Gespann Jan und Manuel Lier (Quelle: DHB)
Auf Augenhöhe – als Mann bei Frauenspielen
Anruf bei Manuel Lier. Der Bundesliga-Schiedsrichter muss erst einmal schmunzeln, als er die Frage hört. Im Bundesligakader hat das Gespann Lier/Lier – Manuel und sein Bruder Jan – den Ruf der „Frauenversteher“ weg, seitdem die Rückmeldungen aus den Vereinen der 1. und 2. Bundesliga Frauen in einer Saison sehr positiv waren. Was macht das Duo also vielleicht besonders gut - oder anders als die Kollegen?
Daraufhin zuckt Lier erst einmal mit den Schultern. „Für uns macht es keinen Unterschied, ob wir Männer oder Frauen pfeifen“, sagt der gebürtige Stuttgarter. „Wir gehen an jedes Spiel gleich heran, bereiten uns gleich vor, treten gleich auf.“ Er überlegt kurz: „Vielleicht ist genau das der Punkt. Möglicherweise machen sich männliche Schiedsrichter vereinzelt zu viel Kopf, was sie bei Frauen anders machen müssen.“
Denn auch, wenn man das in Zeiten von Gleichberechtigung und Gleichstellung nicht gerne lesen mag: Für einen kleinen Prozentsatz der Unparteiischen spielt der Unterschied zwischen Männer- und Frauenspielen durchaus eine Rolle. Es werden Ansetzungen bei den Männern bevorzugt, während man(n) zugleich hofft, nicht „nur“ ein Frauenspiel abzubekommen.
Das ist eine Sichtweise, die Lier persönlich nicht nachvollziehen kann, aber über die Jahre auch vereinzelt wahrgenommen hat. „Ich glaube, dass man es sich gerade damit schwer macht“, sagt er. „Denn damit geht oft einher, dass man sich als Schiedsrichter in Frauenspielen anders verhält - und genau das ist Knackpunkt. Meiner Erfahrung nach wollen Spielerinnen gar keine Sonderbehandlung, sondern einfach einen authentischen Schiedsrichter, der mit ihnen auf Augenhöhe umgeht.“
Augenhöhe ist ein Begriff, der in diesem Kontext immer wieder fällt - ebenso wie Kommunikation. „Kommunikation ist zentral“, betont Lier und berichtet aus der eigenen Erfahrung: „Wenn Spielerinnen sich über Schiedsrichter beschweren, ist der Kern häufig: Es gab keine Kommunikation, es gab kein Feedback.“ Daher ist auf dem Feld eine gewisse Empathie gefragt.
Vielleicht sei das ein Grund, mutmaßt Lier, warum sein Bruder und er keine speziellen Probleme mit Frauenspielen haben. „Wir sind kein Gespann, das sich mit seinem Auftreten in den Mittelpunkt stellen will, sondern wir sind zurückhaltend und versuchen, den Mannschaften den Raum zu geben, legen dabei aber großen Wert darauf, zu kommunizieren - mit den Spielerinnen ebenso wie mit den Trainern.“
Aufeinander eingehen, den Gegenüber ernst nehmen, Feedback geben: Das ist der Dreiklang einer gelungenen Kommunikation auf dem Feld. „Egal, ob du Männer oder Frauen pfeifst: Du darfst nicht abgehoben sein oder alles abblocken“, beschreibt Lier und betont nochmals: „Du musst den Spielerinnen und Spielern auf Augenhöhe begegnen und natürlich sein.“ Denn sich zu verstellen, funktioniere als Schiedsrichter ohnehin nicht. „Es merkt jeder, wenn du auf dem Feld krampfhaft versuchst, etwas anders zu machen als das, wie du sonst bist.“
Eigentlich habe man es als Mann bei Frauenspielen sogar einfacher als die weiblichen Kolleginnen an der Pfeife. „Von Frauen-Gespannen wurde uns in den letzten Jahren hin und wieder gespiegelt, dass es für sie gerade bei Frauenspielen schwieriger ist, weil sie sich gerade gegenüber anderen Frauen erst einmal beweisen müssen“, sagt Lier. „Als Mann sei das anders, denn wenn man nicht überheblich oder unnatürlich an das Spiel herangeht, hat man es vergleichsweise leichter.“
Welche Rolle die Konstitution spielt, vermag Lier pauschal nicht einschätzen. „Mein Bruder und ich sind körperlich nicht die Größten, daher fällt es uns leicht, buchstäblich auf Augenhöhe mit den Spielerinnen zu sprechen“, grinst er und ergänzt: „Bei Männerspielen kann es sicherlich ein Vorteil ist, körperlich imposant zu sein, aber ob es ein Nachteil bei Frauenspielen ist? Das hängt wahrscheinlich von der individuellen Wahrnehmung der Spielerinnen ab.“
Einen ultimativen Tipp, wie man(n) sich bei Frauenspielen nicht mehr so schwer tut, vermag Lier daher nicht zu geben. „Es gibt nicht das eine Geheimrezept oder die eine Stellschraube“, sagt der Bundesliga-Schiedsrichter. „Legt Wert auf eine gute Kommunikation, begegnet den Spielerinnen auf Augenhöhe und traut euch ansonsten, so zu sein, wie ihr nun einmal seid. Mehr kann ich leider nicht raten.“