Beispiel 1
Der Sonderstatus des Torwarts
Umgekehrt gilt dieser Schutzgedanke ebenso für den Torwart. Zwar unterliegt er im Torraum nicht den technischen Beschränkungen eines Feldspielers und darf sich dort frei bewegen, dennoch darf auch er keine Gegenspieler gefährden. Insbesondere bei Abwehraktionen gegen in den Torraum springende Angreifer ist besondere Vorsicht geboten.
Was in Video 1 geschieht
Mannschaft SCHWARZ greift im 7 gegen 6 an. Der Rechtsaußen (RA) von SCHWARZ erhält den Ball und kann ungehindert in den Torraum springen. Der Torwart von ROT erkennt die Situation, läuft dem Angreifer weit entgegen und springt anschließend aktiv nach vorne in dessen Laufrichtung. Der RA versucht einen Heber über den Torwart. Der Torwart kann den Ball zwar in der Luft abwehren, trifft anschließend jedoch den Angreifer, der dadurch zu Boden fällt.
Regeltechnische Bewertung
Diese Aktion ist nicht als regelgerechte Abwehrhandlung zu bewerten. Der Torwart verlässt seine Position aktiv und springt dem sich bereits im Torraumsprung befindenden Angreifer entgegen. Dadurch entsteht eine erhebliche Gesundheitsgefährdung für den Angreifer, der sich in der Luft befindet und auf die Kollision nicht mehr reagieren oder sich schützen kann.
Entscheidend ist nicht, dass der Torwart zunächst den Ball spielt, sondern dass er durch sein Verhalten eine gefährliche Kollision verursacht. Der Angreifer ist in dieser Situation besonders schutzbedürftig, da er sich im Sprung befindet und keine Ausweichmöglichkeit hat.
Nach den Kriterien der Regeln 8:5 b und c liegt eine gesundheitsgefährdende Regelwidrigkeit vor. Die korrekte persönliche Strafe ist daher:
Disqualifikation gegen den Torwart nach Regel 8:5 b.
Ein weiteres Beispiel
Was in Video 2 geschieht
Bei einem erweiterten Gegenstoß der Mannschaft GRÜN kommt es zu einer freien Wurfmöglichkeit. Der Torwart der Mannschaft BLAU kommt dem Werfer weit entgegen. Nachdem der Ball die Hand des Werfers bereits verlassen hat, führt der Torwart mit seinem rechten Arm eine Schlagbewegung aus und trifft den Werfer im Kopf- und Halsbereich. Der Werfer bleibt verletzt am Boden liegen. Der Versuch, einen Torwurf zu verhindern, rechtfertigt keine gefährdenden oder rücksichtslosen Abwehraktionen.
Regeltechnische Bewertung
Der Kontakt gegen Kopf und Hals erfüllt in Verbindung mit der Intensität der Aktion die Kriterien der Regel 8:6 a.
Die korrekte Entscheidung lautet daher:
Disqualifikation mit schriftlichem Bericht gegen den Torwart nach Regel 8:6 a.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.