Das ehemalige Gespann Ronald Klein und Christoph Immel (Quelle: IMAGO/wolf-sportfoto)
Wie erarbeitet sich ein Schiedsrichter Respekt?
Für Ronald Klein sind solche Fragen in der Nachwuchsförderung des HV Niederrhein an der Tagesordnung. Der langjährige Erstliga-Schiedsrichter betont stets die Bedeutung von Kommunikation – und erklärt, warum es auf die ersten zehn Minuten ankommt.
Der Respekt der Spieler vor dem Schiedsrichter und seinen Entscheidungen: Das ist eine Grundvoraussetzung, um ein Spiel als Unparteiischer gut zu leiten. Fehlt der Respekt, gleitet einem das Spiel leicht aus der Hand. Gemeinhin gilt: Mit guter Leistung verdient sich ein Referee den Respekt, erarbeitet sich vielleicht sogar einen Vertrauensvorschuss für die Zukunft, doch ebenso leicht ist er wieder verspielt. Doch keine Regel bleibt ohne Ausnahme: Manchmal wird man für Entscheidungen ausgerechnet dann respektiert, wenn man am wenigsten damit rechnet.
Genau so ein Erlebnis hat sich Ronald Klein eingebrannt. Der langjährige Elite-Schiedsrichter leitete gemeinsam mit Christoph Immel über 600 Pflichtspiele für den Deutschen Handballbund. 2009 waren die beiden Unparteiischen bei einem Vorbereitungsturnier im Einsatz, es war das kleine Finale zwischen GWD Minden und der HSG Düsseldorf. Für ein vermeintliches Foul im Gegenstoß zückte Klein die rote Karte.
„Ich war der festen Überzeugung, dass es ein Foul war, doch beide Spieler kamen zu uns und haben gesagt: Das war nichts, der eine wäre nur ausgerutscht“, erinnert sich Klein. Nun stand für das Schiedsrichter-Duo die Frage im Raum: Nehmen wir die rote Karte zurück? „Ich habe mich in dem Moment damit sehr unwohl gefühlt, weil ich sicher war, dass wir damit den Respekt aller Beteiligten verlieren“, beschreibt Klein. „Denn wie glaubwürdig ist ein Schiedsrichter, der erst eine direkte rote Karte zieht und sie dann zurücknimmt? Damit wird doch für alle offensichtlich, dass man die Szene falsch gesehen hat.“
Dennoch rangen sich Immel und Klein dazu durch und revidierten die rote Karte – und die Folge überraschte niemanden mehr als die beiden Schiedsrichter selbst. „Witzigerweise konnten wir von dem Moment an eigentlich pfeifen, was wir wollten – die Spieler haben uns alles abgenommen“, schmunzelt Klein. „Nach dem Spiel haben alle gesagt, dass sie es selten erlebt hätten, dass Schiedsrichter die Courage haben, so eine Entscheidung zu revidieren. Das kam äußerst positiv an. Und auch für uns war das eine sehr positive Erfahrung, denn in dem Moment, als wir die Entscheidung zurücknahmen, hätte ich komplett mit dem Gegenteil gerechnet.“
Die Lehre aus dieser Geschichte gibt Klein heute an den Schiedsrichter-Nachwuchs im HV Niederrhein weiter. Der 43-Jährige betreut gemeinsam mit Martin Mende den Jugendförderkader des Landesverbandes und unterstützt die jungen Referees als Mentor. Der wichtigste Ratschlag, den Klein zum Thema Respekt gibt, ist daher immer derselbe: „Kommuniziert mit den Spielern und Trainern“, rät er. „Ich stelle bei jungen Schiedsrichtern oft fest, dass sie weit weg von der Situation sind, dabei kann man über eine authentische Kommunikation auf dem Spielfeld viel regeln und sich Respekt verschaffen.“
Viele Trainer störe es sehr, wenn (junge) Schiedsrichter erst auf sie reagieren, wenn es ihnen zu viel wird – und direkt zur Progression greifen. „Letztens war ich bei einem Spiel, in dem ein Trainer eine Entscheidung reklamiert hat. Unser junger Schiedsrichter ging zu ihm hin und hat gesagt: ‚Sorry, das habe ich nicht gesehen.‘ Und damit war die Situation sofort entschärft“, freut sich Klein. „Diese Souveränität – dass man sich traut, einen falschen Pfiff auch mal einzugestehen – fehlt gerade am Anfang einer Schiedsrichter-Karriere oft. Dabei kommt das viel besser an, als bei einem abgepfiffenen Vorteil mit einem Alibi-Handzeichen zu behaupten, es seien Schritte gewesen.“
Eine gute Kommunikation und ein authentisches Auftreten sind für Klein die Basis, um sich als Schiedsrichter Respekt zu erarbeiten. Er weiß aber um die Schwierigkeiten – gerade für den Nachwuchs. „Wenn man mit 16 oder 17 Jahren anfängt, zu pfeifen, steckt man oft in einem Dilemma“, sagt er. „Man muss, um sich Respekt zu verschaffen, an der ein oder anderen Stelle auch mal resoluter auftreten. Doch während genau das bei älteren Schiedsrichtern als Souveränität bezeichnet wird, wird es bei jungen Leuten gerne als Arroganz ausgelegt.“
Ein Patentrezept für die Lösung dieses Problems gibt es nicht. „Mit den Jahren kommt die Akzeptanz fast automatisch, weil man Erfahrung ausstrahlt“, weiß Klein. „Außerdem erarbeitet man sich durch gute, ordentliche Spielleitungen natürlich den Respekt. Wir haben mit den Jahren ein gewisses Grundvertrauen gespürt, weil die Mannschaften wussten: ‚Die kennen wir, die haben schon häufig ordentlich gepfiffen.‘ Du bekommst dann erst einmal einen Vertrauensvorschuss.“
Kommt man als Schiedsrichter hingegen das erste Mal zu einem Verein – am Anfang der Karriere oder nach dem Aufstieg in einen höheren Kader –, muss man sich erst einmal einen Namen machen. „Wenn du das erste Mal in einer Halle aufschlägst, spürst du immer eine gewisse Skepsis“, beschreibt Klein. „Jeder fragt sich: Können die das überhaupt? Du musst als Schiedsrichter bereit sein, dir den Respekt immer wieder neu zu erarbeiten. Beim zweiten oder dritten Mal an einem Spielort wird dir schon anders begegnet.“
Ausruhen könne man sich jedoch nie. „Du musst dich in jedem Spiel neu behaupten, denn kein Vertrauensbonus trägt dich über das gesamte Spiel“, betont Klein. „Es gibt keinen Schiedsrichter, dem man alles verzeihen würde.“ Dass selbst die deutschen Spitzenschiedsrichter immer wieder in der Kritik stehen, musste Klein selbst erleben. „Es ist ein rauer Wind, der dort weht“, sagt er heute. „Du wirst mit den Jahren aber auch stressresistenter, nimmst manche Dinge lockerer und bist Kritik gewohnt. Wenn du allerdings deine ersten Spiele vor 20 Leuten pfeifst, wo du jeden Zuruf hörst, ist das hart.“
Seine Empfehlung ist daher klar: Viel pfeifen, um viel Erfahrung zu sammeln. „Die Erfahrung bringt dir Souveränität in der Körpersprache und deinem ganzen Auftreten – und das schlägt sich auf die Akzeptanz deiner Entscheidungen nieder.“ Und dann kann man mitunter selbst eine rote Karte – erfolgreich – zurücknehmen. Allerdings sei so etwas, warnt Klein, nur begrenzt möglich: „Wenn ich mich zum vierten Mal in einem Spiel für einen Pfiff entschuldigen muss, wird mich niemand mehr respektieren.“
Drei Ratschläge von Ronald Klein zum Thema Respekt
1. Komm gut ins Spiel rein.
Als Schiedsrichter musst du dir den Respekt in jedem Spiel neu verschaffen, daher ist es immens wichtig, dass du gut reinkommst. Wenn du ein Spiel analysierst, das nicht gut gelaufen ist, wirst du oft feststellen, dass das Problem schon in der Anfangsphase gelegen hat, weil du es nicht geschafft hast, dem Spiel in den ersten fünf bis zehn Minuten deinen Stempel aufzudrücken.
Gerade in den ersten zehn Minuten wird genau registriert, wie du als Schiedsrichter auftrittst und welche Linie du vorgibst. Wenn du schwimmst und unsouveräne Entscheidungen triffst, verspielst du schon in dieser frühen Phase den Respekt, was sich später im Spiel durch die entsprechende Kritik und Hektik kennzeichnet. Wenn du in den ersten zehn Minuten hingegen die richtigen Entscheidungen triffst und die Pflöcke gut einschlägst, hast du auch in einem hektischen Spiel hintenraus Ruhe, weil die Mannschaften wissen, dass es mit dir bzw. euch heute klappt.
Auch die Phase vor dem Spiel, wenn ihr noch nicht einen Pfiff gemacht hast, spielt schon in das Bild, das man sich von euch macht, hinein. Seid daher rechtzeitig an der Halle, tretet einheitlich auf und seid kommunikativ – auf beiden Seiten. Macht euch nichts vor: Es wird genau beäugt, wer wie lange mit wem redet. Daher kann man als Gespann gut beraten sein, wenn man sich aufteilt – und einer mit jedem Trainer spricht. Und macht euch unbedingt in der Halle warm und nicht heimlich im Kabinengang. So zeigt ihr von Anfang an, dass ihr ein Teil des Spiels sein wollt.
2. Zeige deine Grenzen auf.
Ich habe als Spieler Respekt vor einem Schiedsrichter gehabt, wenn ich das Gefühl hatte, dass er objektiv pfeift – und man gemerkt hat, dass er sich nicht alles gefallen lässt. Vor einem Schiedsrichter, der auf Zuruf pfeift oder sich sichtbar von einem Trainer beeinflussen lässt, entwickelt kein Spieler Respekt. Daher musst du deine eigenen Grenzen aufzeigen.
Eine klare Kommunikation ist dafür unheimlich wichtig. Natürlich kannst und sollst du mit den Mannschaften sprechen, aber irgendwann muss es einen Punkt geben, an dem du deutlich machst: Jetzt reicht es. Es gibt Spieler oder Trainer, die bei jeder Entscheidung etwas von dir wollen. Da musst du klar sagen: „Das wird zu viel, ich kann dir nicht jeden Pfiff erklären.“
Man kann als Schiedsrichter auch durchaus mal aufzeigen, dass die Art und Weise der Kommunikation nicht gut ist. Eine Kommunikation im Vorbeigehen, unauffällig auf dem Spielfeld, ist oft eine gute Lösung für beide Seiten. Wenn ein Spieler oder Trainer aber immer wieder durch große Gesten für jeden in der Halle ersichtlich macht, dass er nicht einverstanden ist und damit bewusst die Stimmung anheizt, darf man das auch ansprechen.
3. Respekt gegen Respekt
Wenn du als Schiedsrichter respektiert werden willst, musst du auch den Spielern und Trainern Respekt entgegenbringen. Äußerungen wie ‚Ihr verliert doch heute eh‘ sind ein klares No-Go und völlig unangemessen. Behandle die Mannschaften immer respektvoll und vermittle ihnen nie das Gefühl, dass das Spiel dich langweilt oder vermeintlich ‚unter deiner Würde‘ ist. Es ist eigentlich ein einfacher Handel: Respekt gegen Respekt.