Pelin Odabas und Lynn van Os (Quelle: DHB)
An ihr erstes Spiel im Männer-Bereich können sich Lynn van Os und Pelin Odabas gar nicht mehr so genau erinnern. „Es war 2019, aber ich musste das erst nachschauen“, grinst van Os. „Das zeigt für mich, dass wir uns weder davor einen großen Kopf gemacht haben noch es im Nachgang prägend war.“ Denn an einschneidende Spiele und Erlebnisse auf dem Spielfeld, das kennt jeder Referee, erinnert man sich später deutlich – so, wie beispielsweise an das erste Drittliga-Männerspiel.
„Wir haben das Derby zwischen dem Oranienburger HC und den Füchsen Berlin 2 gepfiffen“, erinnert sich Odabas. „Es war eine ausverkaufte Halle Halle mit knapp 1.000 Zuschauenden – vor so einer Kulisse ein Spiel zu leiten, war sehr eindrücklich und eine coole Erfahrung. Das hat extrem viel Spaß gemacht.“ Die beiden Berlinerinnen gehören aktuell dem Kader der 3. Liga des Deutschen Handballbundes an.
Während es für Odabas/van Os ebenso wie für die anderen weiblichen Schiedsrichter-Teams im Deutschen Handballbund inzwischen normal ist, auch bei den Männern eingesetzt zu werden, ist das noch nicht in jedem Landesverband der Fall – entweder, weil die Ansetzer nicht allen weiblichen Gespannen auch Männer-Spiele zuteilen oder die Schiedsrichterinnen von sich aus keine Männer pfeifen wollen.
„Eigentlich darf es keine große Rolle spielen, ob man Männer oder Frauen pfeift“, sagt van Os. „Unser Job bleibt ja gleich, denn es ist die gleiche Sportart mit dem gleichen Regelwerk.“ Allerdings, und auch das wissen alle Schiedsrichter*innen: „Es ist ein Unterschied im Gesamterlebnis“, wie van Os es formuliert. Mehr Fans in der Halle und/oder eine höhere Dynamik sind nur zwei mögliche Faktoren.
Der größte Schritt in der Entwicklung als Schiedsrichter, da sind sich die Berlinerinnen einig, liegt jedoch gar nicht in der Frage, ob Männer- oder Frauenspiel, sondern an dem Schritt vom Jugend- in den Erwachsenenbereich. „Die Erwachsenen – sowohl Männer als auch Frauen – haben in der Regel mehr Erfahrung und sind cleverer als Kinder und Jugendliche – und teilweise auch als du selbst, wenn du als junger Schiedsrichter ankommst“, beschreibt van Os. „Und das versuchen sie, zu ihrem Vorteil zu nutzen.“
Man müsse sich also erst einmal daran gewöhnen, Erwachsene zu pfeifen – egal, ob Männer oder Frauen. „Es gibt geschlechtsunabhängig immer Trainer und Mannschaften, die sehr emotional und manchmal einfach drüber sind“, sagt auch Odabas. Eine für sie wichtige Erkenntnis an diesem Punkt sei gewesen, „das unverhältnismäßige Verhalten nicht persönlich zu nehmen.“
Zudem sei es wichtig, „nicht zu nett sein“, wie van Os ergänzt. „Wir haben uns bei den Männer-Spielen am Anfang sehr schwer getan, weil wir unterbewusst das Bedürfnis hatten, uns mehr erklären zu müssen. Das ist nicht hilfreich, denn natürlich darf man nicht jede Entscheidung rechtfertigen, sondern muss mit klaren Ansagen arbeiten und sich nicht auf jede Diskussion einlassen.“
Doch während es in der LIQUI MOLY HBL inzwischen selbstverständlich ist, dass Tanja Kuttler und Maike Merz auf dem Feld stehen und auch in der 2. Bundesliga und 3. Liga durch die Gleichstellung immer mehr zur Normalität gehören, fallen weibliche Schiedsrichter-Teams oder auch Einzel-Schiedsrichterinnen an der Basis immer noch auf.
„Die Wahrnehmung ist sehr schwankend“, berichtet auch Odabas aus ihrer Erfahrung. „Bei einigen Spielen haben wir wirklich das Gefühl, dass es keinen interessiert, dass wir Frauen sind, denn es begegnen sich alle sind auf Augenhöhe. In anderen Spielen wird uns jedoch noch von Anfang an vermittelt, dass wir heute mehr im Fokus stehen.“
Die Berlinerinnen nehmen das gelassen. „Da es einfach weniger Frauen-Gespanne gibt, bleibt es für einige Mannschaften eben noch ungewöhnlich“, sagt Odabas. „Die Gleichstellung im Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes war jedoch ein wichtiger Schritt für alle Schiedsrichterinnen – und wir haben so natürlich bereits das Glück, dass wir nicht die Ersten sind, sondern es schon Vorreiterinnen gab.“
Noch vor Kuttler/Merz ist an dieser Stelle Jutta Ehrmann-Wolf zu nennen, die gemeinsam mit Susanne Künzig 1996 als erstes Frauen-Team in der 1. Männer-Bundesliga pfiff. „Frauen als Schiedsrichter waren damals kein normales Bild, noch viel seltener als heute. Das brachte für uns immer wieder Kämpfe um Anerkennung und Akzeptanz innerhalb des Kaders mit sich“, erinnert sich Ehrmann-Wolf an die ersten Jahre ihrer Karriere.
Als Leiterin des Schiedsrichterwesens im Deutschen Handballbund will sie heute dafür sorgen, dass es ihre Nachfolgerinnen an der Pfeife einfacher haben. „Es ist mein Wunsch bzw. meine Vision für die Zukunft, dass es egal in welcher Liga keine Rolle mehr spielt, ob der Unparteiische männlich oder weiblich ist – die Schiedsrichter müssen gut sein.“
Doch soweit ist das Schiedsrichterwesen noch nicht. Um die Weiterentwicklung zu unterstützen, braucht es auch und gerade die Ansetzer:innen an der Basis. Wenn es für Neueinsteigerinnen normal ist, auch im männlichen Jugendbereich zu pfeifen, ist die Lücke zum Schritt in den Männerbereich kleiner.
Eine wichtige Funktion sieht Ehrmann-Wolf bei den Ausbildungen zum Kinder- und Jugendhandball-Spielleiter. „Die Jugendlichen werden gemeinsam ausgebildet, pfeifen danach im Kinder- und Jugendhandball beide Geschlechter“, erklärt sie. „Wenn diese Tatsache einfach so weitergeführt wird, wird es uns gelingen, dass es mehr und mehr normal wird an der Basis, dass alle alles pfeifen.“
Dass diese Normalität möglich ist, zeigt der Beachhandball, wo van Os und Odabas ebenfalls auf dem Feld stehen. Sie drücken für die Halle die Daumen, dass sich auch bislang zögerliche Schiedsrichterinnen trauen, sich bei Männer-Spielen auf das Feld zu stellen.
„Habt Vertrauen in euch“, sagt Odabas. „Jeder und jede macht Fehler, sowohl Spieler als auch Schiedsrichterinnnen, das ist menschlich. Man wird nie wissen, wie es ist, wenn es nicht ausprobiert – daher können wir nur empfehlen, einmal ins kalte Wasser springen.“ Auch Ehrmann-Wolf ermutigt: „Vertraut auf eure Stärken, geht mutig an die Sache ran und sucht euch Mentoren, die euch auf diesem Weg begleiten und ehrliches Feedback geben.“