Quelle: DHB

"Der Schiedsrichter ist Luft."

Diesen Spruch kennt eigentlich fast jeder Schiedsrichter. Was „Luft“ in diesem Sinne bedeutet bzw. welche Auswirkungen „Luft“ haben kann, zeigt das heutige Videobeispiel.

Was im Video geschieht

Mannschaft BLAU ist im Angriff und verliert den Ball beim Anspiel an den Kreis. Außen-Rechts GELB kommt in Ballbesitz und leitet den Gegenstoß ein, während Linksaußen GELB entlang der Seitenlinie nach vorne läuft – ab der Mitte parallel zum zurücklaufenden Feldschiedsrichter. Über GELB 35 gelangt der Ball zu dem mitlaufenden Mitspieler, der im Anschluss einen langen Bogenpass auf den konterlaufenden Linksaußen GELB spielt. Dieser fängt den Ball, setzt zum Torwurf an und es kommt zu einem Zusammenstoß mit dem Schiedsrichter, da sich die beiden Laufwege kreuzen. LA GELB versucht noch, einen Dreher anzusetzen, ist aber aufgrund des Zusammenpralls nicht erfolgreich und kommt zu Fall. Der Ball bleibt unmittelbar vor den Füßen des Torhüters liegen. Der Schiedsrichter entscheidet direkt auf 7-Meter-Wurf für Mannschaft GELB und Time-out.

Wie hätten Sie entschieden?

Lassen Sie uns zunächst den oben genannten Spruch regeltechnisch abklopfen: Steht es im Regelheft, dass der Schiedsrichter Luft ist? Im Regelheft ist dies so explizit nicht zu finden.

Wo kommt der Spruch her?

Zunächst müssen wir in Regel 7 schauen. In Regel 7:9 heißt es:
Berührt der Ball einen Schiedsrichter auf der Spielfläche, wird weitergespielt. 

Beispiele Situationen zu Regel 7:9 (wie immer aus den Regelfragen)

Frage 7.12

Nach einem Wurf von WEISS 4 prallt der Ball vom Pfosten ab, trifft den neben dem Tor im Torraum stehenden Schiedsrichter und überquert deshalb nicht die Torauslinie, sondern die Seitenlinie. Wie ist zu entscheiden?

Richtige Antwort: Einwurf für Team SCHWARZ

Frage 7.13

WEISS 5 führt einen Einwurf aus, der Ball trifft den Schiedsrichter im Spielfeld und gelangt ins Tor. Wie ist zu entscheiden?

Richtige Antwort: Tor

Frage 15.8

WEISS 7 trifft mit einem Einwurf den Schiedsrichter, nimmt den Ball wieder auf und wirft ihn ins Tor von Team SCHWARZ. Wie ist zu entscheiden?

Richtige Antwort: Freiwurf für Team SCHWARZ

Frage 15.16

Der Torwart von Team SCHWARZ führt einen Abwurf aus. Der Ball trifft den Schiedsrichter und prallt zurück zum Torwart von Team SCHWARZ, der in der Zwischenzeit den Torraum verlassen hat. Wie ist zu entscheiden?

Richtige Antwort: Freiwurf für Team WEISS

(Auf die Frage, warum die entsprechende Lösung so ist, wird selten Regel 7:9, sondern der zu Beginn erwähnte Spruch angeführt.)

Hilft der Spruch bei der Entscheidungsfindung in dieser Situation konkret weiter?

Nein. Denn der Schiedsrichter berührt den Ball nicht oder lenkt ihn ab, sondern durch Kreuzen der Laufwege kommt es zum Zusammenprall.

Wenn also Regel 7:9 hier zunächst nicht weiterhilft, dann schauen wir mal in Regel 14, denn der Schiedsrichter hat ja auf 7-Meter-Wurf für Mannschaft GELB entschieden.

Wann wird auf 7-Meter-Wurf entschieden?

Gemäß Regel 14:1 wird auf 7-Meter-Wurf entschieden bei:

a) regelwidrigem Vereiteln einer klaren Torgelegenheit auf der gesamten Spielfläche durch einen Spieler oder Mannschaftsoffiziellen der gegnerischen Mannschaft;
b) unberechtigtem Pfiff während einer klaren Torgelegenheit;
c) Vereiteln einer klaren Torgelegenheit durch das Eingreifen einer nicht am Spiel beteiligten Person, z. B. durch das Betreten der Spielfläche durch einen Zuschauer oder einen Pfiff aus dem Zuschauerbereich, der den Spieler stoppt (Ausnahme: siehe Kommentar zu Regel 9:1).
d) Vergehen gemäß Regel 8:10c oder 8:10d (siehe jedoch 8:10 letzter Abschnitt).

Bei „höherer Gewalt“ wie Stromausfall ist diese Regel analog anzuwenden, wenn das Spiel im Moment einer klaren Torgelegenheit unterbrochen wird.

Kritische Überprüfung der vorgenannten Regel 14:1 in Bezug auf eine Entscheidungsgrundlage des Schiedsrichters 

Bezogen auf die Situation im Video können Regeln 14:1a, b und d zur Rechtfertigung der Spielfortsetzung ausgeschlossen werden. Kein Spieler oder Mannschaftsoffizieller hat die Torgelegenheit vereitelt (a), es gab keinen unberechtigten Pfiff (b) und es war auch kein Vergehen nach Regel 8:10c oder 8:10d (d) – bleibt noch Regel 14:1c. 

Einen Pfiff aus dem Zuschauerbereich, der den Spieler gestoppt hat, hat es auch nicht gegeben. Es war auch kein Zuschauer oder der „Wischer“, der die klare Torgelegenheit vereitelt hat. Bleibt also noch die Frage, ist der Schiedsrichter eine nicht am Spiel beteiligte Person?

Die Frage kann eindeutig mit nein beantwortet werden. Der Schiedsrichter sowie die eingetragenen Spieler und Offiziellen sind am Spiel beteiligte Personen. Damit kann also der gegebene 7-Meter-Wurf auch nicht begründet werden. 

Last but not least bleibt noch die Frage nach „höherer Gewalt“. Diese liegt in diesem Fall aber auch nicht vor. Denn höhere Gewalt erfordert einen völlig unerwarteten Eintritt eines unabwendbaren Ereignisses. Wenn jedoch mit dem Eintritt eines Ereignisses durchaus gerechnet werden kann, liegt keine höhere Gewalt vor. Ergo ist das Kreuzen der Laufwege, der Zusammenprall auch keine höhere Gewalt.

Was bedeutet das?

Auf den Punkt gebracht: Shit happens!

Eine solche Situation kommt zum Glück nur sehr, sehr selten vor. Eigentlich sollte so etwas nicht passieren, kann es aber, wie das Videobeispiel zeigt. 

Regeltechnisch kann es in derartigen Situationen keinen 7-Meter-Wurf geben – auch wenn es menschlich und sportlich nachvollziehbar erscheinen mag.

Welche Regel liegt hier nun zugrunde?

Analog ist hier Regel 7:9 anzuwenden. Sie nimmt in Kauf, dass der Schiedsrichter auch ein Tor erzielen kann, wenn der Ball ihn im Spielfeld trifft und von dort ins Tor gelenkt wird. Ebenso nimmt Regel 7:9 in Kauf, wenn der Schiedsrichter – aus welchen Gründen auch immer – vom Ball im Spielfeld stehend getroffen wird, der Ball die Torlinie dann nicht überschreitet und der Schiedsrichter also einen Torerfolg verhindert. Und im letzteren Fall kann auch nicht auf 7-Meter-Wurf entschieden werden.

Hier gilt und hilft dann wieder der berühmte Spruch, der Schiedsrichter ist Luft. Welche Auswirkungen „Luft“ haben kann, zeigt dieses außergewöhnliche Beispiel.

Auch wenn es im Bauch, in der Seele der Gerechtigkeit wehtut, muss der Kopf/das Regelwerk hier sagen: Spielfortsetzung Abwurf!

Fazit

Aufgrund der einschlägigen Regelbestimmungen liegt es letzten Endes in der Verantwortung jedes einzelnen Spielers, bei seinen Aktionen nicht vom Schiedsrichter behindert zu werden. Das betrifft auch seine Laufwege. Sicherlich sollte der Schiedsrichter dafür Sorge tragen, die Aktionsräume für die Spieler freizuhalten. Sein Stellungsspiel kann dennoch bisweilen ungünstig, aber nie regelwidrig sein. Auch die oben genannten Fragen aus dem Fragenkatalog machen deutlich, dass der Schiedsrichter keine regelwidrige Stellung einnehmen kann.

Das heißt für den Schiedsrichter: Augen auf beim Wechsel („Rückwärtslauf“) vom Feld- zum Torschiedsrichter, denn beim Stellungsspiel ist immer „Luft“ nach oben.

Derartige Situationen sollten unbedingt ein Einzelfall bleiben. Hoffen wir, dass wir in den nächsten Jahren von solchen Situationen verschont bleiben.

Kurzer Seitenblick zum Fußball

Hier wurde 2019 eine Regel geändert:

In der Vergangenheit war der Schiedsrichter hier ebenfalls „Luft“. Wenn er versehentlich angeschossen wurde, ging es einfach weiter. Nun gilt: Wird ein Unparteiischer angeschossen und ändert damit die Spielrichtung beziehungsweise den Ballbesitz oder geht der Ball dadurch sogar ins Tor, gibt es Schiedsrichterball, und zwar für die Mannschaft, die zuletzt am Ball war.