Fotos: privat
#Basisnah
Timm Jakowatz pfeift im Kreis Köln-Rheinberg. Der 53-Jährige griff im Alter von 36 Jahren das erste Mal im HV Niederrhein zur Pfeife und wechselte nach einem Umzug ins Gebiet des HV Mittelrhein. Für den sechsten Teil der Serie #Basisnah erinnert er sich an seine Anfänge als Schiedsrichter und beschreibt, was anfangs für die ihn die größte Herausforderung war.
Redaktion: Timm, warum hast du dich damals entschieden, den Schiedsrichter-Schein zu machen?
Timm Jakowatz: Ich habe mich berufen gefühlt, nachdem ich als Spieler die Leistungen der Schiedsrichter im Kreis für nicht immer gut befunden habe. Ich dachte mir: Das kannst du besser (lacht).
Was war anfangs die größte Herausforderung für dich?
Dem Spiel folgen zu können und es vernünftig zu leiten – so, wie es richtig sein soll. Ich habe es mir zwar nicht direkt einfacher vorgestellt, aber es ist eine Herausforderung, das ganze Regelwerk nicht nur im Kopf zu haben, sondern es auch in Sekundenbruchteilen abzurufen. Es gibt so viele Situationen, die für dich als Schiedsrichter zunächst neu sind, weil du sie als Spieler gar nicht wahrgenommen hast - und jetzt musst du sie auf einmal nicht nur bewerten, sondern auch eine Entscheidung treffen. Und im besten Fall ist es natürlich auch die richtige Entscheidung.
Wenn das ein junger Schiedsrichter liest, dem es ähnlich geht: Was würdest du ihm raten? Verzweifele nicht, denn es wird besser?
Definitiv! Ich würde dem jungen Schiedsrichter sagen: Bleibt cool und verlasse dich auf das, was du gelernt hast. Man kann am Anfang zwar nicht alles umsetzen, aber man kann zumindest wissen, wo es steht (schmunzelt). Es ist anfangs oft vorgekommen, dass ich diffus noch wusste, dass ich dazu mal etwas gelesen habe - und dann war ich mir auf dem Feld aber nicht ganz sicher. Also habe ich mich nach dem Spiel hingesetzt und nachgelesen, ob ich richtig entschieden habe oder nicht. Das hat mir geholfen.
Wann hattest du das Gefühl, dass du dich auf dem Feld sicher fühlst?
Nachdem ich mit meinem Gespannpartner aufgestiegen bin, im zweiten Jahr in der Verbandsliga. Wir hatten aber auch eine relativ gute Ausbildung im HV Niederrhein und ich mich, wie eben gesagt, auf das Gelernte verlassen.
Inzwischen bist du im Mittelrhein „zu Hause“. Wie erlebst du die Schiedsrichtersituation bei euch?
Die Situation ist schon sehr angespannt. Wir haben im Grunde genommen viel zu wenig Schiedsrichter in allen Ligen. Es werden auch nicht mehr alle Ligen besetzt; immer wieder muss der Heimverein den Schiedsrichter oder zumindest einen Spieler stellen, der pfeift. Was ich außerdem beobachte, da ich viel in den Hallen unterwegs bin: Dass viele junge Schiedsrichter allein gelassen werden.
Inwiefern?
Junge Schiedsrichter bräuchten in meinen Augen oft eine Betreuung. Statt sie ins kalte Wasser zu werfen, wäre es gut, wenn man sie drei bis fünf Spiele an die Hand nimmt und ihnen eine Rückmeldung gibt: Daran musst du noch arbeiten, aber auch: Das hast du gut gemacht, das solltest du beibehalten. Es ist sehr wichtig, dass nicht immer nur kritisiert wird, was falsch war, sondern sie auch positive Dinge hören.
Dein Eindruck deckt sich mit den Schilderungen in den vorherigen Folgen: Es scheint unfassbar schwer, jemanden zu finden, der sich noch als Schiedsrichter auf das Feld stellt…
Das liegt aus meiner Sicht auch am Umgang – gerade mit jungen Schiedsrichter. Sie sind nicht nur als Schiedsrichter noch am Anfang ihrer Entwicklung, sie haben auch als Mensch noch nicht so viel Lebenserfahrung. Und wenn ein 16- oder 18-Jähriger in der Kreisliga für jede Entscheidungen angegangen und alles kommentiert wird, hinterfragt er sich natürlich. Er wird unsicherer, wenn er keine Begleitung hat – und durch die Unsicherheit werden die Entscheidungen unsicherer. So bauscht sich das alles auf. Manchmal lässt man den Schiedsrichtern so gar keine Chance, es richtig zu machen.
Was wäre ein Weg, um die Situation zu verbessern?
Ich glaube, dass man es nicht komplett abstellen kann. Auf Social Media darf jeder sein Zeug ungefiltert in den Äther blasen – und so ist das in den Hallen auch. Bei mir gibt es eine Grenze, was ich von den Spielern und Trainern zulassen will. Emotionen sind in Ordnung, Handball ist ein emotionaler Sport, aber wenn die ganze Zeit nur noch gepöbelt wir, unterbreche ich das Spiel und fordere Ruhe ein. Wenn es trotzdem weitergeht, gibt es eine Strafe.
Junge Schiedsrichter trauen sich jedoch oft nicht, durchzugreifen, weil der Trainer oft älter ist; sie haben Respekt. Dabei wären sie ja absolut im Recht. Abgesehen von dem Respekt muss man allerdings auch die Folgen aushalten können. Nach der Entscheidung ist ja nicht Ruhe, sondern du hast Bank und Mannschaft oft erst recht gegen dich.
Und die Zuschauer…
Die Zuschauer muss man ohnehin ausblenden. Wenn man zuhört, was da immer wieder von den Rängen gebrüllt wird – teilweise auch sehr persönlich und beleidigend –, dann müsste man als Schiedsrichter sich eigentlich weigern, weiter zu pfeifen.
Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Dass ich als Schiedsrichter ein Teil des Spiels bin und keine außenstehende Person, kein Fremdkörper auf dem Feld. Wenn man es schafft, sich in das Spiel zu versetzen, aber dabei im Hintergrund bleibt und nicht das Geschehen an sich reißt, erarbeitet man sich schnell eine Akzeptanz und findet einen viel besseren Umgang mit den Mannschaften.