nach dem Torerfolg Mannschaft WEISS und vor Ausführung des Anwurfs von Mannschaft BLAU. Ball nicht im Spiel, die letzten 30 Sekunden, Verhinderung der Ausführung des Anwurfs, Entscheidung gemäß Regel 8:11a: Strafe = Disqualifikation ohne Bericht für WEISS 23 und  Spielfortsetzung = 7-Meter-Wurf für Mannschaft BLAU.

Bild 1

Punkt 2

Der Zeitnehmer (oder Delegierte) pfeift, nachdem BLAU 4 den Anwurf regelgerecht ausgeführt hat und bevor BLAU 64 Ballbesitz hat, und die Möglichkeit besitzt auf das leere Tor zu werfen.

Ball im Spiel, letzten 30 Sekunden, keine klare Torgelegenheit, kein Vergehen eines Spielers gemäß Regel 8:10b (II), Entscheidung nur nach Regel 4:6:

  • Strafe = Hinausstellung für WEISS 23 (gemäß Regel nach 4:6) und 
  • Spielfortsetzung = Freiwurf BLAU in Höhe der Auswechsellinie von Mannschaft WEISS
Bild 2

Punkt 3

Der Zeitnehmer (oder Delegierte) pfeift, während BLAU 64 eine klare Torgelegenheit hat (bevor der Ball die Torlinie überschreitet. Ball im Spiel, letzten 30 Sekunden, Vergehen eines Spielers gemäß Regel 8:10b (II), Entscheidung nach Regel 8:11b:


  • Strafe = Disqualifikation mit Bericht für WEISS 23 und 

  • Spielfortsetzung = 7-Meter-Wurf für Mannschaft BLAU.

Hinweis: Auch während der normalen Spielzeit (nicht nur in den letzten 30 Sekunden) wäre bei dieser Konstellation die Strafe eine Disqualifikation mit Bericht für WEISS 23, aber dann nur nach Regel 8:10b (II)!

Bild 3

Fazit

Im Regelfall ist hinsichtlich Spielfortsetzung und Strafe der Zeitpunkt der begangenen Regelwidrigkeit relevant. Das aktuelle Beispiel ist insofern als Ausnahme dazu anzusehen, da hier nicht der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit, sondern der der Unterbrechung durch den Zeitnehmer entscheidend für die Spielfortsetzung und Strafe ist.

Für die letzten 30 Sekunden ist aber zunächst entscheidend, dass der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit wesentlich ist und nicht, wann das Spiel unterbrochen wurde.

Beispiel: Regelwidrigkeit bei 59:28, Spielunterbrechung bei 59:31. Regel 8:11a oder 8:11b können nicht angewendet werden.

Die vorgenannten möglich gewesenen Szenarien belegen aber auch, dass zum einem nicht der Zeitpunkt des Begehens der Regelwidrigkeit entscheidend für die Bestrafung und Spielfortsetzung ist, sondern der Zeitpunkt des Pfiffs, der Unterbrechung durch den Zeitnehmer (oder den Delegierten), und zum anderen, ob wir uns zum Zeitpunkt der Regelwidrigkeit in den letzten 30 Sekunden befinden und damit die lex specialis Vorrang vor den allgemeinen Regeln hat.

Ungeachtet ob dies eine Mannschaft absichtlich macht oder nicht, ändert es nichts an der Entscheidung und dem Strafmaß durch die Schiedsrichter.

Die Spielzeit orientiert sich immer am Pfiff von Zeitnehmer oder dem Delegierten und damit ist ab diesem Zeitpunkt das Spiel unterbrochen und die Spielzeit ist auch nicht korrigierbar auf den Zeitpunkt des Vergehens, auch wenn das Vergehen zeitlich vorher war. (Es wäre nur dann korrigierbar, wenn der Zeitnehmer die Uhr nicht sofort angehalten hätte).

Hinweis

Zur Klarstellung und Abgrenzung muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass in anderen Situationen der Zeitpunkt der Regelwidrigkeit und nicht der Zeitpunkt der Unterbrechung eine entscheidende Rolle spielt (Bsp. die letzten 30 Sekunden).

Bezüglich des Zeitpunkts der Unterbrechung durch den Zeitnehmer oder den Delegierten gilt gleiches übrigens für den Zeitpunkt der Hinausstellung. Der Beginn der Hinausstellung ist identisch mit dem Zeitpunkt der Unterbrechung und nicht mit dem Zeitpunkt des regelwidrigen Betretens.

Anmerkung zur Entscheidung der Schiedsrichter nach Videobeweis

Der Delegierte hatte zum Zeitpunkt kurz vor Ausführung des Anwurfes (gleichwohl aus dem vorliegenden Video der 1. Pfiff nicht wahrzunehmen ist) das Spiel bereits unterbrochen. Daher ist die Entscheidung der Schiedsrichter auf Disqualifikation ohne Bericht für Spieler WEISS 23 und die Spielfortsetzung 7-m-Wurf Mannschaft BLAU korrekt.

Für weitere Informationen verweisen wir auch auf den Artikel vom 02.05.2022 Wechselfehler und der Zeitpunkt der Unterbrechung.