Die letzten 30 Sekunden

Die letzten 30 Sekunden eines Spiels sind für Schiedsrichter besonders anspruchsvoll. Entscheidungen in dieser Phase können den Ausgang der Partie unmittelbar beeinflussen. Der heutige „Pfiff der Woche“ greift dieses Thema auf.


Was im Video geschieht

Die Schiedsrichter entscheiden auf Freiwurf für Mannschaft GELB an der Freiwurflinie von Mannschaft GRÜN. Das Spiel befindet sich in den letzten 30 Sekunden. Spieler GELB 27 möchte den Freiwurf schnell ausführen und läuft dazu in Richtung gegnerische Freiwurflinie, um den Ball zu Mitspieler GELB 11 zu passen. Abwehrspieler GRÜN 39 verhindert jedoch den Pass und damit die schnelle Ausführung. Der Ball fliegt ins Seitenaus, kurz darauf ertönt das Schlusssignal.


Regeltechnische Einordnung

Die IHF‑Guidelines definieren den Zeitraum wie folgt:

„Die letzten 30 Sekunden gibt es sowohl in der regulären Spielzeit (Ende der 2. Halbzeit) als auch in den jeweils zweiten Halbzeiten der beiden Verlängerungen. Die letzten 30 Sekunden beginnen, wenn die Spieluhr 59:30 […] anzeigt.“

Das Vergehen erfolgt eindeutig innerhalb dieses Zeitraums.

Da der Ball nach der Freiwurf-Entscheidung nicht im Spiel ist, ist Regel 8:11 a maßgeblich:

„Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden nicht im Spiel ist und ein Spieler oder Offizieller die Wurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und damit der gegnerischen Mannschaft die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, ist der fehlbare Spieler/Offizielle zu disqualifizieren und der nicht fehlbaren Mannschaft ein 7‑Meter-Wurf zuzusprechen. Dies gilt bei jeglicher Art der Wurfverhinderung (z. B. Vergehen mit begrenztem körperlichem Einsatz, Störung der Wurfausführung wie: Pass abfangen, Stören der Ballannahme, Ball nicht freigeben).“

In dieser Szene hindert GRÜN 39 die schnelle Ausführung, indem er den zum Ausführungsort geworfenen Ball wegschlägt. Die Argumentation des Trainers von GRÜN, einige Spieler der Mannschaft GELB hätten sich noch nicht korrekt positioniert, ist regeltechnisch irrelevant. Die Kriterien nach Regel 8:11 a sind erfüllt.

Die Schiedsrichter entscheiden korrekt.


Fazit

Die Szene zeigt exemplarisch, warum die Schlussphase eines Spiels erhöhte Anforderungen an Schiedsrichter stellt.

  1. Hohe Entscheidungsrelevanz: Fehler in dieser Phase können den Spielausgang direkt beeinflussen. Präzises und sicheres Entscheiden ist unerlässlich.
  2. Komplexe und spezielle Regeln: Neben den allgemeinen Regeln gelten Zusatzbestimmungen ausschließlich für die letzten 30 Sekunden. Sie sind weniger präsent, weil sie selten angewendet werden.
  3. Mangel an Routine: Da viele Spiele in dieser Phase ohne kritische Situationen auslaufen, fehlt häufig die praktische Erfahrung im Umgang mit genau solchen Szenen.

Zusammengefasst

Regelkenntnis genügt nicht. Entscheidend ist, dass sie regelmäßig aufgefrischt wird, um unter Druck sofort abrufbar zu sein.

Eine ähnliche Situation wurde im Beitrag: Die letzten 30 Sekunden – immer wieder eine Herausforderung auf dem DHB‑Schiedsrichterportal (11.12.2023) behandelt.