Foto: Julia Nikoleit

Im Fokus: Die Schiedsrichter-Zahlen an der Basis

Wie viele Schiedsrichter*innen gibt es in Deutschland? Jeden Herbst melden die Landesverbände ihre Zahlen an den Deutschen Handballbund; aktuell läuft die Abfrage für das Jahr 2025. Ein Blick auf die Entwicklung der letzten 20 Jahre zeigt deutliche Veränderungen.

Der Schiedsrichter-Mangel an der Basis ist kein Geheimnis. Vereine, Verbände und Schiedsrichter*innen bestätigen diesen Trend nahezu überall. Auch unsere Serie #Basisnah hat das in knapp 20 Folgen in den Jahren 2022 und 2023 immer wieder aufgezeigt.

Die Zahlen belegen den Negativtrend: Seit 2004 (28.422) ist die Zahl der von den Landesverbänden gemeldeten Schiedsrichter*innen deutlich gesunken. Die jüngste Erhebung aus 2024 weist nur noch 18.208 Unparteiische aus – das sind rund 10.000 weniger als vor 20 Jahren.

Seit dem Höchstwert von 2007 (30.156) ging die Zahl zunächst langsam, aber kontinuierlich zurück, bevor sie zwischen 2019 (26.255) und 2022 (19.268) abrupt einbrach. Die Ursache ist offensichtlich und wird von vielen Verantwortlichen bestätigt: Während der Corona-Pandemie ließen viele Schiedsrichter:innen ihre Lizenz auslaufen und kehrten auch danach nicht zurück.

Der starke Rückgang während der Pandemie hat mehrere Gründe. Viele Unparteiische haben tatsächlich aufgehört, und durch die Zwangspause wurde die Datenlage überarbeitet, sodass Karteileichen aus der Statistik fielen. Die fortschreitende Digitalisierung trägt ebenfalls dazu bei, dass die Zahlen heute genauer erfasst werden.

Wie aussagekräftig die Schiedsrichterzahl tatsächlich ist, bleibt offen. Zwar zeigt sich ein Negativtrend, doch auch die Zahl der Mannschaften (Erwachsene bis einschließlich D-Jugend; E-Jugend und Minis nicht eingerechnet) ist zurückgegangen. Statistisch bedeutet das: Seit der Saison 2015/16 (22.181 Mannschaften) ist die Abdeckung im Vergleich zur Saison 2023/24 (18.944 Mannschaften) von 0,83 auf 0,98 Schiedsrichter pro Mannschaft gestiegen.

Allerdings gibt es eine gewisse Unschärfe in den Zahlen, da nicht klar ist, worauf die gemeldeten Werte basieren. Handelt es sich um gültige Schiedsrichterlizenzen, um Unparteiische, die grundsätzlich pfeifen wollen, oder um diejenigen, die bereits mindestens ein Spiel gepfiffen haben? Der Deutsche Handballbund errechnet die Schiedsrichterzahl auf Basis der Meldungen aus den Landesverbänden, die wiederum ihre Daten von den Kreis- oder Bezirksverbänden erhalten.

Die reine Zahl sagt zudem nichts über die Einsatzbereitschaft der einzelnen Schiedsrichter:innen aus. Statistiken darüber, wie viele Spiele ein Schiedsrichter im Durchschnitt pfeift, gibt es deutschlandweit nicht. An der Basis zeigt sich, dass die Einsatzbereitschaft stark variiert: Manche Unparteiische pfeifen über 300 Spiele pro Saison, andere übernehmen keine drei Einsätze. Aufgrund vieler Freitermine müssen Ansetzer ihre Spiele oft trotz 20 bis 40 Prozent Fehlquote besetzen.

Der Schiedsrichtermangel lässt sich also nicht allein an der gesunkenen Zahl festmachen, sondern auch an der Verfügbarkeit der Aktiven. Mit Förderprogrammen und Sanktionen – von Punktabzug bis Geldstrafen – versuchen die Verbände gegenzusteuern, bislang jedoch ohne den Negativtrend zu stoppen.

Ein interessantes Detail: Die Anzahl der weiblichen Schiedsrichterinnen ist über die Jahre zwar nicht absolut gestiegen, aber ihr Anteil ist deutlich höher. „Früher war es eine Sensation, wenn eine Frau als Schiedsrichterin in die Halle kam – und sie musste auch noch fünfmal so gut sein“, erinnert sich Top-Referee Tanja Kuttler. „Heute interessiert es im Dorfverein niemanden mehr, wenn eine Frau pfeift.“

Die Zahlen bestätigen diesen Eindruck: Für 2024 meldeten die Landesverbände 4.463 Schiedsrichterinnen – das entspricht rund 25 Prozent der Gesamtzahl (18.208). Zum Vergleich: 2008 waren ebenfalls 4.453 Schiedsrichterinnen aktiv, bei damals 30.076 Schiedsrichter:innen insgesamt, also nur 15 Prozent.

Dass es – in der Bundesliga wie an der Basis – immer selbstverständlicher wird, dass Frauen Spiele leiten, „spielt uns positiv in die Karten“, so Kuttler: „Je öfter man etwas sieht, umso normaler wird es – und dann lohnt es sich nicht mehr, darüber zu sprechen.“

Unabhängig vom Geschlecht steht fest: Der Handball braucht alle, die bereit sind, die Pfeife in die Hand zu nehmen. Das betont auch Jutta Ehrmann, Leiterin Schiedsrichterwesen im Deutschen Handballbund: „Ich bin sehr dankbar, dass sich so viele Männer, Frauen und Jugendliche an jedem Wochenende in die Hallen stellen und den Handball am Leben erhalten“, sagte sie am „Tag des Schiedsrichters“ in der vergangenen Woche. 

Neben dem Pfeifen tragen auch Lehre, Organisation, Coaching und Nachwuchsarbeit dazu bei, dass das Ehrenamt lebt. „Alle Vereine und Verbände – von oben bis unten – müssen einfach froh sein, dass wir so engagierte Leute haben, die ihre Freizeit ins Schiedsrichterwesen stecken“, so Ehrmann weiter. Ob die zahlreichen Projekte – darunter die Kampagne „Hands up for more“ – den Negativtrend zumindest aufhalten konnten, wird sich mit den Zahlen für 2025 zeigen.

 

* In den Jahren 2006 und 2007 wurde die Zahl der Schiedsrichter*innen ebenfalls abgefragt, aber nicht alle Landesverbände machten dazu Angaben. Für die Jahre 2004 und 2005 weist die Statistik des Deutschen Handballbundes nur eine Gesamtzahl aus; das Geschlecht wurde nicht erhoben.