Abwerfen eines Gegenspielers beim Anwurf

Die Möglichkeit, den Anwurf aus der Anwurfzone auszuführen, hat sich insgesamt positiv auf eine schnelle Spielfortsetzung ausgewirkt. Gleichzeitig erleichtert sie den Schiedsrichtern in vielen Situationen die Spielleitung.

Nach einem Torerfolg ist jedoch ein schnelles Umschalten vom Tor- zum Feldschiedsrichter erforderlich. Ein zu langes Verharren in der Position als Torschiedsrichter führt zu einem räumlichen Nachteil und damit häufig zu einem ungünstigen Stellungsspiel.

Anhand einer Szene aus der EHF-Europameisterschaft 2026 soll aufgezeigt werden, welche Spielsituationen dabei entstehen können und wie unsportliches Verhalten des Anwurfausführenden zu bewerten ist. Die Szene stammt aus dem Vorrundenspiel Schweiz – Slowenien vom 18. Januar 2026.


Was passiert in der Szene?

Team Schweiz (ROT) will nach dem Torerfolg von Team Slowenien (WEISS) einen Anwurf ausführen. Die Spieler von Team WEISS laufen schnell in ihre Spielfeldhälfte zurück. Dabei laufen WEISS 24 und WEISS 8 in Richtung der Anwurfzone.

Kurz vor der Ballannahme hat WEISS 24 den Anwurfausführenden ROT 23 bereits seitlich passiert. WEISS 8 wird von ROT 11 in Richtung des Ausführenden gedrängt und durchläuft dadurch die Anwurfzone von rechts nach links.

Der den Anwurf ausführende Spieler ROT 23 hat eine korrekte Position eingenommen (Ball und Spieler vollständig in der Anwurfzone) und wirft den Ball leicht gegen die Schulter von WEISS 8, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Anwurfzone befindet. Mit Handzeichen zeigt ROT 23 dem Schiedsrichter die seiner Meinung nach regelwidrige Position von WEISS 8 und damit die „Verhinderung“ des Anwurfs an.

Nach einem Time-out entscheiden die Schiedsrichter auf eine Hinausstellung gegen ROT 23 sowie auf Freiwurf aus der Anwurfzone für Team WEISS.

Wie ist diese Situation zu bewerten?


Regeltechnische Einordnung

Gegenüber dem Anwurf zu Beginn einer Halbzeit bestehen beim Anwurf nach einem Torerfolg wichtige Unterschiede:

  • Während sich im ersten Fall alle Spieler in der eigenen Hälfte befinden müssen, dürfen sich die Abwehrspieler beim Anwurf nach einem Torerfolg in beiden Hälften der Spielfläche aufhalten.
  • Sie müssen sich dabei jedoch – wie auch im ersten Fall – außerhalb der Anwurfzone befinden und dürfen Ball oder Gegenspieler innerhalb der Anwurfzone nicht berühren, bis der Wurf als ausgeführt gilt.

Auch wenn die Position eines Abwehrspielers innerhalb der Anwurfzone nicht korrekt ist, dies aber keine Auswirkung auf die (schnelle) Ausführung des Anwurfs hat – der zurücklaufende Spieler nimmt also keinen Einfluss auf die Ausführung –, ist die richtige Lösung: Vorteil laufen lassen und ein nachträglicher Hinweis an den Abwehrspieler.

In der vorliegenden Situation läuft zunächst WEISS 24 verbotenerweise durch die Anwurfzone, jedoch ohne aktive Handlung. Bei der Ballannahme befindet sich der Abwehrspieler bereits außerhalb des Sichtfelds des Anwurfausführenden bzw. in dessen Rücken.

WEISS 8 will ebenfalls in seine Spielfeldhälfte zurücklaufen und versucht im Ansatz, die Anwurfzone zu vermeiden. Beim Zurücklaufen wird er allerdings noch vor der Anwurfzone von ROT 11 in die Anwurfzone gedrängt und duckt sich sogar noch vor ROT 23, um die Ausführung nicht zu behindern.

ROT 23 nutzt nun die Gelegenheit und wirft den Abwehrspieler an, der sich in der Anwurfzone befindet. Der Werfer „zerstört“ den Anwurf absichtlich, indem er den Ball gezielt in Richtung des Abwehrspielers (auf dessen Rücken/Schulter) wirft – in die Richtung, in die sich der Abwehrspieler befindet bzw. bewegt.

Der Werfer versucht dabei nicht, den Ball zu einem Mitspieler zu passen. Seine Absicht ist vielmehr, eine Entscheidung zu provozieren, durch die der Verteidiger bestraft werden soll. Dies ist als unsportliches Verhalten zu ahnden.

Wäre der Ball tatsächlich in Richtung eines Mitspielers gespielt worden und wäre eine ähnliche Situation entstanden, müsste der Abwehrspieler selbstverständlich mit einer Hinausstellung bestraft werden.

Eine solche Auslegung und Handhabung der Situation sollte eine präventive Wirkung haben und den Schiedsrichtern die Spielleitung erleichtern.


Bewertung, Ahndung und Spielfortsetzung

Wie ist das Verhalten des Werfers zu bewerten bzw. zu ahnden – und wie erfolgt die Spielfortsetzung?

  • Wenn die Schiedsrichter den Anwurf angepfiffen haben:
    Freiwurf für die gegnerische Mannschaft und direkte Hinausstellung für den Werfer.

  • Wenn die Schiedsrichter den Anwurf nicht angepfiffen haben:
    Anwurf und direkte Hinausstellung für den Werfer.