Schiedsrichter beim Fitnesstest 2020 in Hennef (Foto: Nastasja Kleinjung)

Diagnostik von Schiedsrichterentscheidungen im Handball unter Belastung

„Konzentration durch Kondition ist ausschlaggebend für die letzten Minuten. Wenn du körperlich in einem optimalen Zustand bist, triffst du auch am Ende eines Spiels klare Entscheidungen, weil du dann auch mental frisch bist […].“

(Zitat von Robert Schulze, Handball WM-Schiedsrichter 2019, FAZ, 14.01.2019)

Ausgangspunkt des Projekts

Unter Schiedsrichtern* (SR) gibt es die weit verbreitete Annahme, dass am Ende eines Spiels häufiger als in anderen Spielphasen gepfiffen wird. Insgesamt leiten SR pro Saison in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga etwa 300 und in der Handball-Bundesliga Frauen etwa 200 Spiele. In den Spielen der LIQUI MOLY Liga sind etwa 7.000 relevante Pfiffe (7-Meter-Würfe, technische Fouls, 2-Minuten-Hinausstellungen, Gelbe oder Rote Karten) zu verzeichnen, d. h. im Durchschnitt 23 Pfiffe pro Spiel. Sieht man nicht nur Pfiffe, sondern auch ausbleibende Pfiffe als eine bewusste Entscheidung an, treffen SR weitaus mehr als 23 Entscheidungen pro Spiel. Entgegen der weit verbreiteten Annahme sind die meisten Pfiffe jedoch zu Beginn eines Spiels zu verzeichnen, wohingegen SR am Ende eines Spiels mit großer Tordifferenz (≥ 3 Tore) im Durchschnitt drei Mal und in engen Spielen (≤ 2 Tore Differenz) vier Mal pfeifen. Sollte einer dieser wenigen Pfiffe in den letzten zehn Minuten falsch sein, wird eine Mannschaft benachteiligt, da der Ausgang des Spiels auch durch die SR und nicht nur durch die Leistung eines Teams beeinflusst wird. Daher sollten SR zu jedem Zeitpunkt im Spiel und insbesondere am Ende eines „heiß umkämpften" und laufintensiven Spiels in der Lage sein, korrekte Entscheidungen zu treffen, d. h., korrekt zu pfeifen oder eben nicht zu pfeifen.

Im Kooperationsprojekt „Diagnostik von Schiedsrichterentscheidungen im Handball unter Belastung“ der Universität Oldenburg und dem Deutschen Handballbund e. V. (DHB) wurde untersucht, ob sich körperliche und psychische Belastungen, wie sie in einem Spiel immer wieder auftreten können, auf die Entscheidungen von SR negativ auswirken. Zunächst wurde in zwei Studien die Auswirkung körperlicher Belastung auf SR-Entscheidungen untersucht. Im Anschluss wurde in einer dritten Studie der Einfluss von körperlicher und psychischer Belastung auf SR-Entscheidungen überprüft. Aufgrund der COVID-19-Pandemie konnte eine vorgesehene vierte Studie nicht durchgeführt werden. Die Erkenntnisse des Projekts werden im Folgenden kompakt beschrieben. Eine detaillierte Studienbeschreibung findet sich hier.

*Die im Beitrag gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche und männliche Personen. 

Entscheidungen von Handballschiedsrichtern

Zum Verständnis der Untersuchungsergebnisse erscheint es zunächst hilfreich, noch einmal darzulegen, wie sich Entscheidungen von Handball-SR zusammensetzen. Folgt man dem zeitlichen Ablauf von SR-Entscheidungen und dem internationalen Regelwerk im Handball (IHF, 2016), können die Entscheidungen von Handball-SR in globale (Pfiff oder kein Pfiff) und spezifische Entscheidungen (Zuordnung des Pfiffs zu einem Regelverstoß, Auswahl des Strafmaßes) unterschieden werden (siehe Abbildung 1). Eine solche Differenzierung bestätigten auch die teilnehmenden SR in Gesprächen während des Projekts.

Abbildung 1: Abfolge einer Schiedsrichter-Entscheidung

Schiedsrichter-Entscheidungen unter körperlicher und psychischer Belastung

Wie eingangs beschrieben, nimmt die Anzahl der Pfiffe mit zunehmender Spieldauer und besonders am Ende eines Spiels ab, jedoch nimmt die körperliche Beanspruchung im Laufe eines Spiels zu. Daher ist es für SR umso bedeutsamer, im gesamtem Spiel und v. a. am Ende eines Spiels, wenn die körperliche Beanspruchung am höchsten ist, korrekte globale und spezifische Entscheidungen insbesondere bei engen Spielen treffen zu können. Daher bedarf es u. a. einer guten Ausdauerleistungsfähigkeit, um eine optimierte Position auf dem Spielfeld einnehmen zu können, von der aus entscheidungsrelevante Informationen adäquat erfasst werden können. Obwohl bislang keine Studie zum Einfluss körperlicher Belastung auf Entscheidungen von Handballschiedsrichtern bekannt ist, kann auf Basis aktueller Untersuchungen, in denen SR-Entscheidungen unter körperlicher Belastung in anderen Sportspielen untersucht wurden, vermutet werden, dass eine körperliche Belastung SR-Entscheidungen auch im Handball negativ beeinflusst (Bloß, Schorer, Loffing & Büsch, 2020).

Um korrekte Entscheidungen treffen zu können, müssen SR neben den körperlichen jedoch auch psychische Belastungen bewältigen. Eine wesentliche psychische Belastung im Spiel ist das Grübeln über eine (Fehl-)Entscheidung, welche beispielsweise durch Zurufe von Spielern, Zuschauern oder durch den SR-Kollegen initiiert wird. Infolge zunehmender Unsicherheit bei Entscheidungen können SR in eine gedankliche Negativspirale geraten: Sie fangen an zu grübeln, ihre Konzentration/Aufmerksamkeit lässt nach und sie treffen in der Folge mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Fehlentscheidungen. Dabei wird vermutet, dass stark grübelnde SR, nachdem sie eine oder mehrere Fehlentscheidungen getroffen haben, im weiteren Spielverlauf mehr falsche Entscheidungen als schwach grübelnde SR treffen (Bloß, Loffing, Schorer & Büsch, in Vorbereitung).

Ergebnisse und Empfehlungen für die Sportpraxis

Die Ergebnisse aus Studie 1 zeigen, dass SR im Laufe einer Testung zunächst von der körperlichen Belastung profitieren und mehr korrekte globale Entscheidungen als unter anfänglicher körperlicher Belastung treffen. Die Anzahl korrekter globaler Entscheidungen sinkt jedoch unter maximaler körperlicher Belastung. Weiterhin zeigt sich im Testverlauf ein Abfall korrekter spezifischer Entscheidungen im Vergleich zur anfänglichen körperlichen Belastung. Das Niveau korrekter spezifischer Entscheidungen bleibt auch unter maximaler körperlicher Belastung auf dem verringerten Niveau. In Studie 2 treffen die SR im Vergleich zu Studie 1 mit einer deutlich verbesserten Ausdauerleistungsfähigkeit (Laufzeit: 14:00 Minuten in Studie 1 vs. 11:10 Minuten in Studie 2) globale Entscheidungen auf einem höheren und konstanten Niveau. Zudem treffen sie unter zunehmender körperlicher Belastung mehr korrekte spezifische Entscheidungen (Bloß, Schorer, Loffing & Büsch, in Begutachtung).

Studie 3 zeigt keinen Unterschied zwischen schwach und stark grübelnden SR. Ein möglicher Grund könnte die Expertise der SR sein. SR, deren Leistungen von äußeren Faktoren beeinflusst werden, könnten bereits vor der Nominierung für einen Spitzenkader aufgrund unzureichender Leistungen ausgeschlossen werden – ohne, dass der leistungsmindernde Faktor bekannt ist (z. B. exzessives Grübeln). Allerdings sollte bei der Interpretation der Studienergebnisse beachtet werden, dass die psychische Belastung in den Studien simuliert wurde, sodass unter realitätsnäheren Bedingungen der Unterschied zwischen schwach und stark grübelnden SR durchaus auftreten könnte. Grübeln als psychologischer Einflussfaktor von SR-Entscheidungen sollte daher, neben anderen psychischen Belastungen, weiterhin in SR-Studien beobachtet werden (Bloß et al., in Vorbereitung).

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der Studien außerdem, dass SR spezifische Entscheidungen auf einem niedrigeren Niveau als globale Entscheidungen treffen, d. h., dass SR zwar überwiegend korrekt pfeifen oder nicht pfeifen, aber beim zugeordneten Regelverstoß und dem ausgewählten Strafmaß mehr Fehlentscheidungen treffen. Im Rahmen der abschließenden Präsentationen der Projektergebnisse bei den Saisonvorbereitungslehrgängen (Saison 2021/2022) wurde in den Diskussionen mit den beteiligten SR u. a. die Idee entwickelt, z. B. während oder im Anschluss an ein Ausdauertraining einen Videotest auf einem Tablet über die Plattform Sportlounge zu absolvieren und über die Erfahrungen bei einem der nächsten Lehrgänge zu berichten (und/oder den Erfahrungsbericht an diese E-Mail-Adresse senden).

Damit Schiedsrichter die körperlichen Anforderungen realer Spiele bewältigen und am Ende eines Spiels sowie in hoch-intensiven Spielen korrekte Entscheidungen treffen können, wird als erste vorläufige Zielgröße für die Ausdauerleistungsfähigkeit die Stufe 17.4 im Yo-Yo Intermittent Recovery Test Level 1 empfohlen (Yo-Yo-Test, YYT, 12:58 Minuten, 1.560 m, 16 km/h, VO2max ~49.5 ml/kg/min; siehe News vom 15.10.2020). Das entspricht der Stufe 9 im Shuttle-Run-Test, jedoch bildet der YYT durch den Wechsel zwischen Regenerations- und Belastungsphasen die körperlichen Anforderungen von SR realitätsnäher ab und ist daher als Ausdauertest zu bevorzugen.