Foto: IMAGO/Christian Schroedter

Schiedsrichter inside: Ein Coaching an der Seite von Thorsten Zacharias

Genauso wie für Mannschaften geht es auch für Schiedsrichter:innen um Auf- und Abstieg – im Elitekader ebenso wie in den Landesverbänden. Entscheidend für die Rangliste im jeweiligen Kader sind vor allem die neutralen Coachings. Wie läuft so ein Coaching für ein Elitekader-Team ab – und was kann sich die Basis von der Spitze abschauen? Ein Einsatz an der Seite von Thorsten Zacharias, dem Beauftragten für das Schiedsrichter-Coaching im Deutschen Handballbund.

Als die Emotionen in der Magdeburger GETEC-Arena an diesem Sonntag Anfang Mai das erste Mal hochkochen, ist noch keine Viertelstunde gespielt. Die Zuschauerränge sind bei diesem Spitzenspiel nahezu voll besetzt, die Atmosphäre ist des Spitzenspiels würdig. Der heimische SC Magdeburg, Tabellenführer der LIQUI MOLY HBL, empfängt seinen direkten Verfolger, die Füchse Berlin. Mit einem Sieg würde das Team von Bennet Wiegert einen wichtigen Schritt zur Deutschen Meisterschaft machen; zudem ist das Ost-Derby ohnehin immer emotional aufgeladen. 

Entsprechend groß ist der Druck, der auf Ramesh und Suresh Thiyagarajah lastet. Als die beiden Unparteiischen aus dem Elitekader des Deutschen Handballbunds in dieser Anfangsphase eine Zeitstrafe gegen die Hausherren aussprechen und einen Siebenmeter für die Füchse Berlin geben, gibt es ein gellendes Pfeifkonzert; die Luft brennt. „Um eine solch vermeintlich unpopuläre Entscheidung zu treffen“, sagt Coaching-Chef Thorsten Zacharias auf der Tribüne, „musst du mental stark sein“.

Zacharias weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, in einem solchen Hexenkessel auf dem Feld zu stehen. Gemeinsam mit Matthias Dang leitete der ehemalige Spitzenschiedsrichter fast 500 Spiele für den Deutschen Handballbund. Seit 2011 kümmert er sich um das Coaching im Schiedsrichterwesen des Dachverbands. Die Entwicklung der Thiyagarajah-Brüder hat er daher seit deren Aufstieg aus dem Landesverband begleitet und mitgestaltet. „So ein Spiel wie heute“, hat er vor dem Anpfiff gesagt, „ist das Ende der Ausbildung – so ein Spiel ist die Meisterprüfung.“

Doch egal, ob Zacharias nun die Thiyagarajahs bei einem Spitzenspiel der LIQUI MOLY HBL oder ein junges Nachwuchsgespann coacht: An einem eisernen Grundsatz hält er fest. „Als Coach sollst du nicht in den Krümeln suchen“, betont er. „Es geht darum, praxisorientiert zu coachen und die relevanten Szenen zu besprechen.“ Im Coaching diskutieren, ob ein Spieler dreieinhalb Schritte gemacht hat, ist für ihn ein No-Go: „Dadurch wird kein Schiedsrichter besser, weil so etwas keinen Mehrwert bietet.“ 

"Eine reine Fehleraufzählung ist nicht zielführend."

 

Denn der Kern eines jeden Coachings ist aus Sicht von Zacharias nicht die reine Bewertung, sondern die Weiterentwicklung der Schiedsrichter. „Natürlich ist für die Jungs und Mädels auch die Punktzahl am Ende wichtig, aber inhaltlich muss man gemeinsam erarbeiten, was die Schiedsrichter zukünftig besser machen können“, erläutert der 56-Jährige. „Eine reine Fehleraufzählung ist nicht zielführend. Es ist unser Job als Coach, den Schiedsrichter Lösungen mitzugeben.“ 

Es ist eine Denkweise, die er auch für die Landesverbände für sinnvoll hält. „Ich kann nur dringend empfehlen, ein Spiel nicht von der 1. bis zur 60. Minute bis in die kleinste Situation zu sezieren, das bringt nichts“, unterstreicht er. „Ich versuche in der Regel, mich in der Besprechung auf die relevanten Szenen zu beschränken, die das Spiel positiv oder negativ beeinflusst haben – und die Schiedsrichter entsprechend zu bestärken oder ihnen Lösungen anzubieten.“

Auch bei seinem Einsatz in Magdeburg folgt Zacharias der selbst aufgestellten Richtlinie – auch wenn er sich während des Spiels deutlich mehr Szenen notiert. Ob eine Gelbe Karte in der 3. Spielminute, ein Klammern gegen Füchse-Spielmacher Jacob Holm oder ein gelungener Vorteil: In Stichworten hält der Coach das Geschehen fest, um den Überblick zu behalten. Die Brisanz des Spiels hat er dabei jedoch immer im Hinterkopf. „Es geht heute wirklich nur um die spielentscheidenden Dinge, die ‚Big Potatoes‘, im positiven wie negativen Sinne“, hat Zacharias vorher gesagt. „Es gehört zu der Vorbereitung eines Coaches, sich über die Bedeutung des Spiels bewusst zu sein und es einordnen zu können.“

Entsprechend aufmerksam (und angespannt) beobachtet er gerade die Anfangsphase. „In den ersten zehn Minuten wird die Linie vorgegeben – und die muss stimmen“, erklärt er. „In dieser Phase setzen sie die Leitplanken und geben damit den Rahmen vor, in dem sie das Spiel haben wollen.“ Dieses Abtasten, wie Zacharias es nennt, dauert heute jedoch ein wenig länger – etwas, das er auch im anschließenden Coachinggespräch thematisieren wird. „Jetzt müssen sie aufpassen, dass ihnen auf der anderen Seite nicht das kleinste Bisschen durchrutscht“, murmelt er nach der bereits erwähnten unpopulären Entscheidung aus Zeitstrafe plus Siebenmeter gegen den SC Magdeburg. 

Als das Pfeifkonzert anhält, nickt Zacharias – diese hitzige Atmosphäre war zu erwarten. „Solche Spiele werden durch die Persönlichkeit gepfiffen“, kommentiert er. „Ohne Persönlichkeit brichst du zusammen.“ Die Thiyagarajahs lassen sich den Druck des Publikums nicht anmerken, sie greifen durch. „Ihr wart etwas zu bemüht, zu zeigen, dass ihr keine Heimschiedsrichter seid“, wird Zacharias zu dieser Phase im Coaching-Gespräch anmerken. Wenig später geben die Thiyagarajahs einen Siebenmeter für den SC Magdeburg. Zacharias ist zufrieden: „Das war eine Fifty-Fifty-Entscheidung, und für das Gamemanagement und die Balance war es sehr gut gelöst.“

Ihre Persönlichkeit und das Gamemanagement werden für die beiden Brüder zu Schlüsselfaktoren in diesem Spiel. „Sie werden Fehler machen, aber es ist wichtig, dass die imaginäre Waage stimmt“, merkt Zacharias an. „Fifty-Fifty-Entscheidungen müssen so gelöst werden, dass sich beide Seiten gut behandelt fühlen.“ Das funktioniert; an diesem Tag überzeugen die Thiyagarajahs nicht nur Zacharias. Auch von den Olympia-Schiedsrichtern Robert Schulze und Tobias Tönnies, die das Spitzenspiel in ihrer Heimatstadt von der Tribüne verfolgen, gibt es nach dem Abpfiff lobende Worte in der Kabine. 

„Es ist enorm wichtig, dass der Persönlichkeitsentwicklung möglichst früh der richtige Rahmen gegeben wird.“ 

 

Während in den Coachings in den Landesverbänden der Schwerpunkt oft auf der Regeltechnik liegt, richten Zacharias und seine Coaches den Fokus auf den so genannten B-Bereich. „Das ist spätestens ab der 3. Liga der wichtigste Part“, unterstreicht Zacharias. „Das regeltechnische Rüstzeug setzen wir voraus.“ Für viele junge Schiedsrichter, die in den DHB aufsteigen, ist diese Umstellung sehr wichtig, um in herausfordernden Spielen bestehen zu können. Dass auch in den Landesverbänden bereits mehr Wert auf die Softskills und weichen Faktoren gelegt würde, wäre ein Wunsch von Zacharias: „Es ist enorm wichtig, dass der Persönlichkeitsentwicklung möglichst früh der richtige Rahmen gegeben wird.“ 

Auch die Thiyagarajahs haben es Faktoren wie ihrer Ausstrahlung, ihrer Kommunikation und ihrem Auftreten zu verdanken, dass sie bei diesem Spitzenspiel in Magdeburg auf dem Feld stehen dürfen – sie haben sich hochgearbeitet und dafür „viel investiert“, wie Zacharias es formuliert. So ein Spiel ist eine Bestätigung für jeden Schiedsrichter – zumindest davor und danach. Während der 60 Minuten ist es vor allem eine Herausforderung und Schwerstarbeit – und auch in der GETEC-Arena läuft im ersten Durchgang natürlich nicht alles glatt. Während der Feldschiedsrichter einmal Freiwurf anzeigt, gibt der Torschiedsrichter Siebenmeter. „Das war schlecht gelöst“, ärgert sich Zacharias. 

Kurz darauf notiert er sich erneut einen Fehler in der Zusammenarbeit: Die Thiyagarajahs geben einen Freiwurf gegen Magdeburg, aber verhängen zusätzlich eine Zeitstrafe für Berlin – jeder der Brüder zeigt eine der Entscheidungen an. Regeltechnisch richtig, war die Außenwirkung verheerend – es wird eine der Handvoll Szenen sein, die im Coachinggespräch intensiv besprochen wird. „So, wie ihr das gepfiffen habt, sah es für alle in der Halle nach einer gegensätzlichen Entscheidung aus“, wird Zacharias später sagen. „Es hat sich jeder gefragt, was das gerade war.“ Zu dritt erarbeiten sie Möglichkeiten, wie sich solche Situationen in Zukunft besser lösen lassen. 

„Auch an der Basis müssen Coaches sitzen, die das Spiel verstanden haben und aus der eigenen Erfahrung eine lösungsorientierte Hilfestellung geben können.“

 

Um den Thiyagarajahs ebenso wie allen anderen Unparteiischen aus den deutschen Top-Kadern die Hilfestellung geben zu können sich weiterzuentwickeln, ist die eigene Erfahrung auf diesem Niveau für Zacharias unerlässlich. Die 21 Coaches, die in dieser Saison in der 1. und 2. Bundesliga zum Einsatz kommen, haben früher alle selbst auf diesem Niveau gepfiffen; es ist die Bedingung für diesen Job. „Von diesem Erfahrungsschatz profitieren unsere Unparteiischen enorm“, ist Zacharias überzeugt. „Die Schiedsrichter berichten immer wieder von Aha-Effekten in Coachings, weil sie einen Tipp bekommen, den sie noch nicht gehört haben – das geht nur, wenn sich die Coaches in die Schiedsrichter hineinversetzen können, weil sie früher selbst erlebt haben, welche Tipps sie weitergebracht haben. Auf diese Erfahrung bauen wir.“ 

Auch für die Coaches an der Basis hält Zacharias eigene Erfahrung für unabdingbar. „Wenn ein Oberliga-Schiedsrichter in einem Lokalderby von einem Coach beobachtet wird, der selbst nur einige Spiele im Jugendhandball gepfiffen hat, bringt ihn das im Normalfall nicht weiter“, sagt der Coaching-Chef. „Auch an der Basis müssen Coaches sitzen, die das Spiel verstanden haben und aus der eigenen Erfahrung eine lösungsorientierte Hilfestellung geben können.“ 

Dennoch weiß auch der 56-Jährige, dass nicht jeder gute Schiedsrichter ein guter Coach wäre – und dass oft die Manpower und der finanzielle Spielraum für ein intensiveres Coachingwesen im Amateurhandball fehlen. „Gerade, wenn es um die ersten Spiele von jungen Schiedsrichtern geht, kann auch ein erfahrener Trainer oder Spieler als Schiedsrichter-Coach fungieren“, glaubt er. „Das Wissen kann man sich aneignen. Ein Feedback von einem neutralen Beobachter und die moralische Unterstützung können Anfängern bereits enorm helfen, um nicht allein gelassen zu werden.“ Je höher es jedoch gehe, umso wichtiger sei es, „dass die Coaches mit dem Niveau mithalten können“, wie es Zacharias ausdrückt. 

„Nein, das hätte man nicht viel besser machen können.“

 

Zurück nach Magdeburg: In den verbleibenden 40 Minuten der Partie müssen die Thiyagarajahs mehr als eine knifflige Situation meistern, das Spiel ist bis zur letzten Sekunde eng, die Stimmung hitzig. Am Ende jubeln die Magdeburger gemeinsam mit ihren Fans über einen Ein-Tore-Sieg, während die beiden Brüder in der Kabine verschwinden – Meisterprüfung bestanden. 

Eine Punktzahl erhalten sie allerdings noch nicht sofort: Seit dieser Saison setzt man im Coaching auf ein hybrides Modell. Die Coaches verfolgen das Spiel live in der Halle und führen anschließend ein erstes Gespräch, danach analysieren sie das Spiel noch einmal im Video. Die Abschlussbesprechung sowie die Punktevergabe erfolgt dann wenige Tage nach dem Spiel über einen Videocall. Trotz der Intensität des Spiels erwartet Zacharias durch die Analyse vor dem Bildschirm keine großen Überraschungen; die Punktzahl hat er bereits ungefähr im Kopf. 

Ob Coaching-Chef Zacharias, die Olympia-Schiedsrichter Schulze/Tönnies oder den Delegierten Marcus Helbig – an diesem Nachmittag überzeugten die Thiyagarajahs die Experten. Hätte man dieses Spiel besser pfeifen können? Vor der GETEC-Arena muss Zacharias an diesem Mainachmittag nicht lange überlegen: „Wenn man in den Krümeln sucht, dann findet man auch hier bestimmt etwas – aber jetzt, direkt nach dem Spiel, muss ich sagen: Nein, das hätte man nicht viel besser machen können.“