Fotos: privat
#Basisnah
Holger Wedekind ist seit 1979 als Schiedsrichter im Hessischen Handball-Verband unterwegs. Er pfeift an einem Wochenende auch gerne mehrere Spiele, wenn er gebraucht wird – so geht es von der Bezirksoberliga der Männer zum Minispielfest und dann zur Landesliga der Frauen. Zusätzlich ist er seit vielen Jahren als Ausbilder und Beobachter – bis hin zur 3.Liga – aktiv. Im Interview schildert er seinen persönlichen Eindruck…
Redaktion: Holger, wie bist du damals zum Pfeifen gekommen?
Holger Wedekind: Ich habe bereits als kleiner Bub oft zugeguckt, wenn mein Vater gepfiffen hat. So wusste ich relativ früh, dass ich das auch machen möchte. Ich habe dafür viel Zuspruch bekommen und habe die Prüfung abgelegt, als ich 15 Jahre alt war. Nachdem ich die ersten fünf oder sechs Spiele gepfiffen hatte, durfte ich mein erstes Spiel bei den Erwachsenen pfeifen, weil man erkannt hat, dass es gut klappt und ich mich durchsetzen konnte. Auch die Kommunikation mit den Trainern und Spielern hat funktioniert, das war wichtig.
Die neue Herausforderung war also kein Problem für dich?
Nein, das war kein Problem. Ich hatte ja viele Spiele von meinem Vater beobachtet und durfte bereits, bevor ich den Schein hatte, mit 12, 13 Jahren die ersten Erfahrungen in Probespielen sammeln. Ich würde daher befürworten, dass man schon früher anfangen darf. Momentan liegt die Altersgrenze oft bei 16 Jahren, doch bei jüngeren Jugendmannschaften – gerade im weiblichen Bereich – kann man auch schon 14-Jährige an das Pfeifen heranführen. Mit Coaching und Unterstützung ist das machbar. Das hat wie bei mir selbst auch bei meinen Kindern funktioniert, sowohl meine Tochter als auch mein Sohn waren bzw. sind als Schiedsrichter unterwegs.
Doch so leicht wie du findet nicht jeder in die Aufgabe hinein…
Das stimmt, das habe ich bei der Begleitung von jungen Schiedsrichtern oft erlebt. Es gibt immer wieder Neulinge, die nach fünf oder sechs Spielen erkennen, dass sie es nicht schaffen. Sie spielen meistens selbst Handball, daher sind nicht die Regeln das Problem, aber sie brechen nach Fehlern ein, weil es viel Kritik von den Bänken und den Zuschauern gibt. Sie sitzen dann in der Kabine und sagen: Ich fühle mich dem nicht gewachsen.
Das ist ein Problem, das nicht nur in Hessen existiert – auch in der letzten Folge (Teil 4: Julian Kockskämper) kam diese Problematik zur Sprache. Wie würdest du generell die Situation in eurem Landesverband beschreiben?
Da ich in den letzten zwei Jahren in erster Linie in meinem Bezirk unterwegs war und auch nur noch dort Beobachtungen gemacht habe, habe ich ein bisschen den Überblick verloren, was das gesamte hessische Schiedsrichterwesen angeht. Mein persönlicher Eindruck ist jedoch, dass es in den letzten 10 bis 15 Jahren einen Wandel gab. Das ist in unserem Bezirk erkennbar. Die Zahlen sind rückläufig und gerade die Jugendlichen verlieren wie eben gesagt schnell denn Spaß, weil sie oftmals fertig gemacht werden und werfen die Schiedsrichterei schnell wieder hin. Das ist natürlich schade, denn nach der Ausbildung bleiben uns Schiedsrichter oft nur ein oder zwei Jahre erhalten.
Was ist deine Erklärung?
Ich glaube, dass ein Teil durch die Medien bedingt ist. Es wird viel im Internet oder in irgendwelchen Whats-App-Gruppen geschrieben. Das ist schwierig. Es ist aber auch ein soziales Problem. Ich habe das selbst erlebt. Man hat mich mal zu einem Spiel in der D-Jugend geschickt. Es war das „Spitzenspiel“ auf Bezirksebene in dieser Altersklasse und im Hinspiel gab es schon Probleme – und ich habe dann selbst erlebt, was da abgeht. Ein unerfahrener, junger Schiedsrichter wäre wahrscheinlich heulend aus der Halle geflüchtet und das hätte ihm niemand vorwerfen können.
Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Da fällt mir nichts ein. Ich weiß aber noch, was für mich damals wichtig war: Wir hatten früh gute Fürsprecher. Mein Bruder und ich wurden damals sofort gefördert, wir sind aus dem Bezirk schnell in den hessischen und dann in den südwestdeutschen Handballverband aufgestiegen. So ein Vertrauen, wenn man den Weg geebnet bekommt, bestärkt einen jungen Schiedsrichter ungemein.